Stadtrat will Moslem-Grabfelder

Was in anderen Städten bereits verwirklicht ist, soll auch in St. Gallen bald möglich sein: Eigene Grabfelder für Moslems. Der Stadtrat will für die Neuerung gesetzliche Grundlagen schaffen. Das Parlament entscheidet in Kürze.

Sarah Schmalz
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Hier, auf einem abgetrennten Bereich des Friedhofs Feldli, sollen bald Grabfelder für Moslems entstehen. Wenn das Parlament zustimmt. (Bild: Urs Jaudas)

Hier, auf einem abgetrennten Bereich des Friedhofs Feldli, sollen bald Grabfelder für Moslems entstehen. Wenn das Parlament zustimmt. (Bild: Urs Jaudas)

Bis vor kurzem waren die Bestimmungen strikt: Lediglich Kinder und Priester durften im Kanton St. Gallen in separaten Grabfeldern bestattet werden. Dass dies in Zeiten zunehmender Multikulturalität auch für Angehörige anderer Religionen möglich sein soll, hat das Kantonsparlament vor gut anderthalb Jahren entschieden. Und das alte Gesetz über die Friedhöfe und Bestattungen revidiert.

Die Forderung nach einer Gesetzesanpassung war von den Moslems ausgegangen und von den grossen Kirchen unterstützt worden. Als erste Gemeinde des Kantons will die Stadt nun dem Wunsch der Religionsgemeinschaft entsprechen. Das Stadtparlament entscheidet voraussichtlich am 11. März.

Keine Sonderrechte

Entstehen sollen die Grabfelder auf dem nordwestlichen Teil des Friedhofs Feldli. 200 nach Mekka ausgerichtete Grabstätten will das städtische Gartenbauamt in einem ersten Schritt schaffen. Langfristig sind 450 Grabstätten geplant.

Sonderrechte würden für die Moslems mit den Grabstätten nicht einhergehen: Für ihre Bestattungen gälten auch im eigenen Friedhofsbereich die Bestimmungen des kantonalen und des städtischen Rechts. Nach diesem sind Beerdigungen frühestens 48 Stunden nach einem Tod möglich und «in einem Holzsarg vorzunehmen», wie der Stadtrat in seiner Vorlage festhält. Nach einer Ruhefrist von 20 Jahren müssen auch Moslemgräber geräumt werden.

Dass alle drei Punkte der moslemischen Tradition widersprechen, nimmt der Dachverband islamischer Gemeinden der Ostschweiz und des Fürstentums Liechtenstein (Digo) in Kauf. «Wir sind sehr zufrieden mit der angedachten Lösung auf dem Friedhof Feldli», sagt Digo-Präsident Hisham Maizar, der sich seit Jahren für Moslem-Grabfelder einsetzt. Und dabei auf heftigen Widerstand seitens der bürgerlichen Parteien, insbesondere der SVP, gestossen ist. Der erste Versuch einer Gesetzesrevision scheiterte 2011 im Kantonsrat an einer breiten Allianz.

Der Wind hat gedreht

Die politischen Gemüter beruhigten sich mit der Versicherung der islamischen Gemeinden, weder eine rasche Bestattung noch die ewige Grabesruhe oder die Beisetzung in einem Leichentuch zu fordern.

«Moslem-Grabfelder wären absolut unproblematisch», sagt Christoph Bücheler, Leiter des städtischen Gartenbauamtes. «Die moslemischen Grabreihen würden analog den christlichen angelegt.» Der Stadtrat hält denn auch fest, dass für die Schaffung des Friedhofteils kein spezifischer Kredit erforderlich wäre. Stimmt das Parlament dem Stadtrat zu, wird das städtische Friedhofsreglement von 1991 um die Möglichkeit einer «Bestattung in einem Grabfeld für Angehörige muslimischen Glaubens mit Reihengräbern für Erwachsene und Kinder» ergänzt. Die rund 4000 Angehörigen der moslemischen Gemeinden St. Gallens könnten sich aber weiterhin auf allen öffentlichen Friedhöfen der Stadt beerdigen lassen.

St. Gallen ist kein Vorreiter

Mit dem neuen Reglement, das bei Annahme und ohne Referendum im Juli in Kraft treten würde, wäre St. Gallen bereits die zwölfte Schweizer Stadt, welche Moslem-Grabfelder schafft. Nach Vorreitern wie Genf, Bern und Zürich folgten auch kleinere Städte wie etwa Liestal, Olten oder Thun.

Für Hisham Maizar ist das ein wichtiger Schritt in Richtung vollständige Integration. Diese sei erst erreicht, wenn in der Schweiz heimische Moslems hier von ihren Angehörigen betrauert werden könnten. Noch entscheide sich eine Mehrheit für einen Transport ins Ursprungsland.

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