Sozialen Frieden erhalten

ST.GALLEN. Für eine Versachlichung der Debatte über die Sozialhilfe plädieren Regierungsrätin Kathrin Hilber und Stadtrat Nino Cozzio. Polemik bringe niemandem etwas, sagten sie gestern in St. Gallen.

Reto Voneschen
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Ausstellungseröffnung im Waaghaus mit Regierungsrätin Kathrin Hilber und Stadtrat Nino Cozzio. (Bild: Coralie Wenger)

Ausstellungseröffnung im Waaghaus mit Regierungsrätin Kathrin Hilber und Stadtrat Nino Cozzio. (Bild: Coralie Wenger)

Derzeit macht die Wanderausstellung «Im Fall» der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe in St. Gallen Station. Die Schau wartet mit Daten und Aussagen zur Sozialhilfe in der Schweiz auf. Letzte Woche war sie an der Offa, ab heute ist sie für eine Woche im Waaghaus zu sehen. Hier wird sie durch «Im Flug» ergänzt, eine von Studierenden der Schule für Gestaltung erarbeitete Collage mit «Überlebenskunst» armutsbetroffener Personen.

Gestern abend wurde die Doppelausstellung eröffnet, und zwar durch die «Sozialminister» von Kanton und Stadt, Regierungsrätin Kathrin Hilber und Stadtrat Nino Cozzio.

Offen und sachlich diskutieren

Hilber wie Cozzio machten in ihren Eröffnungsansprachen auf die Aktualität des Themas aufmerksam. Die Finanz- und Wirtschaftskrise beschere gerade den Zentrumsstädten steigende Sozialkosten. Anderseits sei zu beobachten, dass der Solidaritätsgedanke in den letzten Jahren gelitten habe.

Vor diesem Hintergrund tue eine sachliche Diskussion über das Thema not. Dabei müsse man auch unbequeme, emotionale Fragen offen angehen. Sensationshascherei, Polemik und Vorurteile brächten dagegen niemandem etwas. Keinesfalls vergessen dürfe man, dass hinter jedem Sozialfall Menschen und ihr Schicksal stünden.

Faktor für unseren Wohlstand

Für Regierungsrätin Hilber wie für Stadtrat Cozzio leistet die Sozialhilfe einen wesentlichen Beitrag zum sozialen Frieden in der Schweiz.

Und diesem Frieden habe unser Land unter anderem seine Stabilität und seinen Wohlstand zu verdanken. Was sozialer Frieden bedeute, merkten viele wohl erst, wenn er nicht mehr herrsche, vermutete Nino Cozzio. Beispiele aus dem Ausland zeigten sehr deutlich, dass ein einziger Tag Bürgerkrieg in jeder Hinsicht mehr koste als ein ganzes Jahr Sozialhilfe.

Ein Thema, das alle angeht

Für Kathrin Hilber ist die Ausstellung «Im Fall» ein guter Ansatzpunkt, um Probleme und Herausforderungen in der Sozialhilfe öffentlich zu thematisieren. Auch wenn die Schweiz in diesem Bereich bereits viel erreicht und etwa die Altersarmut fast zum Verschwinden gebracht habe, gebe es ungelöste Probleme. Zu denken geben müsse, dass immer mehr junge Menschen und Familien in die Armutsfalle tappten.

Auch gebe es versteckte Armut oder Menschen, die am Existenzminimum lebten, denen aber niemals in den Sinn käme, ihnen zustehende Sozialhilfe zu beziehen. Bei der Lösung anstehender Probleme sei nicht nur die Politik gefordert. Alle könnten und müssten dazu beitragen, forderte Kathrin Hilber.

Sozialpolitik lohnt sich

Nino Cozzio machte zudem auf die Komplexität des Themas aufmerksam. Sozialhilfe sei zwar ein wichtiger, aber eben nur ein Teil einer umfassenden Sozialpolitik.

Zur Sozialpolitik gehöre unbedingt auch Prävention, etwa durch Frühförderung im schulischen Bereich oder durch die Förderung der Integration. Präventive Massnahmen kosteten zwar etwas, reduzierten aber das Risiko der damit erfassten Personen, später auf Sozialhilfe angewiesen zu sein. Eine ganzheitliche Sozialpolitik zahle sich für die Gesellschaft aus, stellte Stadtrat Cozzio gestern im Waaghaus fest.