ST.GALLEN: Alle Luftwege führen über St.Gallen

Der Luftverkehr in den Nahen und Fernen Osten führt zwangsläufig über die Region St.Gallen. Dies führt zu Lärmklagen. Die Stadt wehrt sich und wünscht sich von umliegenden Gemeinden mehr Solidarität.

Noemi Heule
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PARIS AIR SHOW, BOURGET, LUFTFAHRTMESSE, (Bild: FRANCOIS MORI (AP))

PARIS AIR SHOW, BOURGET, LUFTFAHRTMESSE, (Bild: FRANCOIS MORI (AP))

Noemi Heule

noemi.heule

@tagblatt.ch

Das Ziel ihrer Reise sind Metropolen im Nahen oder Fernen ­Osten: Tel Aviv, Dubai, Singapur oder Hongkong. Nach dem Start in Kloten schwenken die Langstreckenflugzeuge nach Osten ab und biegen allesamt in dieselbe Route ein. Kurz vor Gossau schert diese wiederum in drei Richtungen aus. Und verteilt den Flug­verkehr somit just über St.Gallen und den angrenzenden grünen Ring. Anwohner fühlen sich vom Fluglärm gestört, vor allem in lauen Abendstunden.

«Bei den späten Starts handelt es sich teilweise um schwere Langstreckenflugzeuge, die aufgrund ihres Gewichts nicht steiler steigen können», sagt Jasmin Bodmer, Sprecherin des Flug­hafens Zürich, und ergänzt: «Bei heissen Sommertemperaturen steigen sie noch etwas schlechter.» Um rund um den Flughafen möglichst wenig Lärm zu ver­ursachen, vermeiden die Piloten überdies zu viel Schub. Die Folge: Einzelne Flugzeuge überfliegen die Region unüberhörbar in nur wenigen Kilometern Höhe.

St.Gallen ist das Tor in den Osten

«Insbesondere die letzten beiden Flugzeuge sind ein Problem», sagt Harry Künzle, Leiter des städtischen Amtes für Umwelt und Energie. Die beiden Swiss-Frachter nach Hongkong und Singapur dröhnen nach 23 Uhr über den Raum St.Gallen. Bis 23.30 Uhr dürfen Flugzeuge ohne Sonderbewilligung starten. Problematisch sind laut Künzle aber nicht etwa die späten Startzeiten, sondern die Flugroute an sich, die mit Stadt und Agglomeration genau über dichtbesiedeltes Gebiet führt. Laut Jasmin Bodmer gibt es «zwischen der deutschen Grenze, der Anflugroute aus dem Osten und dem militärischen Trainingsraum der Luftwaffe über dem Alpstein keine andere Möglichkeit» als den Korridor über dem Grossraum St.Gallen.

«Nicht schlüssig», findet diese Argumentation Harry Künzle. Die militärische Sperrzone südlich der Stadt werde nicht mehr als 60 Stunden pro Jahr genutzt. In der übrigen Zeit könnte sie für den zivilen Luftverkehr freigegeben werden und somit Gemeinden von Wil bis Rorschach entlasten. Mit diesem Anliegen wurde St. Gallen bereits mehrmals beim Bundesamt für Zivilluftfahrt vorstellig. Das Ziel ist klar: «Wir wollen verhindern, dass die Region östlich des Flughafens Zürich der Lärmabfallkübel des Flughafens wird.» Er ist sich sicher, hätte sich die Stadt zusammen mit der «Region Ost» nicht gewehrt, wäre es längst so weit.

Keine Solidarität aus den Gemeinden

Die «Region Ost» besteht aus 77 Gemeinden östlich von Kloten, die sich gemeinsam gegen Fluglärm stark machen. Während die Stadt im Vorstand Einsitz nimmt, sind die Gemeinden rundum nicht vertreten. Künzle wünscht sich denn auch mehr Solidarität von den Nachbarn, zumal auch deren Bürger wegen Fluglärms beim Amt für Energie und Umwelt vorstellig werden. Dennoch, rund um die Stadt scheint der Fluglärm kein Thema. Etwa in Wittenbach, wo kürzlich Stimmen gegen Fluglärm laut wurden. «Dem Gemeinderat wurden keine Klagen zugetragen», sagt Gemeindepräsident Fredi Widmer. Sollte dies allerdings Thema werden, werde man sich mit der Region kurzschliessen.

Auf dem Papier gibt es im Raum St.Gallen keinen Fluglärm: Die Grenzwerte der eidgenössischen Lärmschutzverordnung werden nicht überschritten. Harry Künzle räumt ein: «Wir jammern auf hohem Niveau.»