Sprachabbau mindert Chancen

ST.GALLEN. Sparmassnahmen an den St.Galler Gymnasien: Wie die Musik- und Kunstlehrer wehren sich auch die Englisch- und Deutschlehrer gegen die vom Erziehungsrat vorgeschlagene Kürzung einer Pflichtlektion in ihren Fächern.

Marcel Elsener
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Kantischüler sollen mittels der Sprache auch denken lernen – hier bei einer Klassendiskussion an der Kanti Brühl über «Nathan der Weise». (Bild: Stefan Beusch)

Kantischüler sollen mittels der Sprache auch denken lernen – hier bei einer Klassendiskussion an der Kanti Brühl über «Nathan der Weise». (Bild: Stefan Beusch)

An den St.Galler Gymnasien müssen laut Auftrag des Kantonsrates drei Pflichtlektionen an den Mittelschulen gestrichen werden; die Sparmassnahme soll gemäss Vorschlag der Rektorenkonferenz die Fächer Musik/Gestalten, Englisch und Deutsch betreffen. Nachdem die Lehrkräfte im musischen Bereich ihren Protest mit einer Online-Petition kundgetan haben (Ausgabe vom 12.12.), gelangen zum heutigen Abschluss der Vernehmlassung auch die Englisch- und Deutschlehrer an die Öffentlichkeit. Beide Fachschaften wehren sich mit einem Argumentarium gegen die geplante Kürzung einer Jahreslektion in ihrem Fach.

In ihren Eingaben an den Erziehungsrat, der die Sparvorschläge am 16. Januar überprüft und beschliesst, bezeichnen die Englisch- und Deutschlehrer den Abbau als unverständlich, ja fahrlässig, weil gerade diese Sprachen auf den ersten Plätzen der wichtigsten Maturafächer figurierten.

Englisch erste Verkehrssprache

«Ein Abbau tut in jedem Fach weh», sagt Thomas Hofstetter, Englischlehrer an der Kanti Wil. Wie die betroffenen Kollegen möchte er sein Fach nicht gegen andere ausspielen; jedoch mahnt er an, dass Englisch und Deutsch zu den «Kernkompetenzen» angehender Studenten gehörten und Kürzungen bei den Grundlagenfächern ein «Raubbau an der Bildung» seien.

Zusammen mit Kollegin Tanja Rupper streicht Hofstetter namens der Fachschaft den Stellenwert von Englisch als «lingua franca» der Wissenschaft und der Geschäftswelt hervor. Diese Dominanz der wichtigsten Verkehrs- und Handelssprache der Welt hätten die Universitäten längst erkannt; so werden die meisten Kurse im Masterstudium der ETH in Englisch abgehalten und wird die HSG 2013 das Assessmentjahr neu auch in Englisch führen.

Die Gesamtzahl der Lektionen in der Stundentafel soll reduziert werden, weil St.Gallen im interkantonalen Vergleich höhere Stundenzahlen als der Durchschnitt aufweist. Nach Meinung der Englischlehrer darf aber zumindest nicht in den Fächern gespart werden, die heute «schon deutlich unter dem schweizerischen Durchschnitt» dotiert sind.

Um 25 Prozent reduziert

Englisch war jüngst mehrfach von Kürzungen betroffen: Von 16 Jahreswochenlektionen (1981) wurde die Sprache Shakespeares auf 14 (1997) und auf 13 Lektionen (2004) abgebaut. Mit einer neuerlichen Kürzung gäbe es noch 12 Lektionen, was eine Reduktion von 25 Prozent innert 15 Jahren bedeutete. Auch minderten sich die Chancen der St.Galler Gymnasiasten gegenüber den Nachbarn: Die Kantonsschulen in Frauenfeld (13), Romanshorn (13,5), Schaffhausen und Winterthur (15) böten mehr Englisch-Lektionen an.

Die Kürzung beim Englisch steht laut Fachschaft im Widerspruch zur populären Nachfrage nach der zweisprachigen Maturität und zur Einführung von Frühenglisch. Die frühen Fördermassnahmen dürften nicht auf Kosten des Grundlagenfachs Englisch am Gymnasium kompensiert werden, denn laut einer Studie müssten «gerade in den letzten Semestern an der Kantonsschule die fortgeschrittenen Fähigkeiten gelehrt und trainiert werden».

Sowohl Englisch- als auch Deutschlehrer berufen sich auf den Erziehungswissenschafter Franz Eberle, der den Übergang vom Gymnasium an die Hochschule erforscht (Projekt Evamar II). In Untersuchungen nannten Studierende im 6. Studienjahr Englisch an erster und Deutsch an zweiter Stelle als wichtigste Fächer für ihr Hauptfachstudium.

Einzelwissen vernetzen

Es geht um jenes Fachwissen, das Maturanden zum Studium befähigt; zu diesen grundlegenden Studierkompetenzen gehören laut Eberle die Erstsprache (Deutsch), Englisch, Mathematik und Informatik-Benützung. Oder wie ETH-Rektor Lino Guzella in einem Interview, in dem er härtere Maturitätsprüfungen auch für Deutsch und Englisch forderte, sagte: «Sprachen sind zentral. Die Leute müssen richtig lesen, schreiben und sprechen können. Das gilt auch für Naturwissenschaftler und Ingenieure.»

Der Druck auf das Fach Deutsch steige ständig, schreibt Monica Eugster-Ulmer namens der kantonalen Fachgruppe, doch werde es «immer schwieriger, das angestrebte Niveau zu erreichen – wegen fehlender Vorbildung, wegen des Vormarsches der Mundart in der Schriftlichkeit, wegen des Einflusses der elektronischen Medien». Zudem habe Deutsch gemäss Bildungsauftrag über die reine Anwendbarkeit hinaus eine «umfassende Bildung im sprachlichen sowie im literarischen Bereich zu leisten». So sei die Vermittlung der Literaturgeschichte die einzige Gelegenheit innerhalb der Gymnasialzeit, Einzelwissen zu vernetzen, also Ereignis, Kultur, Philosophie, Wissenschaftsgeschichte usw. miteinander zu verknüpfen. Folgerichtig lernten die Schüler, Geistesgeschichte zu betreiben. Oder mit den Worten des Philosophen Peter Bieri: Weniger Literaturunterricht leiste einer «rhetorischen Fassade» sowie der «Abstract-Kultur» Vorschub.

Da stellt sich, wie schon beim Protest der «Musischen», die Frage nach der Bedeutung der humanistischen Bildung. Reichlich Gesprächsstoff über die Jahreswende – nicht nur im Erziehungsrat.

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