Sparpotenzial an allen Ecken

Wenn heute abend der WWF dazu aufruft, eine Stunde lang das Licht zu löschen, macht auch die Stadt St. Gallen mit. Und der städtische Energiebeauftragte Harry Künzle ebenfalls. Stromsparmassnahmen gebe es aber bessere, sagt er.

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«Licht aus» heisst es heute abend während der «Earth Hour». (Archivbild: ky/Peter Würmli)

«Licht aus» heisst es heute abend während der «Earth Hour». (Archivbild: ky/Peter Würmli)

Herr Künzle, Sie als Energiebeauftragter werden während der «Earth Hour» auch zu Hause das Licht ausschalten. Oder?

Harry Künzle: Ich mache mit beim symbolischen Akt, ja. Die ganze Aktion ist für mich eine Solidaritätsfrage. Aber: Man darf ihre Wirkung nicht überschätzen.

Sie schreiben der «Earth Hour» also keine grosse Wirkung zu?

Künzle: Da bin ich pragmatisch: Konkrete Energiesparmassnahmen, die übers ganze Jahr wirken, sind effizienter. Die Aktion hat aber eine gewisse Signalwirkung und sensibilisiert die Öffentlichkeit.

Wenn nur schon in den Medien etwas steht, ist das Ziel erreicht. Darum macht die Stadt auch gerne mit, wenn solche Ideen angestossen werden.

Letztes Jahr hat die Stadt aber nicht mitgemacht. Warum?

Künzle: Das hatte organisatorische Gründe, die Aktion wurde damals vom WWF kurzfristig aufgegleist. Die Idee an sich gefällt uns. Schliesslich hat die Stadt mit dem Energiekonzept 2050 auch klare Energiesparziele. Entscheidender ist aber, welche Massnahmen die Stadt nachhaltig ergreift.

Zum Beispiel im Zusammenhang mit dem städtischen Energiefonds.

Künzle: Genau. Dieser wurde 2009 ausgebaut. Von den Einnahmen der Stadtwerke fliessen nun jährlich mindestens zwei Millionen Franken in den Fonds. Damit fördern wir die Wärmeeffizienz von Gebäuden, lancieren aber auch Aktionen. Bekanntes Beispiel sind die 7000 Stromsparlampen, die wir im Oktober verteilt haben.

Dieses Jahr planen wir eine Aktion im Zusammenhang mit Elektromobilität, für uns ein immer wichtigeres Thema. Wir werden Förderbeiträge an Elektrofahrzeuge leisten. Weiter sind viele Umwälzpumpen in Betrieb, die zu viel Strom brauchen. Auch hier ist eine Förderaktion geplant.

Minergiestandards, Fernwärme und das Geothermieprojekt sind in aller Munde. Den kleinen Stromspar-Tips für den Alltag – wie dem berühmten «Ogi-Dreiminutenei» – begegnet man aber kaum mehr.

Künzle: Das Augenmerk wurde in den vergangenen Jahren auf energieeffizientes Wohnen gelegt. Einerseits vom Bund, andererseits auch im städtischen Energiekonzept 2050. Unterdessen befassen wir uns aber auch vertiefter mit dem Bereich Elektrizität. Es gilt zunächst, herauszufinden, wo in Sachen Strom die «grossen Brocken» sind.

Wo gibt es Potenzial?

Künzle: Im Wärmebereich sicher bei den Elektroheizungen, die glücklicherweise mehr und mehr verschwinden. Auch bei Computern und Elektrogeräten könnte man viel herausholen. Da müssen Vorschriften für Hersteller her. Kunden verzichten nicht auf den Kauf eines Geräts, nur weil der Stand-by-Verbrauch zu gross ist.

Mit LED-Strassenbeleuchtung liesse sich doch auch einiges sparen?

Künzle: Da ist nicht mehr so viel Fleisch am Knochen. Viel grösser war der Schritt zu den energiesparenden Natrium-Dampflampen. LEDs haben andere Vorteile. Schöneres Licht und längere Lebensdauer zum Beispiel.

Sie wollen Strom sparen, die Stadtwerke hingegen wollen Strom verkaufen. Wie sieht hier die Zusammenarbeit aus?

Künzle: Vor gut zehn Jahren war das tatsächlich ein Problem: Der Energiebeauftragte arbeitete im Marketing der Stadtwerke, musste also das Sparen predigen und gleichzeitig Strom verkaufen. Nun sind die Bereiche getrennt. In der Zusammenarbeit gibt's keine Probleme: Die Stadtwerke sind nicht daran interessiert, den Strom sinnlos für Geld zu «vertschutten» – die Zeiten des Stromüberflusses sind auch dort vorbei. Anderseits habe ich als Energiebeauftragter Interesse daran, dass die Stadtwerke gut dastehen.

Denn der Energiefonds wird durch Stromeinnahmen gefüllt, zudem engagieren sich die Stadtwerke für Photovoltaik-, Fernwärme- und Wasserkraftanlagen, die heute noch nicht wirtschaftlich sind.

Noch ein Blick in die städtische Stromzukunft: Die SP pocht auf den Atomausstieg. Ist der Ausstieg ihrer Meinung nach realistisch?

Künzle: Wohl nicht in dem Tempo, wie ihn die SP-Initiative verlangt. Derzeit arbeiten wir einen Gegenvorschlag aus.

Ich bin überzeugt, dass dieser erfolgversprechender ist und an der Urne mehr Chancen hat als die Initiative. Das Ziel muss es sein, den Ausstieg in geordneten Bahnen zu schaffen.

Interview: Ralf Streule

Harry Künzle Leiter Amt für Umwelt und Energie, Energiebeauftragter Stadt St. Gallen.

Harry Künzle Leiter Amt für Umwelt und Energie, Energiebeauftragter Stadt St. Gallen.

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