Städtli will Spagat schaffen

Aufruhr um Flüchtlinge in der Militäranlage, ein Konzept fürs «neue» Städtli, Investitionen in die Oberstufe: Das beschauliche Rheineck ist in Bewegung. Und sucht dabei den Mittelweg zwischen Tradition und Moderne.

Linda Müntener
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Seit 1997 im Amt: Rheinecks Stadtpräsident Hans Pfäffli ist der amtsälteste Präsident der Region Rorschach. (Bilder: Linda Müntener)

Seit 1997 im Amt: Rheinecks Stadtpräsident Hans Pfäffli ist der amtsälteste Präsident der Region Rorschach. (Bilder: Linda Müntener)

RHEINECK. Unsicherheit, Angst, Wut. Als die Stadt Rheineck im Juni bekanntgab, bis zu 100 Flüchtlinge in der Militäranlage aufzunehmen, war der Aufstand in der Bevölkerung gross. Viele Bürger befürchteten, das beschauliche Städtli werde von Asylsuchenden überrannt. Sie sorgten sich um ihre Sicherheit. Ein Kritiker kündigte gar an, eine Petition gegen das Vorhaben zu starten.

Zwei Monate später. Es ist ein sonniger Nachmittag im August. Im Städtli scheint alles wie immer. Von Unruhe keine Spur. «Noch ist die Militäranlage nicht voll besetzt», sagt Stadtpräsident Hans Pfäffli. Jene Flüchtlinge, die bereits hier sind, nehme man im Alltag kaum wahr. Die Petition wurde nie eingereicht.

Städtli hilft Kanton

Die Bedenken im Vorfeld versteht der Stadtpräsident. Die Angst vor dem Fremden sei menschlich. «Und diese muss man ernst nehmen.» Dennoch stehen die Gemeinden und Städte in der Pflicht, ihren Beitrag in Sachen Asylwesen zu leisten. Deshalb habe der Stadtrat das Hilfsgesuch des Kantons gutgeheissen. Mit der Militäranlage in Rheineck werden die Asylzentren des Kantons entlastet. «Der Stadtrat wollte das Vorhaben sachlich angehen», sagt Pfäffli. Für die professionelle Betreuung der Asylsuchenden im Hinblick auf den anschliessenden Aufenthalt in Gemeinden ist der Kanton zuständig. «Wenn der Kanton dies sicherstellt, sind wir bereit, ihn zu unterstützen.» Voraussetzung war, dass die Unterbringung befristet ist – im Dezember muss der Kanton die Militäranlage wieder räumen.

Unabhängig von dieser temporären Unterbringung bewegt sich das Kontingent an Asylsuchenden der Stadt Rheineck zwischen 27 und 30. Diesen Sollbestand habe man fast immer erreicht. «Natürlich haben alle Gemeinden Mühe damit, günstigen Wohnraum für die Unterbringung der Personen zu finden», sagt Pfäffli. «Wenn man sich bemüht, kann man das Problem aber lösen.» Die Gemeinden kommen nicht drum herum, Wohnungen zu mieten oder zu kaufen, ist der FDP-Politiker überzeugt. Entscheidend sei, dass alle am gleichen Strang ziehen und sich einzelne Gemeinden nicht vor der Verantwortung scheuen. «Wir müssen die Solidarität aufrechterhalten.»

