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STADTENTWICKLUNG: Bevölkerungsschwund und Steuerausfälle: Ist St. Gallen eine Stadt auf dem absteigenden Ast?

Ob der Frage ist eine heftige Kontroverse ausgebrochen. Der Mieterinnen- und Mieterverband stellt sich klar auf die Seite des Stadtrates.
Reto Voneschen
Nicht nur die Zahl der Wohnungen, auch die Qualität ihres Umfeldes ist für viele Mieter wichtig. (Bild: Hanspeter Schiess (Winkeln, 29. Juni 2012))

Nicht nur die Zahl der Wohnungen, auch die Qualität ihres Umfeldes ist für viele Mieter wichtig. (Bild: Hanspeter Schiess (Winkeln, 29. Juni 2012))

Reto Voneschen

reto.voneschen

@tagblatt.ch

Trotz Bevölkerungsschwund und Loch bei den Steuereinnahmen: Die Stadt ist für Hugo Wehrli im Grossen und Ganzen auf dem richtigen Kurs: «Die Qualität des Gesamtpaketes stimmt grundsätzlich», sagt der Geschäftsleiter des Mieterinnen- und Mieterverbandes. Potenzial nach oben gebe es natürlich immer; Verbesserungen seien immer möglich. Und diesbezüglich ist der Mieterinnen- und Mieterverband nicht wunschlos – unter anderem bezüglich fairerer Mietpreise in städtischen Liegenschaften.

Die Interessenvertretung von Mieterinnen und Mieter steht voll hinter dem Ansatz des Stadtrates, «jetzt nicht in voreilige Hektik» zu verfallen, sondern zuerst einmal die Ursachen für die leicht abnehmenden Bevölkerungszahlen zu erklären. Auch wenn der Hauseigentümerpräsident einen Rundumschlag darauf basiere, in Tat und Wahrheit wisse derzeit niemand wirklich, wieso die Bevölkerungszahl der Stadt in den vergangenen Jahren wieder leicht gesunken sei, betont Hugo Wehrli. Und Gegenmassnahmen könne man ernsthaft ja erst in Betracht ziehen, wenn das klar sei.

«Der Steuerfuss ist ein Faktor unter vielen»

Für den Geschäftsführer des Mieterinnen- und Mieterverbandes ist auch nicht ein einziger, alles andere überstrahlender Grund ersichtlich, wieso Bewohnerinnen und Bewohner die Stadt verlassen. Vermutlich gebe es einen ganzen Fächer von Beweggründen dafür: «Einige tun dies vielleicht aus steuerlichen Gründen. Andere tun es, weil auf dem Land andere Wohnformen möglich sind als in der Stadt. Andere ziehen in grössere Städte, weil diese noch mehr bieten als St. Gallen. Andere dagegen haben einfach genug vom Verkehr. Bei anderen wieder stimmt das Preis-Leistungsverhältnis ihrer Mietwohnung nicht.» Kurz: Für Hugo Wehrli gibt es eine breite Palette von individuellen Gründen, um die Stadt zu verlassen.

In den vergangenen Jahren sei in St. Gallen enorm viel gebaut worden. Für Hugo Wehrli ist das ein Zeichen dafür, dass in der Stadt ein investitionsfreundliches Klima herrscht. Der Leerwohnungsbestand liege derzeit deutlich über 1,5 Prozent. Der Hauseigentümer-Verband rede bei dieser Zahl sonst von einem «funktionierenden Markt». Er habe den Äusserungen des HEV-Präsidenten im «Tagblatt» mit Interesse entnommen, dass dem offenbar nicht mehr so sei, sagt Hugo Wehrli. Mieterinnen und Mieter könnten sich dieser neuen Meinung schon anschliessen: Ein grösserer Leerbestand an Mietwohnungen würde ihnen tatsächlich erst eine gute Auswahl ermöglichen.

Kurze Wege, Lebensqualität und viele Freizeitangebote

Haupttrumpf der Stadt gegenüber dem Dorf als Wohnort sind für Hugo Wehrli die kurzen Distanzen. Bedingung, dass der Trumpf steche und sich Bewohnerinnen und Bewohner für die Stadt entschieden, sei allerdings, dass nicht nur das Gesamtangebot der Stadt, sondern auch das direkte Wohnumfeld stimme. Bei Diskussionen konzentriere man sich heute viel zu oft auf Zahl und Grösse der Wohnungen. Das allein sei aber nicht matchentscheidend: Die Lebensqualität spiele eine mindestens ebenso grosse Rolle im Kampf um Bewohner.

So brauche es für lebendige Quartiere eine funktionierende Versorgungsinfrastruktur mit kleinen Läden. Es brauche gute Architektur mit Freiräumen zwischen den Bauten; 08/15-Häuser auch aufgrund ehrgeiziger Profitbestrebungen seien gerade dort, wo man baulich verdichte, keine nachhaltige Lösung für die Entwicklung der Stadt. Und da sei in St. Gallen in der Vergangenheit stellenweise schon arg gesündigt worden, findet Hugo Wehrli.

Alles in allem ist der Geschäftsführer des Mieterinnen- und Mietervereins überzeugt: Bezüglich der Lebensqualität sind Stadtrat und Stadt auf dem richtigen Weg. Die Klarheit des Entscheids vom 4. März gegen die Mobilitäts-Initiative deutet für ihn darauf hin, wie wichtig die Qualität des Wohnumfelds einer deutlichen Mehrheit der Städterinnen und Städter tatsächlich ist.

«Niemand weiss, was genau fehlt»

Die Wohnbauanalyse, die der Stadtrat jetzt als Antwort auf den Bevölkerungsschwund aufgleist, findet der Geschäftsführer des Mieterinnen- und Mieterverbands richtig und interessant. Es wisse tatsächlich niemand umfassend, was auf dem Wohnungsmarkt gefragt sei, welche Wohnungstypen und Wohnformen allenfalls fehlten. Es könne durchaus sein, dass auf dem Markt das vorhandene Angebot teilweise an den Bedürfnissen vorbei gehe, dass es da Korrekturen brauche, sagt Hugo Wehrli.

Projekte für innovative Wohnformen fallen in der Stadt St. Gallen tatsächlich durch ihre Abwesenheit auf. Projekte für Generationenwohnen, gemeinschaftliches oder auch für autoarmes Wohnen gibt es wenig bis keine auf Stadtgebiet. Für Hugo Wehrli könnte hier tatsächlich ein Marktversagen vorliegen, das nachgebessert werden muss. Allerdings sieht er die Stadt nicht in erster Linie als Bauherr: Nach seinem Verständnis muss sie solche Projekte durch gute Rahmenbedingungen fördern und Investoren ermuntern sie anzupacken, nicht selber zur Baukelle greifen.

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