ST.GALLEN: Deutsche Soldaten in der «Oberwaid»

Auch im Ersten Weltkrieg wurden in der Schweiz Armeeangehörige der Kriegsparteien interniert. Viele kamen als verwundete oder kranke Kriegsgefangene der einen oder anderen Seite ins Land. Ab Mai 1916 wurden sie auch in St.Gallen untergebracht.

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Deutsche Internierte um 1916 vor dem Sanatorium/Kurhaus Oberwaid. Zufahrt und Gebäude im Hintergrund existieren nicht mehr; sie wurden durch Neubauten ersetzt. Das Pförtnerhaus rechts steht noch.

Deutsche Internierte um 1916 vor dem Sanatorium/Kurhaus Oberwaid. Zufahrt und Gebäude im Hintergrund existieren nicht mehr; sie wurden durch Neubauten ersetzt. Das Pförtnerhaus rechts steht noch.

ST.GALLEN. Im soeben erschienenen 134. Band der Schriftenreihe des Vereins für Geschichte des Bodensees und seiner Umgebung zeichnet Ernst Ziegler ein wenig bekanntes Kapitel St.Galler Stadtgeschichte nach. Der ehemalige Stadtarchivar geht dem Schicksal deutscher «Kriegsgäste» in der Schweiz nach. Diese Internierten kamen aufgrund eines Abkommens «über die Unterbringung verwundeter und kranker Kriegsgefangener in der Schweiz» ins Land. Hier wurden sie auf Regionen und Orte verteilt. Östlich einer Linie von Basel zum Gotthard wurden Internierte der Mittelmächte (Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, Osmanisches Reich, Bulgarien), westlich dieser Linie jene der Entente-Mächte (Grossbritannien, Frankreich, Russland, Italien) untergebracht und gesund gepflegt. Von 1916 bis 1918 nahm die Schweiz über 67 700 verwundete und kranke Soldaten auf – über 21 800 der Zentralmächte, über 45 900 der Entente.

Täglich sieben Franken für Offiziere, fünf für Soldaten

Nach der Ankunft in der Schweiz erhielten internierte Deutsche aus deutschen Bekleidungsdepots in Zürich und Luzern neue Uniformen. Sie wurden in Hotels und Pensionen untergebracht, wobei die Offiziere gemäss Ernst Ziegel nicht mit den «Gemeinen» zusammen wohnten. Ihnen stand mit sieben statt fünf Franken pro Tag auch ein höherer Betrag für Unterbringung und Verpflegung zu.

Die Orte, an denen die deutschen Soldaten hospitalisiert wurden, erinnerten Zeitgenossen rasch einmal «an kleine deutsche Garnisonen». Die Internierten unterstanden allerdings strikten Vorschriften. So war ihnen etwa das Betreten von Privathäusern verboten. Sie durften auch die Wirtshäuser nicht besuchen, und man durfte ihnen keinen Alkohol ausschenken. Sie genossen aber weitgehende Bewegungsfreiheit, durften Spaziergänge unternehmen oder Besuche von Verwandten empfangen.

Internierte als «Sehenswürdigkeiten»

In der Stadt St.Gallen kamen die ersten deutschen Internierten am 2. Mai 1916 an. Sie wurden am Bahnhof von einer grossen Menschenmenge begrüsst. 83 dieser ersten Internierten, denen rasch weitere folgten, wurden im Sanatorium/Kurhaus Oberwaid untergebracht, 41 kamen ins Bad Sonder bei Teufen.

Die Bevölkerung nahm regen Anteil am Schicksal der Internierten. Diese entwickelten sich zu «Sehenswürdigkeiten» für die vom Krieg verschonten Einheimischen. Auch die «Oberwaid» sei zum Ziel einer wahren Völkerwanderung geworden, zitiert Ernst Ziegler das St.Galler Tagblatt vom 8. Mai 1916. Schliesslich wurde der Aufmarsch unterbunden: Der Zutritt zu den Internierten war ohne besondere Bewilligung genauso untersagt wie ein Besuch aus reiner Neugier. Wer einen bestimmten Internierten besuchen wollte, konnte dies nur noch während einer klar geregelten Besuchszeit tun.

Feste gefeiert, geheiratet, gearbeitet, gestorben

Das Leben der deutschen Internierten in St.Gallen spielte sich rasch ein. Spezielle Anlässe – wie der Geburtstag des Kaisers am 27. Januar – wurden gefeiert. Es gab offizielle Empfänge, Besuche von Schweizer und deutschen Würdenträgern, aber auch gesellschaftliche Anlässe wie Musikabende oder Ausstellungen mit Gegenständen, die die Internierten selber herstellten. An der Espenmoosstrasse 6 wurde dafür etwa die Werkstätte St.Gallen-Heiligkreuz betrieben. Andere Internierte studierten an der Handelshochschule, der heutigen Universität St.Gallen. Im Wintersemester 1916/17 waren dort 74 von ihnen eingeschrieben. Die Internierten lebten, arbeiteten, feierten, heirateten und starben auch in St.Gallen. (vre)

Deutsche Internierte am 1. Mai 1917 vor dem Eingang des Sanatoriums Oberwaid. In der ersten Reihe sitzen Offiziere und einige höhere Unteroffiziere, zudem ein Offizier der Schweizer Armee (mit Säbel).

Deutsche Internierte am 1. Mai 1917 vor dem Eingang des Sanatoriums Oberwaid. In der ersten Reihe sitzen Offiziere und einige höhere Unteroffiziere, zudem ein Offizier der Schweizer Armee (mit Säbel).

Weihnachtsfeier der deutschen Internierten im Sanatorium/Kurhaus Oberwaid 1917. Die «Festgemeinde» hat sich für den Fotografen vor dem Christbaum aufgebaut.

Weihnachtsfeier der deutschen Internierten im Sanatorium/Kurhaus Oberwaid 1917. Die «Festgemeinde» hat sich für den Fotografen vor dem Christbaum aufgebaut.

Beerdigung eines internierten deutschen Soldaten 1916 in St. Gallen. Direkt am Grab deutsche Offiziere und Soldaten, hinten Angehörige der Schweizer Armee. (Bilder: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen)

Beerdigung eines internierten deutschen Soldaten 1916 in St. Gallen. Direkt am Grab deutsche Offiziere und Soldaten, hinten Angehörige der Schweizer Armee. (Bilder: Stadtarchiv der Ortsbürgergemeinde St. Gallen)

Der in St. Gallen internierte Gefreite Walter Goebel im April 1918 auf einem Spaziergang im Kantonsschulpark.

Der in St. Gallen internierte Gefreite Walter Goebel im April 1918 auf einem Spaziergang im Kantonsschulpark.

Deutsche Internierte in Damenbegleitung. Rechts der Gefreite Walter Goebel mit seiner späteren Gattin Klara Hafner.

Deutsche Internierte in Damenbegleitung. Rechts der Gefreite Walter Goebel mit seiner späteren Gattin Klara Hafner.

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