SPEZIELLE AIRBNB-ANGEBOTE: Übernachten in Ostschweizer Käserei oder Post

Übernachten bei Privaten ist beliebt. Dank Airbnb sind Menschen aus aller Welt zu Gast in der Region. Die Unterkünfte sind zum Teil so speziell wie die Lebensgeschichten der Reisenden.

Corinne Allenspach
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Wer in der Käserei Linden in Wittenbach übernachtet, erfährt gleichzeitig einiges über Käse – und darf auch degustieren. 
Hier Airbnb-Gast Fabian Lippert, der von Konstanz nach Oberstorf wandert, und Geschäftsführer Heinz Fraefel (rechts). (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Wer in der Käserei Linden in Wittenbach übernachtet, erfährt gleichzeitig einiges über Käse – und darf auch degustieren. Hier Airbnb-Gast Fabian Lippert, der von Konstanz nach Oberstorf wandert, und Geschäftsführer Heinz Fraefel (rechts). (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Corinne Allenspach

corinne.allenspach

@tagblatt.ch

Jedermanns Sache ist es vermutlich nicht, in einer Käserei zu übernachten. Schliesslich ist die Käseproduktion weder komplett geruch – noch geräuschlos. Gekäst wird sieben Tage pro Woche, und das jeweils in aller Herrgottsfrühe, ab 2 Uhr nachts. Umso überraschter ist Heinz Fraefel, Geschäftsführer der Säntiskäserei Linden in Wittenbach. Als er im Herbst vor einem Jahr beschloss, die beiden freien Zimmer im Dachgeschoss über Airbnb anzubieten, waren die Erwartungen nicht allzu hoch. «Ich habe gedacht, die Zimmer seien vermutlich für viele Reisende zu laut», sagt er.

Doch dem scheint nicht so. Schliesslich suchen heutzutage viele Reisende nach speziellen Übernachtungsmöglichkeiten. So waren die Zimmer in der Käserei diesen Sommer und Herbst nicht nur regelmässig belegt, mittlerweile gehen bereits Stammgäste ein und aus. Wie jene Mutter, die schon ein halbes Dutzend Mal hier war, um ihre Tochter zu besuchen, die in Gossau Ärztin ist.

Sie schwärmt ebenso vom «super friendly Gastgeber Heinz» und dem «Place for Cheeselovers» wie die anderen Gäste. Wenn Fraefel Zeit hat, zeigt er den Gästen denn auch gern den Betrieb. Erklärt, dass auf dem Lindenhügel seit über 120 Jahren gekäst wird, im Käsekeller Platz ist für 55000 Laib Käse und dass die Käserei neun Bauern aus der Umgebung gehört, die früher Genossenschafter waren und seit diesem Jahr Aktionäre sind. Und wer mag, erhält zum Abschied eine Tasche voll Käse – geschenkt natürlich.
 

Die meisten Gastgeber erhalten Bestnoten

Die Käserei Linden ist nur ein Anbieter unter vielen. Denn Airbnb wächst rasant. Zwar ist die Zahl der Anbieter verglichen etwa mit dem Wallis oder Graubünden in der Region St. Gallen noch klein. Mittlerweile findet sich aber auch hier in fast jedem Dorf mindestens eine Privatperson, die Airbnb anbietet. Wer das Stichwort «St. Gallen» eingibt, kann erahnen, wie breit das Angebot ist. Zwischen Fürstenland, Appenzellerland und Bodensee stehen rund 300 Übernachtungsmöglichkeiten zur Wahl. So unterschiedlich die Ausstattung und Preise der Unterkünfte, diese reichen von 30 bis gegen 200 Franken, so haben sie doch etwas gemeinsam: Jede punktet mit einer Besonderheit. Und praktisch alle Gastgeber in der Region erhalten Bestnoten von den Reisenden. Viele sind sogar als Superhost, Supergastgeber, ausgezeichnet. Der Titel wird von Airbnb vergeben, wenn interne Qualitätsmerkmale erfüllt sind, dazu gehört auch eine bestimmte Anzahl Gäste. Janine aus Häggenschwil, die «a beautiful room on a farm» anbietet, darf sich ebenso Superhost nennen wie Pensionärin Erika aus Gaiserwald, bei der man in einem Loft in einem alten Haus wohnen kann, oder Daniel aus Gossau, der eine Ferienwohnung im Fürstenland vermietet. Die Aufzählung liesse sich noch lange weiterführen. Auch eher ungewöhnliche Übernachtungsorte stehen zur Wahl, wie etwa eine Jurte, ein Schlössli, eine alte Villa oder eben eine Käserei.

