ST.GALLEN: Der bloggende Quartierpolizist

Winkeln hat ein Fussballstadion, eine Moschee – und über 4000 Bewohner. Mit ihnen will Quartierpolizist Thomas Christen Kontakte knüpfen – nicht nur von Angesicht zu Angesicht, sondern neu auch via Internet-Blog.

Daniel Walt
Merken
Drucken
Teilen
Will den Winklerinnen und Winklern persönlich wie auch online nahe sein: Quartierpolizist Thomas Christen. (Bild: Ralph Ribi)

Will den Winklerinnen und Winklern persönlich wie auch online nahe sein: Quartierpolizist Thomas Christen. (Bild: Ralph Ribi)

Thomas Christen erinnert sich gut an die Zeit, als das Internet noch in den Kinderschuhen steckte. In Goldach aufgewachsen, liess er sich in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre zum Elektriker ausbilden. Und installierte in der Wohnung seiner Eltern, bei denen er damals noch lebte, prompt einen ISDN-Anschluss für den Internet-Empfang. Sportberichte habe er im Netz vor allem gelesen, blickt der Fussballfan zurück. In jenen Jahren spielte Christen auch für den FC Winkeln – und hätte sich nicht träumen lassen, dass er dort dereinst Quartierpolizist werden und über seinen Job bloggen würde.

Zweiter Blog der Stadtpolizei
Die Digitalisierung der Gesellschaft macht auch vor der St.Galler Stadtpolizei nicht Halt (siehe Text unten). Nach einer Schulung über Facebook, Twitter und Co. ging Thomas Christen – er arbeitet seit 2003 als Polizist - auf Roman Kohler, Leiter Kommunikation der Stadtpolizei, zu. Er hatte Lust, in seiner Funktion als Winkler Quartierpolizist in die digitale Welt einzutauchen. Christen und Kohler überlegten, welches die richtige Form sein könnte. Und entschieden sich schliesslich für die Eröffnung eines Winkler Quartierblogs. Es ist dies der zweite Blog der Stadtpolizei nach jenem über Polizeihund Jasper.

Hauptziel des Blogs ist es, den Winklerinnen und Winklern den Alltag von Thomas Christen als Quartierpolizist näherzubringen. "Wir wollen aber auch jene ansprechen, die Christen vielleicht nie zu Gesicht bekommen: Anwohner, die frühmorgens zur Arbeit fahren und am Abend erst spät wieder nach Hause kommen", sagt Roman Kohler. Zwar sei der persönliche Kontakt nach wie vor der beste. Der Blog solle es Bürgern aber ermöglichen, den Quartierpolizisten auch online kennenzulernen und mit ihm bei Bedarf in Kontakt zu treten.

Vom Baustellenbesuch bis zu Gabalier
Thomas Christens Blog, der vorerst testhalber für ein halbes Jahr geführt wird, besteht aus zwei Hauptelementen: längeren Beiträgen, in denen der 38-Jährige über grössere Veranstaltungen in seinem Quartier wie etwa das Konzert von Andreas Gabalier im Kybunpark im Juni schreiben will; und Kurznews, die aus einem Bild und wenigen Zeilen bestehen. Am Donnerstagmorgen beispielsweise postete Christen das Bild einer Baustelle mit den Worten "Guten Morgen Winkeln; der frühe Vogel fängt den Wurm" sowie der Information, er kontrolliere bis 8 Uhr eine Baustelle und überwache den Schulweg von Kindern.

Videoüberwachung beim Stadion aufgebaut
Obwohl Thomas Christen erst seit vergangenem Oktober in Winkeln Polizist ist, kennt er das Quartier bestens – nicht nur von seiner Jugendzeit beim FC Winkeln her. Sieben Jahre war Christen als junger Polizist auf Streife – auch in Winkeln. Und als im Westen der Stadt das neue Fussballstadion gebaut wurde, war er für die Stadtpolizei federführend in den Aufbau der Videoüberwachung inner- und ausserhalb des Stadions involviert. Anfangs seien die Winkler wenig erfreut gewesen über den Bau des Stadions, blickt Christen zurück. Mittlerweile herrsche aber ein gutes Einvernehmen zwischen allen Beteiligten. Auch der FC St.Gallen trägt hierzu bei. Beispielsweise, indem nach Heimspielen eine Gruppe von Helfern jeweils die Herisauerstrasse abläuft und Abfall einsammelt sowie Aufkleber entfernt, welche die Gästefans auf dem Marsch vom Bahnhof zum Stadion und zurück hinterlassen haben.

Überhaupt, der Fussball: Er spielt eine wichtige Rolle in Thomas Christens Leben. Wie geht der Polizist mit Pöbeleien und Beleidigungen um, denen Beamte durch Fussball-Rowdys ausgesetzt sind? "Das gelingt mir gut. Wir sind auch entsprechend ausgebildet worden", sagt er. Er könne das gut wegstecken – wobei er persönlich noch nie angespuckt worden sei. "Wie ich in einem solchen Fall reagieren würde, weiss ich nicht", bekennt er.

Die Bluttat in der Moschee
Vor bald drei Jahren erschütterte eine Bluttat das Quartier Winkeln: Ein Mann erschoss in der El-Hidaje-Moschee einen 51-Jährigen – Motiv: Blutrache. Obwohl Thomas Christen damals noch nicht Quartierpolizist war, ist er bestens mit dem Fall vertraut. Und findet, dass die Menschen im Quartier die schrecklichen Ereignisse gut verarbeitet haben. Zu den Verantwortlichen der Moschee pflegt er einen guten Kontakt. "Es geht um gegenseitigen Respekt", betont Christen. Wenn er als Besucher die Moschee betrete, ziehe er selbstverständlich die Schuhe aus. "Die Verantwortlichen der Moschee wissen aber gleichzeitig, dass Polizisten dies nicht tun werden, falls sie im Rahmen eines Einsatzes wieder einmal in die Moschee müssten."

Anliegen online kundtun
Einsätze rund um Fussballspiele oder schwere Verbrechen wie das Tötungsdelikt in der Moschee: Solche Dinge könnten durchaus Eingang in Thomas Christens Winkler Quartierblog finden. Nicht topaktuell während des Geschehens und ohne Polizeiinterna preiszugeben – aber trotzdem spannend erzählt. Als Erfolg betrachtet Christen seinen Blog dann, wenn dieser zu einem hilfreichen Arbeitsmittel für ihn wird. Und die Winkler Bevölkerung ihm künftig nicht nur von Angesicht zu Angesicht, sondern auch online ihre Anliegen und Probleme kundtut.

Chancen und Risken

Als spannend, aber auch herausfordernd bezeichnet Roman Kohler, Leiter Kommunikation der Stadtpolizei, die Digitalisierung, welcher sich auch die Stadtpolizei nicht entziehen kann. "Wenn wir nach einem Überschallknall via Facebook und Twitter rasch Entwarnung geben können, nimmt das sehr viel Druck von unserer Einsatzzentrale. Dies, weil wir auf diesem Weg rasch viele Menschen erreichen, die dann nicht mehr anrufen", sagt Kohler. Die Digitalisierung erlaube es den Bürgern zudem, ungefiltert Lob oder Kritik an die Stadtpolizei zu richten – "und wir können direkt reagieren". Ein Hauptrisiko der Digitalisierung sieht er im Zeitdruck: Die Menschen erwarten bei Vorfällen online möglichst rasch Informationen. Geschwindigkeit ist laut Roman Kohler wichtig – entscheidend aber sei, dass das, was kommuniziert werde, auch korrekt sei. (dwa)