ST.GALLEN: Deutliches Ja zur Tagesbetreuung

Das Stadtparlament hat gestern den Postulatsbericht zur ausserschulischen Tagesbetreuung einstimmig abgeschrieben. Der flächendeckende Ausbau war unbestritten – und doch wurde sehr lange diskutiert.

David Gadze
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Zu klein und sanierungsbedürftig: der Tageshort am Gerbeweg. (Bild: Ralph Ribi)

Zu klein und sanierungsbedürftig: der Tageshort am Gerbeweg. (Bild: Ralph Ribi)

David Gadze

david.gadze@tagblatt.ch

Das Stadtparlament unterstützt den Kurs den Stadtrats zum ­flächendeckenden Ausbau der ausserschulischen Tagesbetreuung für Schülerinnen und Schüler. Nach einer über zweistündigen Debatte hat der Rat gestern den entsprechenden Postulatsbericht einstimmig abgeschrieben. Auch der Kredit für eine Erhöhung des Stellenplans in den bestehenden Betreuungsangeboten ab 1. August – jährlich 480000 Franken sowie 200000 Franken als Nachtragskredit zum Budget 2017 – sowie ein weiterer Kredit von jährlich 640000 Franken für Übergangslösungen ab 2018 wurden deutlich angenommen, Letzterer gegen die Stimmen der SVP.

Verschiedene Wünsche geäussert

Sämtliche Fraktionen waren sich darin einig, dass der Ausbau der Tagesbetreuung notwendig sei. Wünsche und Anregungen an deren Ausgestaltung wurden dennoch geäussert, insbesondere solche finanzieller Art. Angesichts der Kosten werde vielen Mitgliedern der CVP/EVP-Fraktion «gschmuch», sagte Susanne Gmünder Braun. «Wir fragen uns, ob und wie das Gewünschte finanziert werden kann.» Ein Vorschlag sei, einen Teil des Rechnungsüberschusses von 2016 in ein Vorfinanzierungskonto für anstehende Infrastrukturbauten der Tagesbetreuung einzulegen. Die Fraktion überlege sich einen entsprechenden Vorstoss an der Budgetsitzung. Eine Idee, die auch von der SP/Juso/PFG-Fraktion eingebracht wurde gestern Nachmittag.

In die Frage der Finanzierung spielten auch die Tarife, welche Eltern zu entrichten haben, hinein. Die FDP-Fraktion frage sich, ob die Elternbeiträge «punktuell und gezielt» erhöht werden könnten, ohne die vom Stadtrat angestrebte Durchmischung zu gefährden, sagte Karl Schimke. Auch Christian Neff von der SVP-Fraktion knüpfte an diesem Punkt an, verbunden mit einer Gesellschaftskritik. Die Werthaltung der Gesellschaft verändere sich dahingehend, dass Kinder zu «Outsourcing-Produkten» würden. Das zeige sich bei Familien, bei denen es «nicht notwendig» sei, dass beide Elternteile arbeiten gehen, oder wenn ein Elternteil seinen Hobbys fröne, statt sich um die Kinder zu kümmern. «Wir investieren Millionen, damit einige Eltern die Chance haben, der einzigen naturgegebenen Verantwortung entfliehen zu können», sagte Neff. Das Parlament könne nicht die Gesellschaft verändern, aber jene Eltern, die es sich leisten, gebührend zur Kasse bitten.

Andrea Hornstein von der SP/Juso/PFG-Fraktion warnte hingegen davor, dass eine höhere Kostenbeteiligung der Eltern zu einer höheren Zahl nicht betreuter Kinder führe. Als alternatives Finanzierungsmodell brachte Nadine Niederhauser von der GLP-Fraktion Betreuungsgutscheine ins Spiel. Auch Synergien mit privaten Anbietern müssten geprüft werden.

Wie hoch soll die Qualität sein?

Für Diskussionen sorgte auch die Frage der Qualität der Tagesbetreuung. Sie müsse hoch sein, und am Wohl der Kinder dürfe nicht gespart werden, sagte Gmünder Braun. Dennoch dürfe man das Augenmass nicht verlieren. In diese Kerbe schlug auch Karl Schimke von der FDP-Fraktion. Er stellte eine Betreuung mit «etwas weniger ausgebildetem» Personal zur Diskussion. Wichtig sei der gesunde Menschenverstand. Man könne im Stadttheater auch keine Hobbymusiker in den Orchestergraben stellen, entgegnete Peter Olibet von der SP/Juso/PFG-Fraktion dem professionellen Musiker Schimke. Auch Olibets Fraktionskollegin Andrea Hornstein sagte, man könne nicht Kredite für moderne und schön gestaltete Bauten für die Tagesbetreuung sprechen und dann bei der Qualifikation des Personals sparen. «Das Wohl von Kindern und Personal erfordert zwingend gute Ausbildungen und gute Arbeitsbedingungen.

Einig waren sich die Fraktionen auch, dass der Postulats­bericht nur der erste Schritt zur flächendeckenden Umsetzung der Tagesbetreuung war.

Lesen Sie hier den Kommentar zur Annahme des Postulatsberichts.