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STADTVERSCHMELZUNG: Fasnächtler schreiben Geschichte

Ein Ausriss aus einer Fasnachtszeitung von 1914 erinnert an eines der wichtigsten Ereignisse der jüngeren Stadtgeschichte. Er zeigt zudem, dass auch Fasnachtszeitungen Quellen für Historiker sein können.
Reto Voneschen
Befürworter der Fusion von St. Gallen, Tablat und Straubenzell (darunter das «Tagblatt») fachen das Feuer unter dem Tiegel an, in dem die Wahrzeichen der Gemeinden eingeschmolzen werden. Gegner (darunter der «Volksfreund») spucken in die Flammen, um den Prozess zu bremsen. (Bild: Kantonsbibliothek St. Gallen)

Befürworter der Fusion von St. Gallen, Tablat und Straubenzell (darunter das «Tagblatt») fachen das Feuer unter dem Tiegel an, in dem die Wahrzeichen der Gemeinden eingeschmolzen werden. Gegner (darunter der «Volksfreund») spucken in die Flammen, um den Prozess zu bremsen. (Bild: Kantonsbibliothek St. Gallen)

Reto Voneschen

reto.voneschen@tagblatt.ch

Fasnacht ist auch ein historisches Phänomen. Wie die Bevölkerung sie feiert, was dabei für Themen glossierend und spöttelnd aufgegriffen werden, sagt viel über eine Epoche aus und kann wichtige Puzzlesteine liefern, wenn nachträglich ein Stimmungsbild gezeichnet werden soll. Im Gedenkjahr 2018 ist in diesem Sinn der Fund einer Karikatur zur St. Galler Stadtverschmelzung vor 100 Jahren interessant. Die «St. Galler Fasching-Zeitung» von 1914 nahm sich des Themas, das die Politik der alten Stadt St. Gallen sowie der Gemeinden Tablat und Straubenzell von 1904 bis 1918 in Atem hielt, gleich auf ihrer Frontseite an. Dies mit einer Karikatur und einem längeren Text.

Fasnacht feiern in der Stickereimetropole St. Gallen

Dass das Fundstück ausgerechnet im Jubiläumsjahr der Stadtverschmelzung auftaucht, ist Peter Müller vom Historischen und Völkerkundemuseum zu verdanken. 2015 reichte der Historiker und Journalist der Pädagogischen Hochschule Themen für Masterarbeiten ein. Seine Vorschläge waren «Fasnacht im St. Gallen des Stickerei-Booms» und «Völkerschauen im St. Gallen des Stickerei-Booms».

Noch im gleichen Jahr fand das Thema über die Fasnacht einen Abnehmer. Im Laufe der Recherchen besuchte der damalige PHS-Student Rafael Schmid die Kantonsbibliothek und erkundigte sich nach alten Fasnachtszei­tungen. Er fand einige Exemplare und fotografierte sie. Die Lektüre erwies sich aber als nicht ganz einfach: Um Fasnachtszeitungen zu verstehen, braucht es oft lokal- und sozialhistorisches Wissen. Wobei man in jeder Epoche darin auch Texte und Zeichnungen findet, deren Witz und Komik zeitlos sind.

Für die Masterarbeit verwendete der PHS-Student die Bibliotheksfunde dann aber nicht. Peter Müller vom Museum sicherte sich Kopien der Fotos – und vergass sie dann. Dieser Tage erinnerte er sich angesichts der bevorstehenden Jubiläen 100 Jahre Stadtverschmelzung und 100 Jahre Stadtparlament wieder daran. Statt die Dokumente nun aber irgendwo auf einer Facebook-Seite zu «schubladisieren», liess er sie der Tagblatt-Stadtredaktion zugehen.

Karikaturen bringen die Geschichte oft auf den Punkt

Historiker Peter Müller selber schwärmt für alte Karikaturen: «Sie können historische Dinge oft wunderbar auf den Punkt bringen – lebendig, geistreich und präzise. Mit ihrer übersprudelnden Fantasie erinnern sie mich oft an die antiken Komödiendichter und Satiriker, an Aristophanes und Lukian zum Beispiel.»

Die Karikatur zur Stadtverschmelzung, also zur Fusion von St. Gallen, Tablat und Straubenzell zu Gross-St. Gallen, zur heutigen Stadt, trifft die Situation um 1914 in der alten Stadt ausgezeichnet. Anders als in den Vororten stand ein Teil der Städterinnen und Städter dem Vorhaben nämlich skeptisch gegenüber.

Man befürchtete einerseits höhere Steuern: Die Stadt war damals finanziell gut gestellt, Tablat und Straubenzell fehlten hingegen die gut betuchten Steuerzahler. Ein anderer Teil der Städter trug die Nase damals noch etwas hoch: Man bezweifelte, dass die immer noch ländlichen Dörfer vor den Toren wirklich zur Stickereimetropole passten, die man noch war.

Entsprechend spöttisch waren die fasnächtlichen Kommentare in der «Fasching-Zeitung». So orakelte etwa der Text zur Karikatur, dass Gross-St. Gallen wirtschaftlich so ein Erfolg werden würde, dass man die Steuern sicher ganz rasch werde abschaffen können. Was so eine Zukunftsprognose war, die – wie wir jedes Jahr beim Erhalt der Steuererklärung erfahren – nicht wirklich eintraf. Nach 1920 stürzte die Stickereimetropole St. Gallen nämlich in eine tiefe Wirtschaftskrise, aus der die Stadt erst nach 1945 definitiv herausfand.

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