Stadtnähe ist Fluch und Segen

Martina Rüegg ist Bäuerin auf dem Hof beim Gübsensee. Die Nähe zur Stadt und zu einem sehr beliebten Spazierweg hat Vorteile, dafür bleibt aber auch mehr Abfall liegen.

Sheila Eggmann
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Ausnahmsweise im Stadtzentrum: Bäuerin Martina Rüegg vom Gübsensee besucht die Kühe in der Olma-Halle 7. (Bild: Urs Bucher)

Ausnahmsweise im Stadtzentrum: Bäuerin Martina Rüegg vom Gübsensee besucht die Kühe in der Olma-Halle 7. (Bild: Urs Bucher)

Am Bauernhof neben dem Gübsensee ist schon manch ein St. Galler vorbeispaziert. Der Hof liegt direkt an einem beliebten Spazierweg und ist einer von 45 Landwirtschaftsbetrieben auf dem Gebiet der Stadt. Martina Rüegg und ihr Mann Pius führen den Bauernbetrieb an diesem exponierten Standort.

«Die stadtnahe Lage ist Fluch und Segen zugleich», sagt Martina Rüegg. «Fluch ist, dass einige Fussgänger den Abfall auf dem Weg oder den Feldern liegen lassen.» Vor allem Blechbüchsen sorgen für Unmut, denn sie sind besonders gefährlich für die Hoftiere. «Wegen den vielen Fussgängern müssen wir ausserdem mehr Acht geben, wenn wir mit grossen Maschinen arbeiten», erzählt die 43-Jährige. Die Bauern in ländlicheren Gegenden hätten es einfacher. Sie könnten mit dem Traktor einfach losfahren und müssten nicht zuerst schauen, ob ein Kinderwagen im Weg steht.

Das Positive an den Fussgängern sehen

Martina Rüegg hat sich aber zum Ziel gesetzt, das Beste aus ihrer Lage am Spazierweg zu machen. «Ich möchte in den Fussgängern nicht das Negative sehen.» Um die Passanten als Kunden zu gewinnen, haben sie und ihr Mann deshalb bereits 1998 ein Hoflädeli eröffnet. «Als wir das Projekt starteten, verkauften wir täglich etwa sechs Eier und einige Kuchenstücke auf einem Tisch», erinnert sich Rüegg. Darüber hätten sie sich dann bereits gefreut.

Der Verkaufserlös sowie auch die Anzahl Fussgänger ist seither stetig angestiegen. Heute hat sich die Familie Rüegg mit dem Hofladen ein rentables zweites Standbein aufgebaut. «Wir sind sehr zufrieden, das Hoflädeli läuft sehr gut», sagt Rüegg. Im Laden verkauft sie neben Kuchen und Eiern von den hofeigenen Hennen nun auch Brote, Zöpfe, Konfitüren und zugeliefertes Obst. «Wir müssen dank des Ladens keinem anderen Nebenerwerb nachgehen», freut sich die vierfache Mutter. Mit dem 20 Hektar grossen Hof wäre es ohne die Einnahmen aus dem Hofladen sonst nicht möglich zu überleben.

Martina Rüegg wollte eigentlich nie Bäuerin werden. Sie wuchs auf einem Bauernhof in Fläsch im Kanton Graubünden auf. «Ländlicher geht es fast nicht», sagt sie und lächelt. Dort habe sie jeweils miterlebt, wie die Mutter jeden Tag im Stall half. «Ich sah darin nicht meine Zukunft.» Nach einem Hauswirtschaftslehrjahr im Kanton Thurgau entschied sie sich aber trotzdem, die Bauernschule zu besuchen. Dies, weil sie im Thurgau ihren heutigen Mann Pius kennen gelernt hatte. «Er arbeitete auf einem Hof als Knecht. Oder als landwirtschaftlicher Angestellter, wie man heute sagen würde», erzählt Rüegg mit einem Augenzwinkern. Um aber trotzdem noch eine Lehre abzuschliessen, bildete sich Rüegg anschliessend zusätzlich zum Koch aus. Mit ihrem Mann, der auf dem Gübsensee-Hof aufwuchs, führte sie schliesslich den Landwirtschaftsbetrieb weiter.

Nicht oft in der Stadt unterwegs

«Jetzt bin ich froh, dass ich diesen Weg gegangen bin. Ich möchte nichts anderes mehr», sagt Rüegg. Sie sei jetzt ihr eigener Chef, das gefalle ihr besonders. «Ausserdem bin ich sowieso eine Landfrau. Die Natur gefällt mir sehr gut.» In St. Gallen ist sie fest verwurzelt. Sie ist Mitglied im Bäuerinnenverein St. Gallen und Umgebung und unternimmt ab und zu Ausflüge mit den Kolleginnen. Der letzte Abstecher führte sie diese Woche an die Olma. «Sonst bin ich aber nicht viel in der Stadt unterwegs», sagt Rüegg. Das muss sie aber auch nicht – denn die Stadt kommt auf dem Spazierweg zu ihr.