«Siegen oder sterben»

150 Jahre ist es her, dass der junge Kanton St. Gallen an der Schwelle einer Revolution stand. Dass sie vermieden werden konnte, ist einem eher unbekannten Mann zu verdanken: Dem Liberalen Arnold Otto Aepli. Rolf App

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Arnold Otto Aepli als Gesandter.

Arnold Otto Aepli als Gesandter.

Der Tag ist mit Spannung erwartet worden. Um neun Uhr haben sich am 3. Juni 1861– vor 150 Jahren also – gegen 2000 Menschen auf dem St. Galler Klosterhof versammelt, zwei Stunden später sind es schon 4000. Sie warten auf das Glockenzeichen der Kathedrale, es zeigt die Sessionseröffnung des Grossen Rates an. Doch die Glocke ertönt nicht.

Es droht Gewalt

Gewalt liegt in der Luft. Im «Schützengarten» haben die Liberalen ihr Hauptquartier aufgeschlagen, ihr Anführer Johann Baptist Weder heizt seinen Anhängern tüchtig ein. Nachts hat er Patrouillen durch die Strassen geschickt und am Morgen Feldschützen und Turner zusammengezogen. Böllerkanonen sind aufgestellt, um das Zeichen zum Aufstand zu geben. Doch geschossen wird nicht. Der Kriegskommissär hat aus dem Zeughaus am Klosterhof alle Arbeiter weggeschickt. Jetzt schliesst er ab und übergibt den Schlüssel dem Regierungsrat Arnold Otto Aepli.

Für alles Weitere will er nicht mehr verantwortlich sein. Doch seine Sorge wird sich als übertrieben erweisen. Obwohl: Man weiss nie in diesen hitzigen Tagen. An einem Wort, an einem Satz, an einem Auftritt kann alles hängen. Auch eine Revolution. Dass sie nicht ausbricht, ist diesem Arnold Otto Aepli zu verdanken: Umsichtig findet er einen Kompromiss, mit dem beide Seiten leben können. Bis es freilich so weit ist, müssen die Menschen auf dem Platz ausharren.

Ein künstliches Gebilde

Nach den Zeitgenossen und den Historikern geht es um viel. Der Kanton St. Gallen ist ein künstliches und höchst zerklüftetes Gebilde. 1798 hat ihn Napoleon gezimmert – aus der Stadt, aus den Gebieten des Fürstabts im Fürstenland und im Toggenburg, aus diversen Untertanengebieten im Rheintal und gegen Graubünden und Glarus hin. Das Gebilde ist kurzlebig, aber das Wesentliche, dieser Kranz an Territorien, überdauert Napoleons Sturz. Noch unter französischer Herrschaft ist der Fürstabt enteignet und ausgewiesen worden.

Die prägende Kluft

Eine tiefe Kluft zwischen den Konservativen und den Radikalen tut sich auf, welche das 19. Jahrhundert prägen wird. Aber der Aufschwung des Gewerbes lässt Schichten entstehen, die anderes wollen: mehr Demokratie nämlich. So entstehen parteiähnliche Richtungen: die Konservativen, welche die Macht der Kirche wahren wollen, und auf der andern Seite die föderalistisch gesinnten Liberalen sowie die zentralistischer ausgerichteten Radikalen. Ein Bürgerkrieg führt 1847/1848 dazu, dass die Liberalen in der Eidgenossenschaft die Herrschaft erringen. Die Schweiz wird zum Bundesstaat, doch das Kräftemessen der Kräfte geht weiter.

