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ST.GALLEN: In der Stadt gibt es heute Brot in Form von Brüsten

Heute feiert die Katholische Kirche den Agathatag. Die Schutzpatronin der Feuerwehr hatte ein kurzes Leben und erlitt einen grausamen Tod. Ihr zu Ehren wird heute vielerorts Brot gesegnet.
Brigitte Schmid-Gugler
Die heilige Agatha mit ihren abgeschnittenen Brüsten. (Bild: Francisco de Zurbarán)

Die heilige Agatha mit ihren abgeschnittenen Brüsten. (Bild: Francisco de Zurbarán)

Brigitte Schmid-Gugler

brigitte.schmid@tagblatt.ch

Es gibt sehr viele mehr als das Alphabet Buchstaben hat: Heilige im Jahreskreis. Sie alle machten sich verdient im christlichen Dienst und Bekenntnis. In unzähligen Kapiteln glaubensbedingter Widerlichkeiten und Perversionen wurden sie zu Märtyrerinnen und Märtyrern, zu Wohl- und Wundertätern, zu Hell- und Dunkelseherinnen. Nehmen wir Z wie Zita: Als Zwölfjährige – heutzutage ein klarer Fall von Kinderarbeit – war sie im 13. Jahrhundert als Dienstmagd zu einer reichen Familie gekommen. Es wird erzählt, sie sei dort ausgebeutet und geschlagen worden. Doch sie tat Gutes, war nett zu Ihresgleichen, also zu den Armen, und – was gerade im Katholizismus nicht selten vorkommt – sie soll Zauberkräfte gehabt haben: Wasser wurde zu Wein; Brote, die sie verteilt hatte, flogen ihr als Blumen zurück in den Schoss.

Wunder und Mysterienglauben

Auch bei A wie Agatha spielen Magie und Brot eine wichtige Rolle. Die heilige Agatha,

Anzurufende bei Krankheiten der Brust, wurde ums Jahr 220 nach Christus herum in Sizilien geboren. Anders als Zita hatte sie wohlhabende Eltern. Doch dies sollte kein Freipass sein für ein behütetes und selbstbestimmtes Leben. Den römischen Statthalter gelüstete nach ihr. Agatha, die flammende Christin, wollte nichts zu tun haben mit einem Heiden. Dieser machte kurzen Prozess und liess der jungen Frau die Brüste wegschneiden. Im Gefängnis soll sie wundersam geheilt worden sein, was ihr noch schlimmere Folter einbrachte. Agatha starb, und vollbrachte gemäss der Überlieferung nach ihrem Ableben selber Wunder: Die Reliquie ihres Schleiers soll den Lavastrom des Ätna aufgehalten haben. Das kann glauben, wer will. Wahr ist, dass der heutige Agathatag bis heute in zahlreichen katholischen Kirchen besonders gefeiert wird und aller Prüderie zum Trotz gar Brötchen in Form einer weiblichen Brust gebacken werden. Auch andere Formen existieren. In der Innerschweiz macht man Ringli aus Zopfteig. Selber erinnert man sich – und das war lange vor der Trickfilmserie «Bernd das Brot» – an eine Brezelform, die man als Kind zur Segnung in die Kirche trug. Und dies nur zwei Tage vor dem letzten Gottesdienst und einer anderen Segnung: B wie Blasius, auch er ein Märtyrer im Römischen Reich, hilft bei Halsschmerzen. Ist ja praktisch, im Winter.

Man legte die Brezen vor den Seitenaltar. Während des Gottesdienstes wohnte man einem weiteren «Brotwunder», der Eucharistiefeier und der Verwandlung bei. «Nehmet und esset, dies ist mein Leib.» Das katholische Brotmysterium lehnt sich an den Glauben an das Wachstum des Kornes, an die Wandlung von Brot und Wein und an die Gemeinschaft: Wenn eine Gemeinschaft, die vom Brot lebt, den Glauben an die «Heiligkeit» des Brotes verliert, verliert sie auch den Glauben an sich selbst.

Ein Stück der gesegneten Brezen wickelte die Mutter später in ein Stück Papier und legte es in den Küchenschrank, um einem weiteren Wunder das Türchen zu öffnen. Es hiess, Agathabrot werde nicht schimmlig. Unseres wurde, und wir fanden nie heraus, ob man inniger hätte glauben sollen, oder ob die Brezel zu viel Weihwasser abbekommen hatte. Diejenigen, die verzehrt wurden, durften, weil gesegnetes Brot, keine Brösmli hinterlassen. Was die Kinderseele arg in Bedrängnis brachte. Doch auch ganz normales Brot wurde mit Ehrfurcht bedacht und hoch geschätzt. Grossmutters mit Butter bestrichene und mit Zucker bestreute Brötchen kitzeln heute noch den Gaumen. Der einzigen Sau, die sie besass, verfütterte sie zwar die Essenreste, doch Brot gabs keins für das arme Schwein. Und zwar drum, weil Schweine nicht zum Himmel aufschauen und deshalb nie «Danke» sagen. So weit ihre Theorie.

Seit Jahrtausenden wird Brot gebacken

Jenseits allen Wunder- und Aberglaubens, aller Rituale und Sitten steht der Agathatag bis heute als Symbol: Brot ist eines der wichtigsten und wertvollsten Nahrungsmittel weltweit. Wo es fehlt, gibt es Hunger, Krieg, Missernten. Es gilt als erwiesen, dass die heutige Backkunst bereits in der Jungsteinzeit praktiziert worden war. Das älteste, bis jetzt bekannte gesäuerte Brot wurde im bernischen Twann gefunden. Es stammt aus der Zeit um 3500 vor Christi. Die Römer übrigens opferten ihren Göttern Salz und Getreide und teilten mit ihren Gästen Brot und Salz. Seit Jahrtausenden gilt das Mitbringen und Verschenken von Salz und Brot als Zeichen der Freundschaft. Beim Einzug in ein neues Heim sollen diese Gaben Glück bringen.

Gemeinsam ist allen Christen das «Vater unser» und dort die Bitte ums tägliche Brot. Doch in allen Weltreligionen wird Brot in seiner vielfältigen Form und Zubereitung ausser- und innerhalb der Kirche «heilig» gehalten und auch Freikirchen kennen das Brotbrechen. In der klassischen und zeitgenössischen bildenden Kunst ist Brot allgegenwärtig. Zahlreiche alte Meister malten die heilige Agatha. Auf martialischen Gemäldeversionen hält sie einen Teller vor sich mit den abgeschnittenen Brüsten. Sie sehen aus wie zwei Brötchen. Der Schweizer Künstler Erik Steinbrecher installierte jüngst beim Kloster Schönthal an einem Baumstamm zwei in Bronze gegossene Baguettes, die sich, tänzerisch verbogen, aneinanderschmiegen. Und in einer der melancholischsten Ballade besingt der italienische Cantautore Zucchero «pane e sale», vermischt mit Tränen. Ob er um Agatha weint?

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