Sich und andere stark machen

RORSCHACH. Der Rorschacher Verein Mensch zuerst – People First Schweiz will Menschen mit Lernschwierigkeiten in ihrer Selbstbestimmung und Selbstvertretung fördern und unterstützen. Ein erstes Projekt ist die Selbstvertreterausbildung.

Andrea Sterchi
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Der Vorstand (v. l.): Christoph Linggi, Florian Eugster, Carla Gantenbein, Donato Lorusso, Jürg Imhof, Hans Rutschmann (sitzend) und Juel Thurneysen. Es fehlen Florian Benz und Marcel Signer. (Bild: pd)

Der Vorstand (v. l.): Christoph Linggi, Florian Eugster, Carla Gantenbein, Donato Lorusso, Jürg Imhof, Hans Rutschmann (sitzend) und Juel Thurneysen. Es fehlen Florian Benz und Marcel Signer. (Bild: pd)

Seit er vier Jahre alt ist, leidet Berthold Heller an Epilepsie. Vor einigen Jahren musste er sich entscheiden: Sollte er eine überlebenswichtige Operation wagen? Seine um ihn besorgte Familie riet ihm ab, doch er setzte sich durch. «Ich wollte sie machen. Es war ja mein Kopf, den ich hinhalten musste», sagt er. Selber bestimmen, die eigenen Bedürfnisse und Wünsche selbst vertreten und für sich Verantwortung übernehmen, dafür will eine Gruppe von Menschen mit einer Beeinträchtigung aktiv einstehen.

Um Akzeptanz kämpfen

Im vergangenen Oktober gründeten sie deshalb den Verein Mensch zuerst – People First Schweiz, wählten den Vorstand und legten die Statuten fest. Der Verein mit Sitz in Rorschach will nicht nur betroffene Menschen in ihrer Selbstbestimmung und Selbstvertretung fördern und ausbilden, er will sie auch in ihren Rechten unterstützen und ihnen den Zugang zu Informationen aller Art erleichtern. «Und wir wollen zeigen, dass wir auch noch da sind. Wir sind Menschen, die das Gleiche können wie alle anderen, nur eben etwas anders», sagt Vorstandsmitglied Hans Rutschmann. Ihnen gehe es um Akzeptanz in der Gesellschaft. «Wir wollen gehört und ernst genommen werden», sagen seine Vorstandskollegen Christoph Linggi und Marcel Signer.

Mit einer Lernschwierigkeit

Sie wollen zuerst als Menschen wahrgenommen werden, erst dann als Menschen mit einer Beeinträchtigung. Dies drückt denn auch der Vereinsname aus: «Mensch zuerst» mit der entsprechenden englischen Übersetzung in Anlehnung an die internationale Selbstvertungsbewegung (siehe Zweittext). Wie man die Dinge nennt, war für Marcel Singer ein wichtiger Grund, sich im Vorstand zu engagieren. «Statt von einer Behinderung soll von einer Beeinträchtigung oder einem Handicap gesprochen werden», sagt er. Der Vorstand entschied, in dieser Frage noch einen Schritt weiterzugehen. «Wir nennen uns Menschen mit einer Lernschwierigkeit», sagt er.

Ausbildung anbieten

Zum fünftenmal kommt der Vorstand an diesem Abend zusammen. Unter anderem geht es an dieser Sitzung um den Fortschritt bei der Gestaltung der eigenen Internetseite. Das Vereinslogo hat der Vorstand schon früher ausgewählt. Der Auftritt im Internet ist bereits das zweite Projekt des Vereins. Gleich nach der Gründung hat er eine Ausbildung für Selbstvertreterinnen und Selbstvertreter erarbeitet. Der erste Lehrgang hat Anfang März begonnen. In diesem setzen sich die Teilnehmer nicht nur mit ihrer Lernschwierigkeit auseinander und damit, was diese für sie bedeutet, thematisiert wird etwa auch, welche Unterstützung für sie richtig ist.

Unterstützer ohne Stimmrecht

Bei seiner Arbeit wird der achtköpfige Vorstand von drei Unterstützern begleitet. Einer von ihnen ist Gunter Tschofen, der während zwölf Jahren als Heimleiter im HPV-Dörfli tätig war. «Wir halten uns zurück und helfen nur dort weiter, wo der Vorstand nicht selbst weiterkommt. Oder wir geben einen Impuls», sagt er. «Das letzte Wort haben aber immer die Mitglieder.» Der Verein werde gänzlich von betroffenen Menschen geleitet und nur sie seien auch stimmberechtigt.

Gruppen vernetzen

Eine der Aufgaben, die der Verein ebenfalls angehen will, ist eine Auflistung der Angebote für Menschen mit einer Lernschwierigkeit. Zunächst soll dies für die deutschsprachige Schweiz geschehen, später sollen die Romandie, das Tessin und die romanischsprachigen Gebiete folgen. So soll eine Vernetzungsplattform entstehen, auf der sich Betroffene und Interessierte informieren können und erfahren, wo sie welche Unterstützung erhalten. In Zukunft soll der Verein zur Anlaufstelle werden, in der Betroffene von Betroffenen beraten werden. Ebenfalls ein Thema ist der Aufbau eines Büros für Leichte Sprache, eine Sprache, die besonders leicht verständlich ist. Sie folgt eigenen Regeln und ist für Menschen mit Lernschwierigkeiten oder auch mit geringen Deutschkenntnissen gedacht. Für Gunter Tschofen steht zunächst aber auch noch etwas anderes im Vordergrund. «Zuerst müssen wir die Leute stark machen. Nur so haben sie den Mut, ihren Platz in der Gesellschaft einzunehmen.»