Staatsmann und Ganovenschreck

Erst hat Karl Heinrich Gschwend (1736 bis 1809) dem Fürstabt gedient, dann dem demokratischen Staat. Jetzt hat das St. Galler Staatsarchiv die Porträts des Ehepaars Gschwend erhalten. Ein Blick in eine bewegte Umbruchzeit.

Josef Osterwalder
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Übergabe der Porträts des Ehepaars Gschwend – Markus Kaiser, Ernst Niederer, Stefan Gemperli, Regula Zürcher (von links). (Bild: Urs Bucher)

Übergabe der Porträts des Ehepaars Gschwend – Markus Kaiser, Ernst Niederer, Stefan Gemperli, Regula Zürcher (von links). (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Einem solchen Untersuchungsrichter möchte man nicht begegnen. Karl Heinrich Gschwend konnte einem Angeklagten gegenüber alle Register ziehen, gab sich einmal kumpelhaft freundlich, um gleich darauf die donnernde Autoritätsperson herauszukehren.

Genau so sieht auch das Porträt aus, das der Feldkircher Maler Josef Schmuzer 1788 von ihm gemalt hat: eine Magistratsperson mit schmalem Gesicht, musternden Augen, witternden Nasenflügeln und einem leicht spöttisch verzogenen Mund.

«Ich habe dieses Bild erstmals bei meiner Grossmutter gesehen, damals noch als vierjähriger Bub», sagt Ernst Niederer-Bischofberger, «es hat mir damals fast Angst gemacht; ich glaubte, er schaue mich direkt an.»

Beschenkter Kanton

Am Mittwochmorgen erschien Ernst Niederer mit den Porträts von Karl Heinrich Gschwend und dessen Frau Maria Franziska Gschwend-Betschart im Staatsarchiv, um sie offiziell dem Kanton zu übergeben.

Sehr zur Freude von Staatsarchivar Stefan Gemperli und seiner Stellvertreterin Regula Zürcher: «Die Bilder sind ein wichtiges Zeugnis aus der Übergangszeit von Fürstabtei zum Kanton.» Bei der Übergabe war auch Markus Kaiser dabei, der als Mitarbeiter des Archivs auf das Kantonsjubiläum hin die Verbindung zu Ernst und Vreni Niederer-Bischofberger eingefädelt hatte.

Ernst Niederer fällt der Abschied von den Bildern schwer und leicht zugleich. Schwer, weil sie nun zweihundert Jahre lang in der Familie gehütet worden sind; leicht, weil er sie im Staatsarchiv in sicheren Händen weiss: «Man muss eine solche Übergabe dann vollziehen, wenn man es selber noch tun kann.» Für das Staatsarchiv handelt es sich um eine bedeutsame Schenkung. Die Bilder sind von hoher Qualität.

Gemalt 1788, am Vorabend der Französischen Revolution, haben sie nichts mehr von der süssen Üppigkeit des Rokoko, sondern verraten bereits die Spuren der aufkommenden Klassik.

Gefragte Juristen

Damit entspricht die Sprache der Bilder auch der Biographie von Karl Heinrich Gschwend, die aufs engste mit dem Untergang der alten Ordnung, der Revolution und dem Aufbruch zu einer neuen Eidgenossenschaft verbunden ist. Als Gschwend 1736 in Altstätten zur Welt kam, hatte das alte Regime die Zügel noch fest in der Hand.

Als Kind reicher Kaufleute haben ihn die Eltern für eine Laufbahn als Textilkaufmann vorgesehen. Doch er schlug dies genauso aus, wie die reiche Braut, die sie ihm später präsentieren wollten. Der junge Karl wählte die Ausbildung zum Juristen und als Ehefrau führte er die Tochter des Schwyzer Landvogtes heim; nicht ganz so reich wie die Favoritin der Eltern, aber wohl um einiges hübscher.

Juristen waren damals selten. Karl Gschwend war gefragt, abwechslungsweise als Stadt- oder Gerichtsammann. Recht war das Mittel, um Ordnung zu bewahren, die Moral zu heben. Mit dreissig Todesurteilen machte Gschwend den Ganoven im Rheintal den Garaus.

Vom Hof zum Staat

Der Jurist weiss aber auch, die Rechte der Bürger zu schützen. Das machte Gschwend nicht beliebt. Er war fast sechzig, als Abt Beda Angehrn den bekannten Juristen endlich als Minister nach St. Gallen berief. Ein abrupter Wechsel im Leben des Altstätters.

Die ihm bis zum Tod bleibenden vierzehn Jahre führten ihn nun von einem politischen Sturm zum andern. Erst flogen ihm als Unterhändler des Abtes die Kugeln um den Kopf, dann führte er seine Rheintaler Landsleute in die Unabhängigkeit, etwas später brachte ihn ein Staatsstreich in die Helvetische Landesregierung, um gleich auch als Regierungsstatthalter des Kantons Säntis einspringen zu müssen.

Dazwischen sprach er auch mal ein ökumenisches Machtwort: Er entschied, dass eine katholische Taufe auch bei einem Übertritt zum reformierten Glauben gültig sei und umgekehrt. Und später rückte er den Quacksalbern auf den Leib.

Wichtige Zeitdokumente

Die Bilder von Karl Heinrich und Maria Franziska Gschwend sind Dokumente eines bewegten von der Aufklärung bestimmten Lebens. Das macht sie wichtig – auch für unsere Zeit.