Genau dieses spezielle Ambiente in der Käserei schätzt auch Fabian Lippert. Der 29-Jährige Rettungssanitäter aus der Nähe von Düsseldorf machte auf seiner 150 Kilometer langen Wanderung von Konstanz nach Oberstorf in Wittenbach Halt. Wieso nicht in Arbon oder St. Gallen? Angesprochen hätten ihn beim Säntiszimmer nebst der Lage vor allem «die vielen positiven Bewertungen», sagt er. Auch der Preis von 34 Franken sei ein Argument gewesen. Oft reiche ja ein Bett, wie bei ihm, der nachmittags ankommt und am Morgen weiterwandert. Heinz Fraefel ist nicht nur überrascht über die Zahl, sondern auch über die Vielfalt der Gäste: Sie reicht von Fernwanderer Fabian Lippert über den Touristen aus Minneapolis, den Studenten mit Porsche und die Ärztinnenmutter bis zum Geschäftsmann, der an der Olma arbeitet. Fraefel weiss inzwischen auch, dass das grösste Problem nicht der Lärm der Käseproduktion ist, sondern, dass sie das Haus nicht finden. Das liegt nicht an Fraefels Erklärungen, sondern an der Adresse. Diese ist alles andere als logisch. Die Käserei liegt zwar entlang der Dottenwilerstrasse, trägt aber die offizielle Adresse Linden 4. Wer nun trotzdem die «richtige» Dottenwilerstrasse 4 ansteuert, landet beim einige hundert Meter entfernten Gemeindehaus. Das kommt regelmässig vor, wie Fraefel weiss. «Und Linden 4 führt je nach verwendetem Navigationsgerät auch nicht zu uns, sondern zu einem benachbarten Hof.» Die Verwirrung ist also programmiert. Fraefel macht darum meist kurzen Prozess: Er holt die Gäste an einem Treffpunkt ab.
 

«Naturfamilie» macht Ferien in Muolen ohne Windeln und Nuggi

Einfacher zu finden ist das Haus von Hildegard und Reto Rimle. Das Ehepaar, das bis zur Schliessung 2013 die Post Muolen geführt hat – als älteste Posthalterdynastie der Schweiz –, ist ebenfalls seit einem Jahr bei Airbnb registriert. Nachdem nicht nur die Post, sondern auch drei der vier Kinder ausgezogen waren, bauten Rimles das Haus um. Inzwischen «verirren sich Gäste aus aller Welt nach Muolen», wie Reto Rimle erfreut feststellt. Aus Vietnam, China, Abu Dhabi, Amerika, Frankreich oder Russland. Geschäftsleute, Familien, Paare, Alleinstehende. «Seit April hatten wir rund 40 Gäste.» In der kühleren Jahreszeit noch etwa einmal pro Woche. Aktuell gerade drei Gstaader, die eine Freundin besuchen. Auch Rimles, die «selbstverständlich alle Taxen zahlen und Bewilligungen eingeholt haben», dürfen sich Superhost nennen. Ihre Zimmer bieten sie unter dem Titel «Romantik, Natur, Spass, Film und Musik» an. Nebst idyllischem Garten mit Pool darf auch das Homecinema genutzt oder Piano gespielt werden.

Rimles bieten Airbnb nicht in erster Linie des Geldes wegen an. «Wir hätten ein schlechtes Gewissen, wenn wir nur zu zweit oder dritt in unserem 6,5-Zimmer-Haus wohnen würden.» Ihnen gehe es vor allem um die spannenden Begegnungen und um die freudig-überraschten Gesichter, nachdem sie den Gästen alles gezeigt haben. Und: «Mit einem richtigen Russen über Putin zu diskutieren ist authentischer als mit einem Schweizer», sagt Reto Rimle. Auch eine «Naturfamilie», die die Kinder windel-, nuggi- und kinderbettfrei erzieht, hat schon bei Rimles Ferien gemacht: «Und es hat geklappt.» Bewegt hat Reto Rimle das Schicksal eines jungen Paares, dessen Kind nach einem unglücklichen Sturz behindert ist. «Ich hätte das Kind gerne ein paar Stunden gehütet, damit sie etwas Zeit als Paar haben.» Die Eltern seien aber so aufs Wohl des Kindes fixiert gewesen, dass es wehgetan habe, zu sehen, wie ihre Beziehung leide. Auch das nehmen Rimles von Airbnb mit: Sie pflegen gerne den Kontakt mit Gästen. Sie verstehen aber auch, wenn jemand für sich sein möchte.

80 000 Betten schweizweit

Das Motto von Airbnb ist, weltweit private Unterkünfte zu finden. Der Online-Marktplatz wurde 2008 in Kalifornien gegründet. Heute bieten Private in über 190 Ländern über Airbnb Übernachtungen an, die von Menschen aller Altersklassen gebucht werden. Der Markt wächst rasant. Gemäss eigenen Angaben stehen bei Airbnb weltweit gut vier Millionen Angebote zur Wahl. Wie SRF kürzlich berichtete, werden in der Schweiz rund 80 000 Betten angeboten. Doppelt so viele wie vor zwei Jahren. Führend bleiben aber weiterhin Hotels und Pensionen mit über 250 000 Betten. (cor)

Reto und Hildegard Rimle (Mitte) begrüssen ihre Gäste aus Gstaad, die in der ehemaligen Post Muolen übernachten. Die drei wollen einer Freundin, die in einem nahen Restaurant kocht, einen Überraschungsbesuch abstatten. (Bilder: Ralph Ribi)

Reto und Hildegard Rimle (Mitte) begrüssen ihre Gäste aus Gstaad, die in der ehemaligen Post Muolen übernachten. Die drei wollen einer Freundin, die in einem nahen Restaurant kocht, einen Überraschungsbesuch abstatten. (Bilder: Ralph Ribi)