STADTBUS HAT AUSGEDIENT: Seine letzte Fahrt führt ins Museum

Über 25 Jahre lang war der Bus mit der Nummer 155 auf St.Galler Strassen unterwegs. Nun hat «Long John» das Busdepot verlassen. Im Gegensatz zum Rest der alten Flotte wurde er aber nicht nach Sarajevo verkauft.

Luca Ghiselli
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An einer Stange wird «Long John» aus dem Depot der VBSG abgeschleppt. Seine Destination: Eine Sammlung alter Trolleybusse in der Westschweiz. (Bild: Ralph Ribi)

An einer Stange wird «Long John» aus dem Depot der VBSG abgeschleppt. Seine Destination: Eine Sammlung alter Trolleybusse in der Westschweiz. (Bild: Ralph Ribi)

Luca Ghiselli

luca.ghiselli@tagblatt.ch

Keiner ist wie er: Der VBSG-Bus mit der Nummer 155 war ein einmaliges Experiment. Und genau das schenkte «Long John», wie er von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der VBSG liebevoll genannt wurde, ein unverhofft langes Leben. Gestern Dienstag wurde dieses Kapitel beendet, der altgediente Bus aus dem Depot abgeschleppt und in die Westschweiz transportiert.

Als die Verkehrsbetriebe im Jahr 2005 ihre damals 14 Jahre alte Busflotte erneuern wollten, wurde aus dem gewöhnlichen Trolleybus ein Unikat: Sein Heck wurde abgeschnitten, daran angehängt wurde ein sieben Meter langer, zweitüriger Niederflurnachläufer. Das Stadtparlament sprach im September 2005 einen Kredit für den Umbau in der Höhe von 850 000 Franken. Die Idee dahinter: Der Nachläufer erhöhte die Kapazität und machte einen hindernisfreien Einstieg möglich. Dieser Eingriff barg aber auch ungeahnte Tücken. Das Anhängsel schlingerte nämlich, und der behindertengerechte Einstieg war nur ganz hinten möglich, was den Kontakt zum Chauffeur verunmöglichte. Also entschlossen sich die VBSG, den Umbau ein Experiment sein zu lassen und die Flotte stattdessen mit neuen Niederflurbussen zu erneuern. «Long John», alternativ auch «Grossmutter» genannt, war daher als einziger der alten Flotte noch zehn weitere Jahre auf den Stadtsanktgaller Strassen unterwegs. Nach der Olma wurde er im Herbst 2016 ausgemustert und stand seither im VBSG-Depot an der Steinachstrasse.

1,5 Millionen Kilometer absolviert

«Es ist das Ende einer Ära», sagt Ralf Eigenmann, Unternehmensleiter der VBSG gestern an einer Medienorientierung. Es sei an der Zeit gewesen, den «155er» aus dem Verkehr zu ziehen. Stolze 1,5 Millionen Kilometer hat der Bus bis zu seiner Ausmusterung absolviert. Zum Schluss setzten die VBSG den Trolley vor allem auf Kursen ein, auf denen er als letzter aus dem Depot fuhr und als erster wieder zurück kam. «Er hat keine Klimaanlage, auch die Bodenisolation und Heizung genügten nicht mehr den heutigen Ansprüchen», sagte Eigenmann. Dies habe zur Folge gehabt, dass die Chauffeure im Winter mit der Zeit an den Füssen froren. Die anderen Trolleybusse mit dem selben Jahrgang wie «Long John» sind schon seit mehreren Jahren auf den Strassen der bosnischen Hauptstadt Sarajevo unterwegs. Andere Autobusse wurden nach Rumänien und Bulgarien geliefert.

Der Transport dauert fast 14 Stunden

«Long John» bleibt aber in der Schweiz. «Wir haben Kontakt mit unseren Ansprechpartnern in Bosnien, Rumänien und Bulgarien aufgenommen», sagt Eigenmann. Doch für den knapp 24 Meter langen Bus habe niemand eine Verwendung gehabt. «Es war nicht einfach, ihn an den Mann zu bringen.» Der Markt für alte Trolleybusse sei nämlich klein. Erschwerend hinzu komme, dass «Long John» rund sechs Meter länger sei als ein herkömmlicher Trolleybus.

Schliesslich konnte aber doch noch eine Lösung gefunden werden: «Long John» hat gestern Nachmittag seine Reise ins Museum des Waadtländer Vereins Rétrobus Léman angetreten. An Stangen wurde der 22,5 Tonnen schwere Bus abgeschleppt. Rund vierzehn Stunden dauert der Schwertransport nach Moudon im Broyetal, wo «Rétrobus» eine Sammlung alter Busse pflegt. Vielleicht wird er dort auch mehr als nur Ausstellungsstück: Der Verein hat nämlich zum Ziel, alte Busse wieder instandzustellen und damit Nostalgiefahrten anzubieten. Einige Autobusse der alten Saurer-Flotte der VBSG befinden sich bereits in Besitz des Vereins.