ST.GALLEN: Die Altstadt als Kunstkulisse

Am Donnerstag- und Freitagabend projizieren Nina Keel und Anna Vetsch Kunst an St.Galler Hauswände. Damit wollen die beiden Kunsthistorikerinnen zu neuen Blicken auf die Stadt anregen.

Nina Rudnicki
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Anna Vetsch und Nina Keel haben das Projekt Stadtprojektionen initiiert. (Bild: Urs Bucher)

Anna Vetsch und Nina Keel haben das Projekt Stadtprojektionen initiiert. (Bild: Urs Bucher)

ST.GALLEN. Dutzende Hauswände haben sich Nina Keel und Anna Vetsch angeschaut. Immer und immer wieder sind sie dafür während der vergangenen Monate durch die St.Galler Altstadt gegangen. Dabei hatten sie stets die Idee im Hinterkopf, durch Projektionen von verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern zu neuen Blicken auf die Altstadt anzuregen.

Neun Orte haben die beiden jungen St.Galler Kunsthistorikerinnen nun zusammengestellt. Darunter sind bekannte Orte wie das Palace an der Zwinglistrasse, das ehemalige Kino Corso an der Brühlgasse oder das Spanische Klubhaus hinter dem Hauptbahnhof. Am kommenden Donnerstag und Freitag sind die Projektionen auf den jeweiligen Hauswänden ab 18 Uhr zu sehen.

Dank Flyern mit aufgedruckter Stadtkarte kann sich jeder auf eigene Faust auf den Rundgang durch die Stadt begeben. Dieser führt einen auch an Orte und in Hinterhöfe, durch die man sonst nie geht. «Wie bewegt man sich in und durch die Stadt? Und wo hält man sich zu welcher Uhrzeit auf? Zu dieser Reflexion wollen wir mit dem Rundgang anregen», sagt Anna Vetsch.

Ein Gang durch die Stadtgeschichte

So zieht es wohl kaum je einen Passanten zufällig in die Glockengasse 4a. Es handelt sich dabei um einen kleinen Innenhof gleich hinter dem Kino Corso. «Heute ist dort nicht mehr viel los. Früher gab es in diesem Innenhof aber kleine Werkstätten», sagt Nina Keel. «Der Rundgang führt also auch durch die Geschichte der Stadt St.Gallen.»

Aus diesem Grund haben Nina Keel und Anna Vetsch für die Glockengasse auch eine Projektion der Vorarlberger Künstlerin Katharina Fitz ausgewählt. Ihre Arbeit besteht aus einer Fotoserie von leerstehenden Häusern in alten Industriestädten Englands. Auf vielen Fotos sind Gebäude mit zugenagelten Fenstern zu sehen. «Das verdeutlicht, wie strukturelle Veränderungen sich auf ein Stadtbild auswirken können», sagt Nina Keel. Die Arbeit von Fitz passe zu St.Gallen, weil es auch hier viele Leerräume gebe, wie beispielsweise ungenutzte Ladenlokale.

Der Rundgang soll aber auch den Blickwinkel verändern, aus dem man die Stadt betrachtet. Zum ersten Mal auffallen wird den Betrachterinnen und Betrachtern dann womöglich das Jugendstilgebäude an der Neugasse 43. Während die Fassade der oberen Stockwerke mit der originalen Bauplastik geschmückt ist, besteht das Erdgeschoss aus Schaufenstern eines Ladenlokals. Erdgeschoss und Obergeschosse sind durch einen Betonstreifen voneinander getrennt. Gerade dieser fragliche bauliche Eingriff wird der Hintergrund einer handgeschriebenen Textprojektion der Literatin Yelisaveta Staehlin sein. Nebst Text- und Fotoprojektionen werden auf einigen Hauswänden auch Videosequenzen zu sehen sein. Die Arbeit von Sebastian Stadler, eine Kreiselfahrt mit dem Auto, wird etwa direkt auf die Fassade des Kinos Corso projiziert.

«Stadtprojektionen» ist das erste Projekt von Nina Keel und Anna Vetsch, das sie unabhängig und alleine umsetzen. Die beiden Mittzwanziger kennen sich vom Kunstgeschichte-Studium in Zürich. Dort organisierten sie im vergangenen Jahr für andere Studierende eine Lehrveranstaltung mit Besichtigungen von Kunst im öffentlichen Raum, sozusagen als Ergänzung zu den Theorie-Vorlesungen. «Das führte dazu, dass wir uns auch über Kunst in der St.Galler Altstadt immer mehr Gedanken machten», sagt Anna Vetsch.

Je dunkler, desto farbintensiver

Zunächst sei ihre Idee gewesen, in ungenutzten Räumen wie dem Union-Gebäude am Oberen Graben, in dem sich bis vor zwei Jahren eine Filiale der Migros befand, eine Ausstellung zu organisieren. Nachdem der Vermieter eine Zwischennutzung aber abgelehnt habe, sei ihnen klar geworden, dass sie sich genau für diesen Strukturwandel und ungenutzte Räume interessierten.

Am kommenden Donnerstag, 19 Uhr, werden Nina Keel und Anna Vetsch an der öffentlichen Vernissage im Deportivo Español an der Glockengasse 4a anzutreffen sein. Auch der eine oder andere Künstler wird dort sein. «Es lohnt sich auch, sich die Projektionen mehrmals anzuschauen. Sie laufen mindestens bis Mitternacht», sagt Nina Keel. «Denn je nach Dunkelheit verändert sich deren Farbintensität. Ausserdem werden die Projektionen anders wahrgenommen, je nachdem wie viele Menschen auf den Strassen und Gassen unterwegs sind.»

www.stadtprojektionen.ch