Sich treiben lassen, jawohl

Vielleicht ist es der bisher schönste Samstagabend eines Stadtfests. Kein Kratzer am eindunkelnden Himmel. Warm und doch nicht zu heiss. Das nach einem Sommer, der trüber nicht hätte sein können. Es ist somit auch ein Fest ohne trübes Sinnieren.

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Wo sich die Festgäste ballen: Auch am St. Galler Fest 2011 gab's zeitweise in der Altstadt fast kein Durchkommen mehr. Im Bild die untere Marktgasse. (Bild: Urs Jaudas)

Wo sich die Festgäste ballen: Auch am St. Galler Fest 2011 gab's zeitweise in der Altstadt fast kein Durchkommen mehr. Im Bild die untere Marktgasse. (Bild: Urs Jaudas)

Ein Sprichwort sagt: «Um etwas zu finden, musst du nicht suchen, sondern dich treiben lassen.» Wie wahr, wenn man es auf das St. Galler Fest anwendet. Der Bewegungstrieb führt zunächst zu den Beizen. Die Auswahl ist beachtlich – und zuweilen sogar gesund. Sofern das an einem Abend, da man sich treiben lassen darf, eine Rolle spielt. Vor allem Chinesen, Thailänder, Vietnamesen scheinen neben den Grilleuren und Käsespezialisten einen profitablen Absatzmarkt zu wittern. Wo aber sind die Italiener geblieben?

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Auch treibt's einen zwangsläufig zu musikalischen Quellen. Für alle hat's etwas. Tagsüber dürfen die Blasmusikgruppen der Stadt im grossen Marktplatzzelt nachholen, was ihnen beim Wettspiel des «Eidgenössischen» versagt blieb: Mitmachen. In der Spisergasse lassen die Rapper das junge Publikum hopsen. Zur Prime-Time um 20 Uhr rattert Brigitte Bardots «Harley Davidson» von der Marktgasse-Hauptbühne. Und bei DJ Freddy dringt ein Schwall von «It never rains in Southern California» an die Ohren. Gilt ab sofort auch für Southern Saint Gall. Ganz bestimmt.

Ist Nationalstolz ebenfalls ein menschlicher Trieb? Jedenfalls findet auch er Nahrung, nämlich in der SVP-Beiz. Entsprechend dem politischen Spektrum hat sich die Partei ziemlich am Rande des Festes, beim Kloster, eingerichtet. Am Freitagabend ist man sich der Volksnähe von Toni Brunner in Sekundenschnelle bewusst. Wer nur schon auf den Stand zusteuerte, noch vor der Bestellung, ist per Du mit dem Toggenburger Nationalrat. Den bubenhaften Schalk von 1995, als er jüngster Nationalrat der Geschichte geworden war, hat sich Toni Brunner bewahrt. Was Charme angeht, könnte er für Christoph Blocher ein gutes Vorbild sein.

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Wer das Stadtfest besucht, kann sich kein umfassendes Urteil erlauben. Eindrücke richten sich auch nach dem Zeitpunkt, an dem sich jemand wo aufhält. Kurz vor 20 Uhr ist in der Katharinengasse, einem der engsten Nahkampfplätze des Festes, ein gemütlicher Abendspaziergang durchaus noch möglich. Um 21 Uhr wagt jemand den Satz: «Jetz hät's nu no Jungi uf de Gass.» Er schmeichelt zwar etlichen Besuchern, ist aber falsch. Die Aussage entspringt auch nur einer Momentaufnahme in der Multergasse.

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Noch ein Vorurteil: Das St. Galler Fest sei immer dasselbe. Dieses Jahr nämlich ist die Hauptbühne vom Waaghaus in die Marktgasse verlegt worden. Wie ein Fels steht sie in der Brandung. Der Strom der Masse drängt links und rechts an ihr vorbei. Dort ist das Fest am ehesten schweisstreibend. Auch das Wetter ändert fast von Jahr zu Jahr. Die meisten scheinen es zu geniessen, endlich das Sommertenü und viel Haut zur Schau stellen zu dürfen. Auffallend, aber nicht überraschend ist, dass sich das weibliche Geschlecht diesbezüglich viel mehr erlaubt als sein männlicher Widerpart.

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Bestätigt hat sich, dass am Freitag mehr Stadtsanktgaller unterwegs sind. Am Samstag keine Kollegen weit und breit. Waren überhaupt Städter da? Bitte melden! Vielleicht gilt auch hier: Richtiger Ort zur falschen Zeit. Da kann man, ein wenig fremd in der eigenen Stadt, getrost nach Hause abdrehen. Doch da plötzlich, in der Webergasse, ertönt Eric Claptons «Wonderful Tonight». Da bleibt man stehen und lässt das Bier rinnen. Die Musik wird immer schöner. Bei benebeltem Sinn über den Sinn des Festes zu sinnieren – forget it. Es ist eine Nacht, um sich treiben lassen. Fredi Kurth

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