Stadtregion sucht neue Identität

Am 18. Mai stimmen die Einwohner der Gemeinden Rorschach, Rorschacherberg und Goldach über die Plus-Minus- Initiative zur Abklärung einer Fusion ab. Die Diskussion läuft seit Monaten heiss, der Abstimmungsausgang ist offen.

Marcel Elsener
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Blick von Rorschacherberg über die längst zusammengewachsene Stadt am See – mit ähnlichen Dimensionen wie Rapperswil-Jona und Wil. (Bild: Andreas Walker)

Blick von Rorschacherberg über die längst zusammengewachsene Stadt am See – mit ähnlichen Dimensionen wie Rapperswil-Jona und Wil. (Bild: Andreas Walker)

Um das Kornhaus, unbestrittenes Wahrzeichen der Region am See, braut sich etwas zusammen. Doch einen Harass Frühlingsbier der lokalen Brauerei Kornhausbräu würden sie in diesen Tagen nicht verwetten, die Einwohner von Rorschach, Rorschacherberg und Goldach – egal, auf welcher Seite. Verwetten auf den Ausgang der ersten Fusionsabstimmung am 18. Mai, der komplett offen scheint. Dass die Stadt klar zusagt, bezweifeln auch Gegner nicht. Aber nur die grössten Optimisten unter den Befürwortern glauben, dass es in allen drei Gemeinden für ein Ja reichen wird. Wahrscheinlicher dürfte ein knappes Ja in Rorschacherberg und ein Nein in Goldach sein. Oder umgekehrt.

Grossartige Diskussion

Zweckpessimismus hin, selbsterfüllende Prophezeiungen her – müssige Spekulation, doch ein Gewinner steht bereits fest: Es ist die öffentliche Diskussion über die Grenzen hinweg. Allein, was in bereits gegen hundert Leserbriefen in der Lokalzeitung an Argumenten und Emotionen täglich ausgebreitet worden ist! Geschweige denn wie in Bürgerforen, an fünf Podien und an Stamm- und Familientischen debattiert wird – es läuft eine grossartige staatsbürgerliche Selbstbefragung, ja regionale Identitätsstiftung und Perspektiven-Vergewisserung. Heftige, gar gehässige Momente sind in einer solch lebhaften Diskussion über Steuerfüsse, Schulwege, Verwaltungseinsparungen, Parlamentskosten oder Verkehrsprojekte entschuldbar, zumal es witzige Einwürfe, schlaue Geschichtslektionen, köstliche Jugendanekdoten und utopische Gedankenspiele zu lesen gibt.

Entscheidungsgrundlagen

Wenn ironisch aus einem «Gross-Rorschach (Gro-Ro) im Jahr 2032» berichtet wird, mit «5 Bahnhöfen, 14 Buslinien, 150 frei benützbaren E-Bikes», unterirdischen A1-Zubringern und einem zusätzlichen Ortsteil Grub SG, ist das ein Lesegenuss, doch erst in zwei Jahren angebracht: 2016 käme es zur «wahren» Fusionsabstimmung. Zunächst geht es – wie anderswo und gemäss Vorschrift im Kanton – um den Grundsatzentscheid: Die Plus-Minus-Initiative, unterschrieben von 2400 Personen, zielt auf «saubere Entscheidungsgrundlagen» für den Fusionsanlauf. Bei einer Ja-Mehrheit in allen drei Orten müssten die Behörden Fakten erarbeiten: «Welche Vorteile und welche Nachteile hat eine Gemeindevereinigung für die gesamte Agglomeration?»

Dass die Region längst zur Einheit verschmolzen ist und viele Zweckverbände existieren, vermag die strittige Frage nach dem künftigen Steuerfuss nicht wegzuwischen: Der liegt in Rorschach (8850 Einwohner) bei hohen 149 Prozent, wogegen Rorschacherberg (6930) mit nur 116 und Goldach (9180) mit noch tieferen 114 Prozent glänzen. Während die einen befürchten, dass die reichen Nachbarn für die arme Stadt «bluten» müssten, erinnern die andern an all die Dienstleistungen und Zentrumslasten, die das Standort-Zugpferd trägt. Und appellieren an die Solidarität und die Entwicklung, die mindestens bis 1970 stets von Rorschach ausging.

Miteinander im «Metropoly»

Mit Ausnahme der SVP befürworten alle Parteien die Prüfung der – jüngst so beworbenen – «Spinnerei». Die Behörden halten sich zurück, bemühten sich um neutrale Stimmunterlagen. Tatsächlich ist die Fusionsidee in Rorschach im Gegensatz zur schmählich gescheiterten Initiative für eine Stadt im Mittelrheintal kein Behördenprojekt, sondern eine Bürgerbewegung. Angestossen vom regionalen Arbeitgeberverband, baut sie auf eine Idee jüngerer Kräfte – die IG Stadt am See, seit 2006 als Verein organisiert und im Sommer Betreiber einer mobilen Bar beim Kornhaus. Unter dem für Eingeborene wohl eher furchteinflössenden Titel «Metropoly» lässt sich auf der IG-Website nachlesen, um was geht: um den politischen Zusammenschluss der früheren Industriestadt mit ihren zwangsläufigen «Auswüchsen» in den Nachbardörfern, den heutigen «Schlafgemeinden» Rorschacherberg und Goldach.

Mit der «Citybildung» veränderte sich die Wahrnehmung: «Nicht mehr das Brauerei-Areal auf der Stadtgrenze ist das <Einfahrtstor> zu Rorschach, sondern die Bruggmühle Goldach oder der Flugplatz Altenrhein. Die Region ist nahtlos zusammengewachsen. Nur noch die Ortstafeln markieren die politischen Grenzen.» Quasi mitgezählt in diesem «Metropoly» das östlich angrenzende Staad, ein Ortsteil von Thal – kein Zufall, dass dessen Gemeindepräsident Röbi Raths hinter vorgehaltener Hand als möglicher Chef der neuen Stadt genannt wird. Psst! Spruchreif ist dies alles noch lange nicht, schon gar nicht der Name einer 25 000er-Stadt, die zu Rapperswil-Jona und Wil aufschlösse. Wenn auch als «Subzentrum der Netzstadt St. Gallen-Arbon-Gossau-Herisau-Rorschach».

Kleinere Fusionen scheiterten

Haha, höhnen Gegner und erinnern an gescheiterte Anläufe. Vor der Heirat mit Goldach sollen die andern doch das «Konkubinat» probieren, schrieb einer launig. Ein leidiges Kapitel, denn die Fusion der Stadt mit ihrem Berg wird seit 200 Jahren diskutiert; alle Versuche scheiterten an der wechselnden wirtschaftlichen «Schräglage» – nach Abstimmungen 1919, 1953, 1978 war es 2008 das neureiche Rorschacherberg, das die Nase rümpfte: 59 Prozent Nein gegenüber 92 Prozent Ja in der Stadt.

Auch Goldach weiss ein Fusions-Grablied zu singen: 2008 mochte sich keine Mehrheit für den Verbund mit Untereggen zu erwärmen. Umso heisser die jetzige Debatte. Obwohl es nur um die Grundlagen geht, deren Beschaffung pro Gemeinde rund 80 000 Franken kosten würde. Hinausgeworfenes Geld, vergeudete Zeit, sagen die Gegner. Die hätten nur Angst vor positiven Erkenntnissen, geben die Befürworter zurück. Die Diskussion läuft weiter, so oder so.

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