St. Gallen ist auch Ingenieurstadt

In St. Gallen wird auf Hochschulstufe nicht nur Ökonomie, Pflege und Sozialarbeit studiert, auch Ingenieure erwerben hier ihren Bachelor. Josef Graf hat die Entwicklung vom Abendtechnikum zur Hochschule für Technik viele Jahre geprägt.

Markus Rohner
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Josef Graf vor dem Stadtsanktgaller Studienzentrum Waldau der Hochschule für Technik (NTB). (Bild: pd/Daniel Ammann)

Josef Graf vor dem Stadtsanktgaller Studienzentrum Waldau der Hochschule für Technik (NTB). (Bild: pd/Daniel Ammann)

Den imposanten Turm der Fachhochschule neben dem Hauptbahnhof kennen alle. Wo aber geht es in St. Gallen zur Hochschule für Technik? Viele könnten diese Frage nicht beantworten. «Wir liegen halt etwas abseits des Stadtzentrums und sind um einiges kleiner als die FHS», sagt Josef Graf, Professor für Produktentwicklung an der Hochschule für Technik (NTB). In der Waldau, im Westen der Stadt, wo früher ein Zivilschutzausbildungszentrum geführt wurde, werden seit 2001 junge Frauen und Männer zu Ingenieuren ausgebildet.

Eine lange Tradition

St. Gallen hat nicht nur eine lange Tradition in der Ausbildung von Ökonomen, seit bald 60 Jahren drücken hier auch angehende Ingenieure die Schulbank. Auf Anregung der regionalen Industrie, die auf gutausgebildete Ingenieure dringend angewiesen war, wurde 1955 das «Abendtechnikum St. Gallen» gegründet. Daraus wurde 1981 die Ingenieurschule St. Gallen (ISG), die später für wenige Jahre in der neuen Fachhochschule aufging.

«2005 wurde die Ingenieurausbildung in St. Gallen mit der NTB zusammengeschlossen. Seitdem werden die Studierenden am Studienzentrum Waldau zu Ingenieuren ausgebildet», sagt Graf. Im ersten Studienjahr absolvieren die Studierenden alle Vorlesungen in St. Gallen, später müssen sie, je nach Studienrichtung, einige wenige Vorlesungs- und Laborstunden in Buchs SG besuchen.

Der Rorschacher Josef Graf (63), ein gelernter Konstrukteur, der an der Hochschule für Technik in Winterthur sein Ingenieurstudium abgeschlossen hat, wurde nach mehrjähriger Industriepraxis 1987 Studienbetriebsleiter der ISG und später Prorektor an der FHS. Seit 2005 ist er neben seiner Lehrtätigkeit auch Institutsleiter und Mitglied der NTB-Schulleitung.

Wichtiger Standort

Die Kantonshauptstadt ist nach Ansicht von Graf sowohl für die Interstaatliche Hochschule für Technik (NTB) als auch für die Industrie in der Region zu einem wichtigen Standort geworden. Fast jeder dritte der rund 400 NTB-Studentinnen und -Studenten absolviert heute in St. Gallen sein Studium. Sie kommen vor allem aus dem Grossraum St. Gallen, dem Fürsten- und Appenzellerland sowie dem Thurgau. «Eigentlich aus all jenen Regionen, in denen es Unternehmen gibt, die an Ingenieuren mit umfassender und breiter Ausbildung ein Interesse haben», sagt Graf. Nicht zufällig habe vor 60 Jahren der Grossindustrielle René Bühler aus Uzwil zu den treibenden Kräften einer St. Galler Ingenieurschule gehört. Weil er die Gefahr sah, dass junge Berufsleute, die in Zürich, Winterthur oder anderswo ihr Studium absolvieren, später in der Nähe ihres Studienortes hängenbleiben und nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren.

Neue Verbindung zur FHS

Ende Jahr wird Josef Graf seine Leitungsfunktionen an der NTB aufgeben und nur noch als Lehrbeauftragter arbeiten. Dazu gehört neben der Ausbildung von Ingenieuren in Systemtechnik auch die Ausbildung zum Wirtschaftsingenieur. Diese wird seit September gemeinsam von der FHS und der NTB neu in St. Gallen angeboten. Während die Studierenden an der FHS beim Hauptbahnhof die wirtschaftsnahen Fächer besuchen, werden sie am NTB-Studienzentrum Waldau in den Lernbereichen Ingenieur-Grundlagen und Systemtechnik unterrichtet. «Eine Kooperation zwischen zwei Hochschulen, die Sinn macht», sagt Josef Graf, der ehemalige Fachbereichsleiter Technik an der FHS. Der Hochschulstandort St. Gallen sei dadurch weiter aufgewertet worden.