ST.GALLEN: Im Boppartshof ist der Sonntag fussballfrei

Auf der Wiese einer Überbauung im St.Galler Haggen-Quartier darf sonntags nicht Fussball gespielt werden, obwohl zahlreiche Familien dort wohnen. Die Verwaltung begründet dies mit Mietern, die sich am Lärm stören. Doch nicht alles gilt als Tschutten.

David Gadze
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Auf dieser Wiese im Boppartshof ist das Fussballspielen sonntags untersagt. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

Auf dieser Wiese im Boppartshof ist das Fussballspielen sonntags untersagt. (Bild: Benjamin Manser (Benjamin Manser))

ST.GALLEN. Sonntag für Sonntag versammeln sich Kinder und ihre Eltern auf der Wiese und dem Spielplatz zwischen den Gebäuden der Überbauung Boppartshof. Sie klettern auf die Gerüste oder spielen Tischtennis. Nur eins dürfen sie nicht: tschutten. Vor kurzem hat die Verwaltung in einem Schreiben die Mieter erneut darauf hingewiesen, dass sonntags auf der Wiese nicht Fussball gespielt werden dürfe. Was bei einigen Eltern nicht sehr gut angekommen ist.

Anwohner wollen Ruhe

Philipp Zünd, Leiter Immobilien bei der Pensionskasse des Kantons St. Gallen, der Eigentümerin der Überbauung, verweist auf die Hausordnung. Diese untersagt das Fussballspielen am Sonntag. Mehrere Anwohner hätten die Verwaltung gebeten, die Einhaltung dieser Regel durchzusetzen.

Doch warum gibt es diese Regel überhaupt? Die Überbauung mit rund 120 Wohnungen sei konzipiert für ein möglichst durchmischtes Wohnen, sagt Zünd. Die Wohnungen seien an Familien, Paare und Singles aller Altersklassen vermietet. «Das macht ein lebendiges Quartier aus. Genau das wollten wir hier erschaffen – und das haben wir erreicht.» Das zeige sich beispielhaft am Treffpunkt Haggen, wo sich verschiedene Generationen treffen. Es brauche jedoch gegenseitige Rücksichtnahme von allen Seiten.

Fussball ist nicht gleich Fussball

Die Frage, ob man als Mieter einer Wohnung in einem Familienquartier nicht in Kauf nehmen müsse, dass sonntags auch Fussball gespielt werde, verneint Zünd. Gerade in einer so durchmischten Überbauung gelte es, die verschiedenen Bedürfnisse zu respektieren. «Es gibt eben auch Mieter, die am Sonntag etwas Ruhe haben wollen.» Zwar sei es richtig, dass spielende Kinder ohnehin einen gewissen Lärmpegel verursachten. Fussballspielen habe jedoch oft eine andere Dimension.

Zünd relativiert das Fussballverbot auf der Wiese. Natürlich sei es nicht verboten, wenn Vater und Sohn oder ein paar kleine Knirpse dem Ball nachjagten. «Das ist noch nicht Tschutten. Fussball ist, wenn zwei Mannschaften mit grösseren Kindern oder Jugendlichen gegeneinander spielen.» Gelegentlich mischten sich auch Erwachsene unter die Spieler, dann entstehe eine ganz andere Dynamik – mit entsprechenden Lärmemissionen. Zünd verweist auch auf den Fussballplatz beim Schulhaus Boppartshof, der nur wenige Gehminuten entfernt ist. «Dort können sich die älteren Kinder austoben.»

Aussenraum ist zum Leben da

Die Frage, ob ein solches Fussballverbot zulässig sei, lasse sich nicht pauschal beantworten, sagt Hugo Wehrli, Geschäftsleiter des Mieterinnen- und Mieterverbands Ostschweiz. Man müsse von Fall zu Fall abwägen, ob eine Einschränkung verhältnismässig sei oder nicht. «Letztlich ist es eine Ermessensfrage.» Ein generelles Verbot, die Wiese sonntags zu benützen, ginge jedenfalls zu weit, sagt Wehrli. Der Aussenraum sei zum Leben da. «Und das Leben kann man nicht verbieten.» Entsprechend müsse man als Mieter gewisse Emissionen in Kauf nehmen. Die Grenze des Tolerierbaren zu bestimmen sei jedoch eine Gratwanderung. Das gelte auch für andere Hausregeln. Auch der gesellschaftliche Wandel spiele eine Rolle. «Vor 20 Jahren durfte man etwa keine Wäsche raushängen.»

Im konkreten Fall sei die Verwaltung nicht zu weit gegangen, hält Hugo Wehrli fest. Zum einen betreffe das Verbot nicht Ballspiele von kleineren Kindern, zum anderen rechtfertige der nahegelegene Fussballplatz beim Schulhaus Boppartshof diese Regelung. Um solche Diskussionen gar nicht erst führen zu müssen, sei eines wichtig: «Den gesunden Menschenverstand walten zu lassen.»

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