Singen für das Morgenland

Sternsinger ziehen dieser Tage allerorts von Tür zu Tür. Sie segnen, singen und sammeln Spenden. Die Eggersrieter sind besonders erfolgreich: 11 300 Franken nahmen sie bis jetzt ein.

Noemi Heule
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EGGERSRIET. Der Dreikönigskuchen liegt bereit. Schnell greifen die Kinder zu, während sie im Eggersrieter Pfarrhaus den Schülerthek gegen Kostüme tauschen. «Ich bin der König!», ruft Ramona und hält die weisse Plastikfigur in die Höhe. Sie darf den mit Glitzer bestückten Mantel umlegen. «Kaspar» wolle sie sein, sagt sie und stülpt die Krone über das blonde Haar.

«Klebergeber» oder Sternträger

Auch Marc und Julia gebührt die Ehre, sie schlüpfen in die Rolle von Melchior und Balthasar. Jemand nimmt das Kässeli in Empfang. Es sollte im Laufe des Abends nicht schwerer, dafür umso wertvoller werden. Auch die restlichen sieben Sänger fassen eine zusätzliche Aufgabe. Sie sind «Klebergeber», Schreiberassistent oder Sternträger.

«Ricola fassen!», ruft Monika Fässler. Die 64-Jährige ist der Motor hinter der Sternsinger-Aktion. Sie treibt die Kinder speditiv voran. Prüft, ob die Verkleidung sitzt, büschelet die Gewänder und hängt jedem Kind einen Stern um den Hals. Dann heisst es: «Sternsinger, Marsch!» Im Kleinbus fährt die verkleidete Schar zu den Bauernhöfen rund um Eggersriet.

Spenden für Bethlehem

Vor jeder Haustür hält die Prozession. Unterstützt von Monika Fässler geben die Kinder das selbstgetextete Lied zum besten. Abrupt unterbricht ein Sprüchlein die Melodie. Aus einer Kehle erinnern die Kinder an die Flucht der Heiligen Familie und an ihr heutiges Pendant, die Flüchtlinge aus Syrien. Ihnen soll das gesammelte Geld zugute kommen. Auch nach Bethlehem fliesst ein Teil der Einnahmen. Seit Jahren unterstützen die Sternsinger das Kinderspital im Westjordanland.

Die meisten Bewohner haben die Spende bereits in einem Couvert vorbereitet. Die Sänger werden nur mit Nötli belohnt. Im letzten Jahr sammelte die Gruppe rund 12 000 Franken. In diesem Jahr sind die Eggersrieter Sänger auf Rekordkurs. Nach 12 von 16 Touren steigt der Kontostand auf über 11 300 Franken. «Die Eggersrieter spenden reichlich», sagt Fässler. Dies hängt nicht zuletzt mit ihrem Engagement zusammen. Seit zwölf Jahren leitet die ehemalige Mesmerin die Kinderschar. Jedes Jahr textet sie eigens neue Lieder und Sprüchlein.

Und Fässler ist hartnäckig. Will jemand die Türe nicht öffnen, stehen die Sternsinger im nächsten Jahr wieder davor. Überhaupt wird kein Eingang ausgelassen: «Ob gläubig oder nicht, moslemisch oder jüdisch, wir segnen jedes Daheim», sagt sie.

Sternsingen im Stall

Nicht nur das: Auch vor Stallpforten stoppen die Kinder. Während im Hintergrund die Melkmaschine brummt und der Bauer den kauenden Kühen Gras zuschaufelt, schwingen die Kinder das Weihrauchfässlein. «Christus segne dieses Haus und alle, die da gehen ein und aus», sprechen sie im Chor. «Das gilt übrigens auch für die Vierbeiner!», ruft Fässler hinterher, während sie die Kinderschar hinaus in die Nacht drängt. «Der Ausblick ist malerisch», schwärmt sie. Auf der einen Seite fällt der Hügel ab zum Bodensee, der unter dem Nebelmeer verschwindet; auf der anderen thront der Alpstein.

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