Showtime für Kuh und Bauer

Für Roland Ziegler aus Andwil gibt es nur wenige Tage, die wichtiger sind als die Viehschau. Weihnachten ist so einer. Doch auch der Schautag ist ein Familienfest.

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Nicht nur die Kühe stellen sich zur Schau: Bauer Roland Ziegler hat in einer ruhigen Minute Zeit, sich und seine Kühe zu präsentieren. (Bild: Urs Bucher)

Nicht nur die Kühe stellen sich zur Schau: Bauer Roland Ziegler hat in einer ruhigen Minute Zeit, sich und seine Kühe zu präsentieren. (Bild: Urs Bucher)

ANDWIL. Es ist Mittwoch, neun Uhr. Die ersten Sonnenstrahlen erreichen den Hof von Roland Ziegler, in entfernten Baumkronen streiten sich Krähen. Roland Zieglers Kopf erscheint über dem Rücken einer Kuh. Für ihn hat der Tag schon vor vier Stunden begonnen. Verschwitzt, eine «Krumme» im Mundwinkel, wuselt er mit seinen emsigen Helfern zwischen den Kühen umher. Seine Schwester steht mit dem Fotoapparat daneben.

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Es ist kein gewöhnlicher Tag für die Zieglers, es ist Viehschau in Andwil. «Es gibt auch andere besondere Tage im Jahr, aber die Viehschau kommt bei mir bestimmt bald nach Weihnachten», sagt Ziegler und schnallt einer Kuh einen mit Blumen geschmückten Brustgurt um. Die Viehschau ist für Zieglers auch ein Familienfest. Mutter und Schwester machen den Blumenschmuck für die Kühe, Bruder und Vater helfen auf und neben dem Schauplatz. Plötzlich kommt Hektik auf, die Kühe sind fertig und springen auf der Wiese herum. Das laute, aber feierliche Dröhnen mehrerer stattlicher Schellen strapaziert das Trommelfell. Die Schellen hat Ziegler von seinem Freund Ueli Rutz, der extra aus dem Toggenburg angereist ist. Sie hätten Ziegler ein paarmal Glück gebracht, deshalb habe er sie nun immer von ihm, meint Rutz. Dann setzt sich die Herde in Bewegung. Gestriegelt, geputzt und geschmückt. Die Tiere spüren, dass heute ein wichtiger Tag ist. Vielleicht nehmen die ersten deshalb gleich Reissaus. «Da isch nöd ase guet», meint Vater Ziegler stoisch und schaut zu, wie seine Mannen beim erneuten Zusammentreiben ins Schwitzen kommen.

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Eine Viertelstunde später stehen die Kühe auf dem Schauplatz, zusammen mit jenen der anderen neun teilnehmenden Betriebe. Es herrscht ein babylonisches Durcheinander. Dennoch findet jeder Bauer seine Kühe wieder und stellt sie nach Kategorie ein. Das Ganze geht beeindruckend schnell. Danach treten die beiden Schauexperten in Aktion. In jeder Kategorie küren sie die Kühe nach Schönheit. Die Kühe werden wieder «umgestellt», die Schönste zuvorderst. Sie wird mit einem farbigen «A» markiert und nimmt am Nachmittag an den Wettbewerben teil. Roland Ziegler, selbst Mitorganisator der Schau, macht die Runde, schüttelt Hände. Und freut sich, dass einige seiner Kühe ein «A» auf dem Allerwertesten tragen. «Wir sind auf Kurs», sagt er im Vorbeigehen. Das «Einstellen» dauert bis zum Mittag. Die Kategorien, denen die Tiere im Vorfeld zugeteilt werden, beziehen sich auf die Lebensleistung, sprich die geleistete Milchmenge. Je höher die Lebensleistung, desto älter die Kuh.

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Die Sonne steht hoch, die morgendlichen Schleierwolken haben sich verzogen. Höchste Zeit für Essen und Geselligkeit. Für Ziegler sowieso der wichtigste Aspekt der Schau. «Bekannte Gesichter zu treffen, sich auszutauschen, zusammenzusitzen, das ist wichtiger als der Wettbewerb.» Vielleicht ein bisschen tiefgestapelt, schliesslich hat Ziegler auch schon gewonnen. Und der Appetit kommt ja bekanntlich mit dem Essen.

Bei Fleischkäse und Kartoffelsalat ist die Stimmung ausgelassen, es wird viel gelacht und diskutiert. Über die Favoritinnen, über den letzten guten Handel und darüber, welche Kühe man selbst ins Rennen schicken will. Und auch darüber, dass einige Kühe nach dem ersten Melken vom Morgen bereits wieder verdächtig pralle Euter haben.

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Dann geht es los. Zunächst wird die wirtschaftlichste Kuh gekürt. Aus der Zuchtperspektive gesehen eigentlich die wichtigste Kategorie, wie Schauexperte Roland Bischof erklärt. «Die Tiere müssen bestimmte Anforderungen erfüllen, unter anderem muss die Milch einen möglichst hohen Eiweissgehalt haben.» Dann folgen die Schöneuter-Preise. Hoch oben angesetzt, breit und gut mit dem Bauch verbunden, so sind die schönsten Euter. Ziegler schafft es mit einem Jungtier auf Platz 2. Denselben Platz erreicht er im Betriebscup, wo drei möglichst identische Kühe eines Betriebs in den Ring treten. Je ähnlicher sich die Tiere sehen, desto hochwertiger ist die Zucht. Zuletzt folgt die prestigeträchtigste Kategorie, die Miss-Wahl. In der Endrunde stehen noch zwei Kühe, eine davon gehört Ziegler. Nun wirkt er doch ein bisschen angespannt, der Sieg liegt in der Luft. Doch es reicht nicht ganz, Platz zwei bleibt für Ziegler heute das höchste aller Gefühle.

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Doch das macht nichts. Alle sind zufrieden. Beim «Schau-Kafi» und einem grossen Stück Schwarzwäldertorte lassen Ziegler und seine Mannen den Tag Revue passieren. Schön war er. «Das Wetter hat mitgespielt und im Wettbewerb waren wir immer vorne dabei. Meine Kühe sind top», sagt Ziegler. Dann brechen sie auf. Noch einmal heisst es Schellen umlegen und Brustgurte schnallen. Obwohl die Blumen bereits etwas lahmen.

Kathrin Alder

Die Hinteransicht zählt: Schauexperte Roland Bischof nimmt's genau. (Bild: Kathrin Alder)

Die Hinteransicht zählt: Schauexperte Roland Bischof nimmt's genau. (Bild: Kathrin Alder)

Bereit für Betriebscup: Ueli Rutz, Felix und Roland Ziegler (von rechts). (Bild: Kathrin Alder)

Bereit für Betriebscup: Ueli Rutz, Felix und Roland Ziegler (von rechts). (Bild: Kathrin Alder)

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