ST.GALLEN: Die Königin wird herausgeputzt

Als letzte Etappe der Sanierung wird derzeit die Grosse Domorgel revidiert. Orgelbauer Matthias Hugentobler hat eine ganz spezielle Beziehung zu ihr.

Beda Hanimann
Merken
Drucken
Teilen
Matthias Hugentobler an seinem derzeitigen Arbeitsplatz hoch über dem Schiff der Kathedrale. (Bild: Ralph Ribi)

Matthias Hugentobler an seinem derzeitigen Arbeitsplatz hoch über dem Schiff der Kathedrale. (Bild: Ralph Ribi)

ST.GALLEN. Es ist ein unscheinbarer Pfiff. Kein feierliches Klingen, kein Nachhall. Orgelbauer Matthias Hugentobler bläst in eine kleine Pfeife, die er sich aus einem Gestell gegriffen hat. Nicht einmal einen Zentimeter lang ist ihr Schallraum, der Durchmesser beträgt etwa drei Millimeter, es ist die kleinste Pfeife der Grossen Domorgel. Die grösste ist zehn Meter lang, aus Holz und wie ein Windfang zwischen Empore und Westwand montiert. «Die ist so tief, die spüren Sie mehr im Bauch, als dass Sie sie hören», erläutert Hugentobler.

Zwischen diesen Extremen tragen Hunderte weiterer Pfeifen zum Klangbild der Domorgel bei. Hugentobler spricht von einer «Grössenordnung von 6000». Die genaue Zahl könnte man ausrechnen, sagt er, festlegen aber will er sich nicht. Wie um deutlich zu machen: Nicht auf die Zahl und nicht auf die einzelne Pfeife kommt es an, sondern auf das Zusammenspiel aller Teile. «Diese Orgel hat eine Ausstrahlung, ohne sie würde vielen St.Gallerinnen und St.Gallern etwas fehlen», sagt er.

Pünktlich zum Advent wieder spielbereit

Um diese Ausstrahlung zu erhalten, hat das Katholische Kollegium im vergangenen November ein Paket von Reinigungs- und Sanierungsarbeiten in der Kathedrale beschlossen. Seit Januar wurde der Kirchenraum gereinigt, alte Elektroinstallationen wurden ersetzt, ein neues Beleuchtungskonzept erarbeitet. Der letzte Teil der Arbeiten betrifft nun die Orgel. Für 180 000 Franken wird die Königin der Instrumente zerlegt, gereinigt, wo nötig werden Einzelteile ausgewechselt. Unmittelbar nach dem letzten sommerlichen Domorgelkonzert Ende August wurde mit den Arbeiten begonnen, bis zum 1. Adventssonntag sollen sie abgeschlossen sein.

Die Hauptorgel gilt als eine der grössten mechanischen Orgeln im Raum Ostschweiz. Sie wurde im Zuge der Gesamtsanierung der Kathedrale in den 1960er-Jahren konzipiert und 1968 von der Orgelbaufirma Kuhn in Männedorf auf der 1810 erstellten Empore eingebaut. 1988 erfuhr sie eine erste Revision. «Das entspricht etwa dem üblichen Rhythmus», erläutert Hugentobler, der für die Männedorfer Firma Orgeln in der Ostschweiz und in Graubünden betreut. Bei manchen dränge sich eine Revision nach 15 Jahren auf, in anderen Fällen könne dreissig Jahre gewartet werden. Was den Instrumenten zusetzt, ist einerseits die Verschmutzung, anderseits die Abnützung. Denn für jeden Ton setzt sich eine Maschinerie aus Holzstäben, Aluminiumdrähten, Filzeinfassungen und Lederteilen in Bewegung.

Während sich unten die Touristen von der Weite des sakralen Kirchenraums in Bann ziehen lassen, wird oben auf der Empore gewerkt. Ein ein- bis vierköpfiges Team der Orgelbaufirma ist täglich vor Ort tätig. Der grosse Teil der Orgel wird etappenweise zerlegt, auf der Empore gereinigt, revidiert und gleich wieder eingebaut, einzelne Stücke gehen zur Bearbeitung in die Werkstatt in Männedorf.

Ein Beruf, der Handwerk und Musik verbindet

Die zeitliche Vorgabe für die Revision nennt Hugentobler «relativ sportlich». Doch er macht nicht den Eindruck, dass ihm das schlaflose Nächte bereitet. Zu sehr geht er auf in der Materie seines Berufs, der Handwerk und Musik verbindet. «Ein guter Organist braucht eine gute Orgel und einen guten Orgelbauer – und umgekehrt», sagt er. Und betont, dass das im Fall der St.Galler Kathedrale gegeben sei. Dass ihm deren Orgel besonders am Herzen liegt, kommt nicht von ungefähr. Hugentobler ist in der Flade zur Schule gegangen. Tür an Tür zum Dom.