STADTPORTRÄT: Hinter der Märklin-Idylle

Ein auf Arte gezeigter Film über St. Gallen stösst auf breites Wohlwollen, zieht aber auch den Vorwurf des Klischierten auf sich. Er pendelt zwischen Provinzbekenntnis und Weltgewandtheit.

Beda Hanimann
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«Wo sind die Menschen?»: Theaterdirektor Jonas Knecht auf dem roten Platz. (Bild: Screenshot: Arte)

«Wo sind die Menschen?»: Theaterdirektor Jonas Knecht auf dem roten Platz. (Bild: Screenshot: Arte)

Beda Hanimann

beda.hanimann

@tagblatt.ch

Was ist hier schief gelaufen? Herzchen, Smileys und erhobene Daumen breiteten sich nach der Ausstrahlung des St. Galler Stadtporträts vom Sonntag auf Arte in den sozialen Medien aus. Während sich andere Städte – Paradebeispiel: Bern – immer mal wieder gegen despektierliche Darstellungen zu verwahren haben, herrscht in St. Gallen Freude. Sogar der St. Gallen-kritische Journalist René Hornung schreibt auf «Saiten»-Online von einem Film, «der uns mit erhobenem Haupt und hohlem Rücken durch die Gassen schlendern lässt» – und sagt Danke.

Nicht ins Wohlfühl-Credo einstimmen mag «Saiten»-Redaktor Peter Surber. Er bemängelt die Überfülle an Hochglanz und Klischees sowie das Übergehen von kleineren Kulturinstitutionen und herausragend Alternativem. Was gezeigt werde, richte sich an Eintages-Touristinnen und -Touristen.

Der Blick des Ex-St. Gallers

Auf Kontroverse ist der Film nicht aus. Immerhin versucht er ein bisschen zu dramatisieren. Die «beschauliche Märklin-Idylle der Altstadt» trüge, heisst es, gediehen doch hier «aussergewöhnliche und eigenwillige Künstler». Ausserdem seien Lesungen und Aufführungen von Thomas Hürlimanns «Fräulein Stark» jahrelang unterbunden worden. Tatsache ist, dass die erste Lesung nach einem Verhinderungsversuch 2001 sogar noch vor dem ursprünglich geplanten Erscheinungsdatum stattfand.

Keine Kontroverse also. Filmautor Marco Giacopuzzi, engagierter Exponent der St. Galler Theaterszene in den 80er- und 90er-Jahren und seit Jahren als Fernsehjournalist in Deutschland tätig, sucht nicht die Dynamik von Rede und Gegenrede. Er lässt abwechselnd zu Wort kommen: den neuen Theaterdirektor Jonas Knecht, den Künstler Roman Signer, den Textildesigner Martin Leuthold sowie Franca Mock und Sarah und Sophie Diggelmann von der Band Velvet Two Stripes.

Es geht dann bald um die Frage des Weggehen-Wollens, Trotzdem-Hierbleibens und Wiederkehrens. Und es steht bald im Raum der Begriff Provinz. Knecht sagt, er treffe ihn, fordere ihn aber heraus, mittels Theater etwas dagegen zu tun. Auch die Musikerinnen finden: Gerade weil wenig los sei, möchte man aufschreien und selber etwas anpacken.

Mit dem Begriff «Selbstverprovinzialisierung» weist Knecht auf das nächste, nun ja, Klischee: das chronische mangelnde St. Galler Selbstbewusstsein. Woher das rührt, das vermag der Film nicht zu erklären. Stattdessen präsentiert er gezielt Gegenbeispiele. Kathedrale, Stiftsbibliothek, St. Galler Spitzen: Alles herausragende, weltweit anerkannte Leistungen. Die Textilstadt St. Gallen sei immer bekannt gewesen für das Spezielle, Luxuriöse, sagt Leuthold. «Wir haben immer für die reichen Leute gearbeitet.» Das stimmt aus der Sicht des Textildesigners. Wer aber daraus ableitet, St. Gallen sei ein Hort des luxuriösen Lebens, ist in die Falle getappt.

Der Spinner, der ganz normal aussieht

Am nachhaltigsten prägt sich ein anderer Begriff ein: Ruhe. Er habe hier anders als in Berlin die Möglichkeit, in Ruhe Theater zu machen, sagt Knecht. Auch Signer schätzt es, in Ruhe arbeiten zu können. Das musste er sich allerdings erarbeiten. Während der Turbulenzen um seinen Fassbrunnen hätten sich die Leute 1987 in den Beizen noch zugeraunt: «Das ist jetzt der Spinner. Man würde es ihm gar nicht ansehen, sieht ganz normal aus.»

Spinner und gleichzeitig normal? In dieser Verunsicherung äussert sich vielleicht das wahre sanktgallische Wesen. Natürlich hätten da auch andere etwas zu sagen gehabt. Die Auswahl, die ewige Krux des Filmers. Immerhin: Das Lob ist ganz ohne Tourismusdirektor gelungen.

www.arte.tv/de