Rheineck ins beste Licht rücken

Den Gemeinsinn fördern, das «Wir-Gefühl» stärken – das ist auch ein Anliegen der Arbeitsgruppe Rheineck 2.0. Verschiedene Interessenvertreter haben zusammen mit dem Stadtrat und der Rheinecker Kommunikationsagentur Dachcom ein Konzept fürs «neue» Rheineck erarbeitet. Das Ziel: Standortförderung. «Stärken stärken, Schwächen schwächen», lautet die Devise. Man will Rheineck ins beste Licht rücken. Eine neue Webplattform ist in Arbeit, ab 1. Januar 2017 soll sie online gehen. Ergänzt wird sie durch eine App. Ein Gemeindeblatt «Mein Eck» und ein Städtliführer «Dein Eck» sollen folgen. Die Bevölkerung zeigt grosses Interesse am Projekt, 150 Personen haben den Informationsanlass im Juli besucht. «Das freut mich sehr», sagt Pfäffli. Die Stadt fühle sich für Rheinecks Wahrnehmung mitverantwortlich. Genauso wichtig seien aber auch Vereine, Gewerbe und andere Interessenvertreter. «Deshalb haben wir alle ins Boot geholt.» Herausfordernd sei der Spagat zwischen Tradition und Moderne. «Die Meinungen von Alt und Jung gehen da meist auseinander», sagt Pfäffli. «Wir müssen einen Mittelweg finden.» Das historisch geprägte Städtli dürfe seine Traditionen nicht verlieren, müsse sich aber entwickeln. «Man läuft sonst Gefahr, museal zu sterben.»

Schülerzahlen sind rückläufig

In seiner Entwicklung ist Rheineck eingeschränkt. Es gibt kaum Bauland, das Wachstum nach innen ist beschränkt. Die Einwohnerzahl stagniert bei etwas über 3000. Mit der Wohnüberbauung auf der Stapfenwis erhoffte man sich Zuwachs. Über die Hälfte der 80 Wohnungen sei mittlerweile bezogen, sagt Pfäffli. Familien mit Nachwuchs blieben aber fern. Überrascht hat dies Pfäffli nicht. «Wer das Kapital hat, bevorzugt heute zu bauen.» Flächen für Einfamilienhäuser kann Rheineck aber nicht bieten. Dabei braucht das Städtli Nachwuchs. Es verzeichnet seit Jahren einen Rückgang bei den Schülerzahlen. Das macht sich in der Oberstufe bemerkbar. Waren es vor zehn Jahren noch fast 150 Schüler, zählt das Schulhaus inzwischen nur noch knapp 90. Eine Oberstufenfusion mit Thal hat die Bevölkerung im Jahr 2015 klar abgelehnt. Noch immer arbeiten die Behörden deshalb daran, ein finanziell tragbares Modell auszuarbeiten. Als erster Schritt wird das Schulhaus baulich angepasst. «Die Räume werden grösser, um noch mehr fächerübergreifend unterrichten zu können», sagt Pfäffli. Eine umfassende Innensanierung stehe ohnehin an. Diese wird etappenweise in Betracht gezogen. Die einzelnen Etappen werden dabei auf ein Gesamtkonzept ausgerichtet. Der Stadtrat hat in einem ersten Schritt beschlossen, ein Konzept für die Gesamtsanierung ausarbeiten zu lassen. Die eigentliche Sanierung soll dann zu einem späteren Zeitpunkt in Angriff genommen werden, je nach Finanzplanung. Der nötige Kredit über 73 000 Franken wurde im Investitionsbudget 2016 eingestellt.

Mit rückläufigen Schülerzahlen ist die Stadt auch auf Stufe Kindergarten konfrontiert. Deshalb hat sie die langfristige Kindergartenplanung in Angriff genommen. «Wir haben derzeit drei sanierungsbedürftige Kindergärten», sagt Pfäffli. Eine in Auftrag gegebene Studie soll zeigen, ob eine Zusammenlegung der Kindergärten sinnvoll wäre.

Zusammenarbeit mit Nachbar

Auch im Bereich Pflege und Wohnen im Alter plant Rheineck seine Zukunft. Zusammen mit der Gemeinde Thal führt das Städtli seit Jahren das Pflegewohnheim Kruft. Dieses ist in die Jahre gekommen und soll saniert werden. Die bereits heute gut funktionierende Zusammenarbeit mit der Nachbargemeinde will Rheineck erweitern. Ziel einer gemeinsamen ganzheitlichen Strategie ist es, zusätzliche Angebote zu schaffen, wie zum Beispiel betreutes Wohnen im Alter. Ein Projekt ist in Arbeit, sagt Pfäffli. «Eine gute Sache.»

Bild: LINDA MÜNTENER

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