Auch in St. Gallen, wie dieser 3. Juni 1861 zeigt. Er ist Ende und Anfang zugleich. Ende einer langen Konfliktgeschichte und Anfang gemässigterer Zeiten. Schon einmal, 1831, hat das Volk Druck gemacht: Am 13. Januar erscheinen 600 Rheintaler Bauern mit Stöcken bewaffnet auf dem Klosterhof, um ihren Forderungen nach demokratischer Ordnung und Volkssouveränität Rechnung zu tragen. Seither hat das Volk entschieden mehr Rechte, aber ein ausgeklügeltes System verteilt die Posten unter Katholiken und Protestanten, das Erziehungswesen bleibt in der Hand der Konfessionen. Die Wahlkreise sind derart gezogen, dass Stimmen- und Sitzmehrheit nicht unbedingt zusammenfallen müssen. So wird seit 1859 eine liberale Volksmehrheit von einer konservativen Parlamentsmehrheit regiert.

Heftige Medienpolemiken

Eine Zeit heftigster Kämpfe bricht an, in denen Zeitungen eine treibende Rolle spielen. Über sie werden Angriffe lanciert, die auf einzelne Politiker zielen, aber die Sache meinen. So steht am 11. April 1860 in der «St. Galler-Zeitung» die kurze Notiz, ein «hochgestellter Staatsmann», einst Führer der Liberalen, habe «seinen jüngern Sohn dem Jesuitenorden förmlich einverleibt; derselbe hat das Noviziat in Feldkirch bereits angetreten.» Wer dies früher prophezeit hätte, den «würde man in's Tollhaus gesandt haben».

Jeder weiss, dass der «Staatsmann» nur Gallus Jakob Baumgartner sein kann, seit seiner Abwendung von den Liberalen einer der Anführer der Konservativen und rotes Tuch aller aufgeklärten Kreise. «Treten Sie freiwillig ab – Gehen Sie!», fordert die Zeitung. Doch die Wahl bestätigt die konservative Mehrheit im Parlament – und die liberale im Volk. Alle Zeichen stehen auf Sturm. Die Zeitungen schreiben, auch Thurgauer und Appenzeller seien bereit, in die st. gallische Hauptstadt zu marschieren. «Siegen oder Sterben heisst unser Losungswort», schreibt die konservative «Rorschacher-Zeitung».

Aepli greift ein

An dieser Stelle greift der liberale Arnold Otto Aepli ein. 1816 in St. Gallen geboren, nimmt er bis zu seinem Tod 1897 eine lange Reihe bedeutender Ämter in Kanton und Bund wahr (siehe Kasten). Er erfährt, dass sich die Regierung nicht auf die Unterstützung des Militärs gegen Volksaufläufe verlassen dürfe. In aller Stille arbeitet die Regierung unter Aeplis Regie ein Papier aus, das die Kernforderungen der Liberalen enthält und die Tür öffnet zu einer Verfassungsrevision, endlich nach vollen dreissig Jahren. Nach einigem Zögern einigen sich die Parteien an diesem 3./4. Juni. Sie tun es unter dem Druck der Situation. Andernfalls, so Gallus Jakob Baumgartner, «wäre der grässlichste Aufstand losgebrochen».

Ein langer Sommer folgt mit heftigen Debatten. Dann steht eine neue Verfassung, die wichtige Anliegen der Liberalen erfüllt. Das Erziehungswesen wird staatlicher Aufsicht unterstellt, die politische Macht bleibt gesichert. Die Konservativen erreichen umgekehrt die Autonomie der Kirche und den Ausbau direktdemokratischer Rechte. Das ist die Basis für einen beispiellosen wirtschaftlichen Aufschwung. Das Gemässigte hat gesiegt – wesentlich gefördert vom Staatsmann Aepli, dem der Historiker Hans Hiller 1953 eine noch immer hoch spannende Biographie gewidmet hat. «Der Name Arnold Otto Aepli ist unserer Generation nicht sehr geläufig», schrieb er damals. Heute gilt dies umso mehr. Aepli ist ein bedeutender Unbekannter.

Liberale und Konservative kochen an der «Verfassungssuppe»: Karikatur vom September 1861.

Liberale und Konservative kochen an der «Verfassungssuppe»: Karikatur vom September 1861.