STADTGESCHICHTE: Das Schulhaus im Grünen

Das Schulhaus Boppartshof ist 50 Jahre alt. Einst auf der grünen Wiese gebaut, liegt es heute mitten im Quartier. Weil dieses noch immer wächst, wird der Platz an der Schule langsam knapp.

Roger Berhalter
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Keine Nachbarn: Das Schulhaus kurz nach der Eröffnung 1967. (Bild: Archiv Ortsbürgergemeinde/PD)

Keine Nachbarn: Das Schulhaus kurz nach der Eröffnung 1967. (Bild: Archiv Ortsbürgergemeinde/PD)

Roger Berhalter

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@tagblatt.ch

So ein visionäres Bauvorhaben kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Mitte der 1960er-Jahre liess die Stadt im Boppartshof ein Schulhaus errichten – auf einer Wiese mitten im Grünen. Abseits des besiedelten Gebiets wurde ein grosszügig bemessenes Schulhaus gebaut, das bis heute eines der grössten in der Stadt ist. Als «sehr zukunftsgläubig» bezeichnet Katrin Eberhard vom städtischen Hochbauamt die damaligen Pläne. Die Wirtschaft brummte, und niemand konnte sich vorstellen, dass das Wachstum jemals aufhören würde. Deshalb wollte die Stadt im Boppartshof einen stolzen Bau, entworfen von den Basler Architekten Förderer, Otto & Zwimpfer, die ein paar Jahre zuvor schon die Universität gebaut hatten.

Die Schulanlage ist wie ein Campus angelegt: Fünf Gebäude ordnen sich um einen zentralen Schulhof, der in mehrere Höhenniveaus unterteilt ist. Nicht zuletzt wegen dieser «differenzierten räumlichen Gliederung» und der «ausdrucksstarken, einheitlichen Gestaltung» – so steht es im städtischen Inventar der schützenswerten Bauten – ist das Schulhaus Boppartshof heute denkmalgeschützt.

Rehe vom Fenster aus beobachten

Am 1. Juli 1967 wurde das Schulhaus Boppartshof feierlich eröffnet. Mit «Fahnen, Wimpeln und Liedern», wie das «Tagblatt» damals schrieb. Die Kinder erwarteten zwölf Klassenzimmer, zwei Turnhallen – und eine Idylle. Das Schulhaus im Grünen gefiel, davon zeugt auch das Lied, das die Schülerinnen und Schüler an der Eröffnung sangen: «Im Boppartshof, das isch eso, sind mehr wie uf em Land. Drum mached üs die Wiese froh mit Blueme umenand.» Auch Bruno Früh, der langjährige Schulleiter des «Boppi», erinnert sich gerne an seinen naturnahen Arbeitsort: «Morgens konnte ich von meinem Büro aus jeweils Rehe beobachten.» Die Idylle hatte aber auch ihren Preis, zumindest für die Kinder. Um das abgelegene Schulhaus zu erreichen, mussten sie lange spazieren. Vom Hinterberg und gar vom Moos kamen anfangs die Schülerinnen und Schüler herauf zum Boppartshof.

Auch das kann man sich heute kaum mehr vorstellen. Denn längst liegt das Schulhaus nicht mehr auf der grünen Wiese, sondern mitten im Quartier. Die Stadt ist nahe herangerückt, kein anderes Quartier der Stadt ist in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten so stark gewachsen wie Bruggen. Schon in den Abstimmungsunterlagen zum Schulhaus-Bauprojekt von 1964 schrieb der Stadtrat von einer «stets zunehmenden Zahl der Primarschüler» und zählte mehrere neue Überbauungen in der Umgebung auf. Damit sei die bauliche Entwicklung in Bruggen aber noch nicht abgeschlossen: «Die noch vorhandenen Land­reserven lassen vielmehr einen weiteren Bevölkerungszuwachs erwarten.» In der Tat: In Bruggen folgte eine Überbauung auf die nächste; in den 1980er-Jahren wurde mit dem Wolfganghof gar eine ganze Siedlung auf die Wiese neben dem Schulhaus gestellt. Bis heute wächst Bruggen weiter. Aktuell ist auf der Wiese unterhalb des «Schlössli» eine Grossüberbauung ausgesteckt, und vis-à-vis des Bahnhofs Haggen entstehen gerade 150 neue Wohnungen. All diese neuen kleinen Quartierbewohner konnte das Schulhaus Boppartshof bisher aufnehmen. Nicht zuletzt, weil man in den 1960er-Jahren so grosszügig und so zukunftsgläubig plante.

527 Kinder und 60 Lehrpersonen

Heute gehen im Schulhaus Boppartshof 385 Kinder ein und aus, von der ersten bis zur sechsten Klasse. Zusammen mit den sieben Kindergärten zählt die Schule Boppartshof aktuell 527 Kinder, fast 60 Lehrpersonen und 14 Kindergärtnerinnen. Kürzlich feierten sie alle das 50-jährige Bestehen ihrer Schule mit einem grossen Fest und rund 2000 Besucherinnen und Besuchern.

«Wir sind an der Kapazitätsgrenze angelangt», sagt Romana Müller, seit August 2016 neue Schulleiterin im «Boppi», zu den steigenden Schülerzahlen. Doch bis jetzt habe man immer eine Lösung gefunden. Ausgebaut wurde das Schulhaus zwar nicht, doch 2009 kam auf dem Areal ein Bau für die Tagesbetreuung hinzu. Diese neuen Räume bieten Ausweichmöglichkeiten. Auch in den Schultrakten wurden diverse Zimmer neu aufgeteilt oder umgenutzt. In der früheren Abwartswohnung zum Beispiel lernen heute fremdsprachige Kinder Deutsch.

Ein weiteres Gebäude auf dem Gelände ist geplant, aber nicht in erster Linie für den Schulbetrieb, sondern für die Tages­betreuung, weil dort der Platz noch knapper ist. Der Zeitplan sieht derzeit so aus: 2019 könnte die Projektierung starten, ab 2021 könnte gebaut werden. Ist der Neubau fertig, sind weitere Rochaden möglich, und im Schulhaus würden Räume frei. Dann hätte es also wieder Platz für mehr kleine Quartierbewohner.