Sexualität ist nicht das Wichtigste

Sechs Jahre lang haben die Frauen von «Limettes» im Linsebühl Lesbenparties organisiert. Nun übernimmt ein jüngeres Team. Die ehemaligen und neuen Initiantinnen reden über ihre Parties und die Homo- und Hetero-Ausgehszene.

Simone Buff
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«Treasure»-Initiantin Anita Rodrigues mit den einstigen «Limettes» Rahel Aeschbacher und Karin Sennhauser (von links). (Bild: Benjamin Manser)

«Treasure»-Initiantin Anita Rodrigues mit den einstigen «Limettes» Rahel Aeschbacher und Karin Sennhauser (von links). (Bild: Benjamin Manser)

«Zwischen 80 und 160 Leute waren jeweils an unseren Parties», sagt Karin Sennhauser aus Kirchberg. Neben Ursina Girsberger und Bea Koenskuns ist sie eine der Gründerinnen der Gruppe Limettes, die sechs Jahre lang Lesbenparties im Linsebühl organisiert hat. Als einziges Gründermitglied war sie bis vor kurzem noch dabei. Nun haben die «Limettes»-Frauen mit den Lesbenparties aufgehört. Inzwischen sind alle «ein wenig älter» geworden, wie sie sagen. Auch den Organisationsaufwand wollen sie nicht mehr in Kauf nehmen.

Ungeoutet und barfuss feiern

An die Parties erinnert sich Karin Sennhauser aber gerne: Highlight sei unter anderen eine Summer Night mit Sand auf dem Boden gewesen: «Da haben alle barfuss getanzt.» Aber auch die Eröffnungsparty, bei der statt der erlaubten 130 Leute 230 erschienen seien, sei ein voller Erfolg gewesen. «Ausser im letzten halben Jahr ist es immer gut gelaufen», sagt sie. Eine Zeit lang seien die Frauen von recht weit her gekommen, auch aus Deutschland oder Österreich.

«Anfangs gab es an unseren Parties viele, die noch nicht geoutet waren, sich dann aber an den Parties sichtlich wohl gefühlt haben», erinnert sie sich. Bewusst sei der Anlass immer für «Lesben und Freunde» veranstaltet worden. «Man sollte sich nicht separieren. Aber für jüngere Lesben oder jene, die sich noch nicht geoutet haben, sind solche Anlässe schon wichtig.»

Ein Lokal mit Geschichte

«Limette», so hiess früher das Lokal im Linsebühl, in dem die Parties stattfanden. Drei Besitzerwechsel hätten sie insgesamt erlebt, erzählt Sennhauser. Als das Lokal kurzzeitig geschlossen wurde, hätten sie ihre Parties im Restaurant Marktplatz in der Shopping Arena durchführen müssen, sagt Sennhauser. Nach dem Konkurs wurde das «Limette» 2008 von Martin Isele übernommen, renoviert und ins «Nuts» umgewandelt, eine zweistöckige Bar mit Disco für Gays und Freunde.

Als Nachfolgerinnen der «Limettes» wollen nun Melanie Maurer, Anita Rodrigues und Nina die monatlichen Lesbenparty im Linsebühl weiterführen. Die drei sind zwischen 21 und 25 Jahre alt. Unter dem Namen Treasure wollen sie weiterhin eine «überschaubar-familiäre Party» organisieren, von der neben St. Gallerinnen auch Frauen aus dem Appenzellerland oder Thurgau profitieren können. Denn in der Ostschweiz sind Events für Frauen spärlich gesät. «Und die Szeneparties in Zürich sind riesig, da geht man fast verloren», sagt Anita Rodrigues. Von den «LeSchwu»-Parties im Kugl soll die neue Partyreihe sich vor allem durch die Musik unterscheiden: Während im Kugl vorwiegend Elektro läuft, wird bei den «Treasure»-Anlässen von Hip- Hop, Soul, Funk bis hin zu Pop oder Oldies fast alles zu hören sein. Willkommen ist auch nichtlesbisches Publikum. Wichtig sei, dass es keine Ausgrenzung gebe. «Sonst wären wir ja gleich wie die Leute, die uns ausgrenzen», sagt Nina. «Sexualität soll bei uns nicht im Vordergrund stehen.» Und woher kommt der Partyname Treasure? «Weil jede Frau auf eine gewisse Art ein Schatz ist.»

Sexuelle Klischees im Ausgang

Gibt es denn Probleme, wenn man als lesbische Frau in den «gemischten» Ausgang geht? In Winterthur sei sie einmal in einer Bar vor die Tür gestellt worden, weil sie und ihre Freundin sich dort geküsst hätten, erzählt Nina. Als lesbenfeindliche Stadt sehen die drei St. Gallen aber nicht. Was man im normalen Ausgang auf dem WC als burschikose Lesbe öfters höre, sei aber teils recht unfreundlich: «Das isch im Fall s Fraue-WC!», musste sich Melanie Maurer schon anhören. Sie gehe deswegen nicht mehr in den «Hete»-Ausgang. Blöd angeschaut werde man eben schon, wenn man mit der Freundin im «gemischten» Ausgang sei und sich wie ein normales Pärchen mal einen Kuss gebe.

Während manche Männer damit natürlich umgehen könnten, brächten andere den Begriff «lesbisch» sofort mit Sex in Verbindung – er wecke schnell die männliche Vorstellung von sich selbst im Bett mit zwei Frauen. Den Spruch «Du hast es ja nur noch nie richtig von einem Mann besorgt bekommen» bekäme man manchmal auch zu hören.

Wie steht es um das Klischee der Lesbe, die sich wie ein Mann gibt und kleidet? Solche Frauen gebe es in der Szene nach wie vor. Bei ihnen stehe bei der eigenen Kleidung eher das Wohlfühlen in der eigenen Haut an erster Stelle: «Lange Haare und weibliche Kleidung haben bei uns einfach nicht gepasst», sagen Anita Rodrigues und Melanie Maurer. «Was, Du bist lesbisch? Dafür siehst Du aber viel zu weiblich aus!», bekomme man dafür zu hören, wenn man eher eine Röckli- und Handtäschchen-Trägerin sei.