ST.GALLEN: Göttliche Gallusstadt

Athene, Hermes, Venus oder Neptun: St. Gallen ist bevölkert von Figuren aus der griechischen und römischen Antike. Ein Stadtführer spürt ihnen nach.

Beda Hanimann
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Zwei der neun Musen flankieren das obere Rundfenster der Tonhalle: Terpsichore (links) und Polyhymnia. (Bild: Hanspeter Schiess)

Zwei der neun Musen flankieren das obere Rundfenster der Tonhalle: Terpsichore (links) und Polyhymnia. (Bild: Hanspeter Schiess)

Was für ein Schelm, dieser Julius Kunkler, der Erbauer der Tonhalle! In den halbmondförmigen Feldern oberhalb der Dachfenster hat er die antiken Musen verewigt. Die Gottheit der Geschichte ist da, jene der Instrumentalmusik und jene der Lyrik. Die Göttinnen der epischen Dichtung und der Tragödie, jene des Gesangs, des Tanzes, der Himmelskunde: alle da. Fast alle.

Acht Musen im Dachbereich der 1909 vollendeten Tonhalle, aber eine fehlt, ausgerechnet Thalia fehlt. Dass Kunkler auf sie verzichtet hat, kann – oder muss – man schon fast eine boshaft-augenzwinkernde Auslassung nennen. Denn Thalia ist die Muse der Komödie, die Muse der Festfreude auch, je nach Lesart. Hielt Kunkler sie im als brötig und nüchtern verschrieenen St. Gallen für deplaziert?

Tatsache ist: In dem Fensterbogen, in dem Thalias Platz gewesen wäre, zeigt er ein allegorisches Schwesternpaar, das mit den Attributen Schmiedehammer, Zahnrad, Segelschiff und Merkurstab Industrie und Handel versinnbildlicht. Für den Altphilologen Clemens Müller ist das ein Fingerzeig, «was die eigentlichen Grundlagen unserer städtischen Kultur sind». Nicht Lachen und Freude eben, sondern die Arbeit.

Götter öffnen Fenster in die Stadtgeschichte

Die Episode der fehlenden neunten Muse erzählt Clemens Müller in der prächtigen Broschüre «Götter, Musen, Fabelwesen», welche Gestalten der griechischen Mythologie in der Stadt St. Gallen nachspürt. Sie begleitet eine Ausstellung, die noch bis zum 2. Dezember in der Vadiana zu sehen und Teil der zehnten Auflage des Lateinischen Kulturmonats in St. Gallen ist.

Basis von Müllers 132seitigem Büchlein ist eine zwanzig Jahre zurückliegende Klassenarbeit an der Kantonsschule am Burggraben, die aber längst vergriffen ist. Das Jubiläum des Latein-Novembers bot sich da an für eine aktualisierte und reich illustrierte Neuauflage, wie Regula Steinhauser Zimmermann, die Präsidentin des Vereins «IXber – Lateinischer Kulturmonat», im Vorwort schreibt.

Ergänzt werden die Ausflüge zu den antiken Götterfiguren mit Kurzkapiteln, in denen der Historiker Peter Müller «Fenster in die Stadtgeschichte» öffnet und darlegt, wie antikes griechisches und römisches Kulturgut auch an Jahrmärkten, in den Kinos und bei der Namengebung von Strassen eine Rolle spielte.

Seinen Rundgang beginnt Clemens Müller mit der griechischen Athene, der die römische Minerva entspricht. «Kaum eine andere Gottheit passt wohl besser als Athene zur Stadt St. Gallen mit ihrer jahrhundertealten Tradition als Zentrum von Bildung und Kultur und ihrem wirtschaftlichen Fundament als Textilstadt», schreibt er. Er verweist auf Athene-Minerva-Figuren an der Fassade des Kunstmuseums, am Haus Rosenbergstrasse 56 und am Backsteinhaus an der Lämmlisbrunnenstrasse 53. Noch häufiger als sie selbst ist ihr Attribut, die Eule der Weisheit. Müller spricht von einer regelrechten Eulenkolonie vor allem in der Umgebung von Schulhäusern, etwa im Park der Kantonsschule, am gegenüberliegenden Gebäudekomplex Burggraben 26–28, an der Lämmlisbrunnenstrasse 3 oder an der Gewerbeschule an der Kirchgasse 15.

Helvetia beschützt Hermes

Kaum weniger als Athene drückt laut Müller Hermes beziehungsweise Merkur, der Kultgott der Diebe, Reisenden und Händler «den Charakter und die Bestimmung von St. Gallen aus». Doch vom Wassergott Poseidon-Neptun beim Wasserreservoir Menzlen im Westen bis zum Hirtengott Pan im Botanischen Garten spürt Müller mehrere Dutzend weitere antike Götterfiguren auf. Die meisten von ihnen sind, wie eine kleine, aber sprechende Grafik zeigt, in der Stickereiblüte nach 1900 entstanden.

Oft wurden dabei antikes Kulturgut und aktuelle lokale Gegebenheiten vermischt. Die Giebelfigur des alten Helvetia-Hauptsitzes (die nach dessen Abbruch 1977 in den Park des neuen Hauptsitzes an der Dufourstrasse 40 versetzt wurde) zeigt eine stehende Helvetia, die schützend ihre Arme über eine Allegorie der Industrie und einen Hermes mit Flügelkappe hält.

Der 132seitige Führer «Götter, Musen, Fabelwesen» ist für 18 Franken erhältlich beim Verein Lateinischer Kulturmonat. www.ixber.ch