ST.GALLEN: Das Tschudiwies-Quartier leidet

Nur noch bis zu den Sommerferien werden im Schulhaus Tschudiwies Kinder unterrichtet. Dann ist Schluss. Das Quartier hat den Blues. Dabei eröffnen sich ihm auch neue Möglichkeiten.

Daniel Wirth
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Dem Schulhaus Tschudiwies droht die Schliessung. (Bild: Samuel Schalch (Samuel Schalch))

Dem Schulhaus Tschudiwies droht die Schliessung. (Bild: Samuel Schalch (Samuel Schalch))

Am 7. Juli wird im Primarschulhaus Tschudiwies zum letzten Mal die Pausenglocke läuten. Am 7. Juli werden zum letzten Mal Kinder von dort auf den Nachhauseweg geschickt. Am 7. Juli, am Tag vor den Sommerferien, wird beim Schulhaus Tschudiwies wohl die eine oder andere Träne vergossen. Stadtrat Markus Buschor, Vorsteher der Direktion Schule und Sport, hat Verständnis für die Bewohner des Quartiers Tschudiwies-Centrum, die Emotionen zeigen für ihr Schulhaus, das sie bald verlieren.

«Die Stadt nimmt dem Quartier etwas weg», sagt er. Buschor gab Ende Januar offiziell bekannt, was im Quartier schon lange befürchtet worden war: Das Schulhaus wird Ende des laufenden Schuljahres wegen sinkender Schülerzahlen im Quartier geschlossen. Ab August werden die Kinder im erneuerten Primarschulhaus St. Leonhard unterrichtet – im gleichen Quartier. Weil ein Schulhaus für ein Quartier etwas Emotionales ist, wurde es Anfang Jahr zum politischen Geschäft: Der Quartierverein Tschudiwies-Centrum sammelte Unterschriften für eine Petition, in welcher der Stadtrat gebeten wurde, nochmals über die Schliessung des Schulhauses nachzudenken. Ohne Erfolg. Am Dienstag vergangener Woche war das «Tschudiwies» dann Thema in der Debatte über einen Postulatsbericht für einen Ausbau der Tagesbetreuung in der Stadt. Stadtparlamentarierin Veronika Meyer (Grüne) gab ihrem Bedauern Ausdruck, weil das Schulhaus geschlossen wird – das nicht zum ersten Mal. Und Meyer deponierte gleich noch eine Interpellation zu diesem Thema.

Gemeinschaftszentrum à la Zürich
Veronika Meyer und Zsolt-Ferenc Takàcs (Grünliberale), der den Vorstoss mitträgt, scheinen die Hoffnung nicht aufgegeben zu haben. Jedenfalls wählen sie noch immer die Formulierung: Das «Tschudiwies» soll geschlossen werden. Ihre Fragen zu den Kosten, die eine Schliessung nach sich zieht, klingen dann aber schwer nach Vergangenheitsbewältigung. Anders gelagert ist eine Interpellation, die Peter Olibet (SP) am Dienstag einreichte: Er erkundigt sich, ob der Stadtrat sich vorstellen könne, im Schulhaus Tschudiwies, das ab dem Sommer leer stehe, ein Gemeinschaftszentrum einzurichten, wie sie es in der Stadt Zürich gebe. Diese verfügten über Ateliers, Cafeterias und andere Angebote für die ganze Bevölkerung. Unter dem Dach dieser Gemeinschaftszentren, die es in Zürich seit 60 Jahren gebe, befänden sich auch städtische Angebote: offene Kinder- und Jugendtreffs, die Mütter- und Väterberatung oder Spielgruppen. «Die Schliessung des Schulhauses Tschudiwies ist für das Quartier ein herber Verlust», schreibt Olibet in seinem Vorstoss. Und: «Sie könnte aber auch zu einer grossen Chance werden.»

Der Ball liegt beim Quartierentwickler
Stadtrat Buschor ist es ein Anliegen, wie er sagt, dass im Schulhaus Tschudiwies nach dessen Schliessung möglichst rasch wieder Leben einkehrt. Auch er wolle kein Geisterschulhaus. Gegenwärtig liege der Ball bei Quartierentwickler Peter Bischof vom Amt für Gesellschaftsfragen. Ein erstes Treffen zwischen ihm und Alfred Mallepell, dem Präsidenten des Quartiervereins Tschudiwies-Centrum, habe stattgefunden, sagt Buschor. Es werde nach einer Nachfolgelösung gesucht, die im Sinne des Quartiers sei. Buschor sagte am Dienstag im Parlament, er eröffne lieber Schulen, als welche zu schliessen. Aber es gebe Situationen, wie jetzt beim «Tschudiwies», da sei die Schliessung die beste Lösung.