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STADTPARLAMENT: Ein Barista wird höchster St.Galler

Er begeistert sich für Kaffeebohnen, liebt Tangomusik und kämpft für den Erhalt der baufälligen Villa Wiesental. Heute Abend wird der Sozialdemokrat Gallus Hufenus zum hundertsten Präsidenten des Stadtparlaments gewählt.
Christina Weder
Gallus Hufenus in seinem Kaffeehaus im Linsebühl-Quartier. (Bild: Michel Canonica)

Gallus Hufenus in seinem Kaffeehaus im Linsebühl-Quartier. (Bild: Michel Canonica)

Christina Weder

christina.weder@tagblatt.ch

Ein Gast betritt das Kaffeehaus im Linsebühl, bestellt einen Kaffee. «Wie soll er sein?», fragt Gallus Hufenus an der Theke: «Italienisch geröstet? Lieber fruchtiger? Oder süsslicher?» Hufenus zelebriert das Kaffeetrinken. «Wenn Du ein Kaffeehaus betrittst und dort Kaffee trinkst, ist das Universum ein anderes», sagt er. Der Kaffeehaus-Betreiber und Barista wird heute Abend zum neuen Präsidenten des Stadtparlaments gewählt. Noch komme es ihm unwirklich vor. Es sei, sagt er, als würde er die Szene als Regisseur von aussen betrachten.

«Ich spüre Sturm und Drang in mir»

Sozialdemokrat Hufenus begegnet seinem neuen Amt mit Respekt. Seine Vorgängerin, die Junge Grüne Franziska Ryser, habe die Messlatte hoch gesetzt, sagt er. Mit 25 Jahren war sie die jüngste höchste St. Gallerin in der Geschichte des Stadtparlaments. Sie habe das Jahr souverän gemeistert, kontrolliert und sattelfest. Er sei anders, chaotischer. Manchmal schwebe er mit den Gedanken in den Wolken, wenn er durch die Stadt gehe. Und er sei impulsiv. «Ich spüre Sturm und Drang in mir.» Das will der 38-Jährige nicht kaschieren. Die Hauptsache sei, authentisch zu bleiben.

Während Gallus Hufenus spricht, bewegen sich die Arme mit, fahren durch die Luft, als würden sie eine unsichtbare Kurbel drehen. Er wirkt ein bisschen wie ein Getriebener. Es ist kurz nach Mittag, im Kaffeehaus ist es zu dieser Stunde ruhig. Hufenus setzt sich zum Gespräch an einen der Tische. Hie und da steht er auf, um die Kaffeemaschine zu bedienen. Er nennt sie seinen «Bentley»– auch wenn sie keine Flügel im Logo hat, sondern einen Löwen. Dieser sei das Symbol der Republik Florenz und ein Zeichen gegen den Faschismus, sagt Hufenus. Für ihn ist die Kaffeemaschine «La Marzocco» mehr als ein Arbeitsgerät. Sie ist ein politisches Statement.

Als Retter der Villa Wiesental bekannt

Hufenus führt das Kaffeehaus seit bald acht Jahren. Etwa gleich lange sitzt er für die SP im Stadtparlament. Er gilt als engagiertes Ratsmitglied. Wenn er es für nötig hält, äussert er sich pointiert und durchaus scharf. 16 Vorstösse hat er eingereicht – die meisten in den Bereichen Stadtplanung und Baukultur. Bekannt ist er vor allem als Retter der Villa Wiesental.

Wenn Hufenus erzählt – und das tut er gerne – verwendet er oft eine bildhafte Sprache. Die Stadt sei wie ein Sandkasten, in dem sich die Bewohnerinnen und Bewohner tummeln, sagt er. Als Politiker habe er die Möglichkeit, den Sandkasten mitzugestalten. Dabei hat er konkrete Vorstellungen von der Stadt, wie sie sein sollte: Sie sei nie fertig gebaut, biete Raum für Ideen und Entwicklung, sei ein Ort mit Identität und Geschichte. Und er mag es, wenn es darin «wuselt». Deshalb wohnt er mit seinem Lebenspartner mitten im Zentrum, in der Nähe des Spisertors in einer Jugendstilwohnung. Manchmal sehnt sich Gallus Hufenus nach der Zeit der Belle Epoque, als St. Gallen mondäner war als heute und die Häuser Namen wie Océanic, Washington oder Wilson erhielten.

Es gab schon Zeiten, da war es ihm, der im Riethüsli aufgewachsen ist, in St. Gallen zu eng. Er zog aus, nach Sevilla, Barcelona und später Buenos Aires, wo er die Kaffeehauskultur für sich entdeckte. «Was ich heute im Kaffeehaus im Linsebühl mache, hat mit dem zu tun, was ich in den Grossstädten gesehen habe.»

Im Lokal läuft leise Tango, seine Lieblingsmusik. Aus ihr spricht die Intensität, die Leidenschaft, das volle Leben. Das, was ihm wichtig sei. Und darauf freue er sich auch in seinem Präsidentenjahr: auf die Begegnung mit Menschen, die eine Passion haben. So wie er selbst. Wenn ihn ein Thema packt – etwa das Rösten von Kaffeebohnen –, könne er wie besessen davon sein. «Vielleicht liegt es am Sternzeichen Skorpion.» Doch Hufenus lässt sich nicht auf eine Rolle beschränken. Er ist Barista, aber auch Kulturveranstalter, hin und wieder Dolmetscher vor Gericht (Spanisch-Deutsch), Stadtführer, Texter, Ex-Radiomoderator und ab heute Abend der hundertste Präsident des Stadtparlaments.

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