«Sex und Religion sind tabu»

Die Mister-Schweiz-Organisation hat einen neuen Chef. Der 40jährige Abtwiler Urs Brülisauer übergibt die Leitung an Ralf Huber (37). Erreicht hat Brülisauer einiges. Seine Mannen wussten immer, wo das Matterhorn steht.

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Der amtierende Mister Schweiz Luca Ruch mit Organisator Urs Brülisauer. (Bild: tillate.com)

Der amtierende Mister Schweiz Luca Ruch mit Organisator Urs Brülisauer. (Bild: tillate.com)

Herr Brülisauer, nach zwölf Jahren geben Sie die Leitung der Mister-Schweiz-Wahlen ab.

Urs Brülisauer: Natürlich ist ein bisschen Wehmut dabei. Aber ich freue mich auch auf die neuen Aufgaben. Der Entscheid ist auch nicht von heute auf morgen gefallen: Ich habe mir immer wieder Gedanken über die Zukunft gemacht und die Zeit ist jetzt reif für einen Wechsel.

Welches ist denn Ihre neue Aufgabe?

Brülisauer: Das kann ich noch nicht genau sagen, da die Verträge noch nicht unterschrieben sind. Nur so viel: Ich werde zu einem Medienunternehmen gehen. Bis es aber so weit ist, begleite ich meinen Nachfolger, Ralf Huber, bei der Planung der nächsten Mister-Schweiz-Wahl.

Werden Sie der Mister-Schweiz-Organisation in irgendeiner Form erhalten bleiben?

Brülisauer: Nein, ich werde zwar immer für Fragen erreichbar sein, mich aber nicht aufdrängen. Meine Anteile an der Marke «Mister Schweiz» verkaufe ich an Jürg Marquard.

Die Mister-Schweiz-Wahl wird nicht mehr vom Schweizer Fernsehen übertragen, die Führung wechselt.

Brülisauer: Es gab keinen Druck von aussen. Die Verträge mit dem Schweizer Fernsehen wurden jedes Jahr neu verhandelt. Mit dem Wechsel zu 3+ ist aber ein guter Zeitpunkt für meinen Abgang gekommen. Die Show braucht jetzt frischen Wind.

Dennoch: Dass das Schweizer Fernsehen Ihre Show fallengelassen hat, muss doch schmerzen?

Brülisauer: Ich sehe das auf keinen Fall als persönliche Niederlage. Wir hatten sehr gute Einschaltquoten. Dem Schweizer Fernsehen verdanken wir auch sehr viel. Es gibt derzeit ein gewisses Überangebot an Entertainment-Shows, und die Mister-Schweiz-Wahl hat vielleicht ein etwas «veraltetes» Format.

Müsste sich die Wahl ein Vorbild an den deutschen Castingshows nehmen und wöchentlich einen Kandidaten rausschmeissen?

Brülisauer: Das wäre sicher eine Möglichkeit und wurde auch schon einmal diskutiert. Aber eine solche Entscheidung müsste jetzt mein Nachfolger treffen.

Zwölf Jahre sind eine lange Zeit: Was war Ihr Höhepunkt?

Brülisauer: Die Wahl von Renzo Blumenthal 2005. Erstmals hat das Schweizer Fernsehen die Wahl übertragen. Für mich war das eine Art Bestätigung für die jahrelange Arbeit. Zudem hatten wir Glück, einen so sympathischen und erfolgreichen Mister Schweiz zu haben.

Und der Tiefpunkt?

Brülisauer: Das war im Jahr vor Renzo Blumenthal. Sven Melig wurde Mister Schweiz und trat von einem Fettnäpfchen ins nächste. Besonders brutal war die sogenannte «Gummi-Affäre», als Melig offen zugab, Sex ohne Kondom zu praktizieren. Wir haben Sponsoren verloren und einen enormen Imageschaden erlitten.

Täuscht der Eindruck oder sind die Mister seither beliebiger geworden?

Brülisauer: Wir beraten die Mister seither besser. Ich sage ihnen zum Beispiel, dass sie keine Fragen über Sex, Religion und Politik beantworten sollen.

Gerade in der Politik scheinen die Kandidaten ja auch nicht sehr sattelfest zu sein.

Brülisauer: Man kann ja auch nicht von jedem jungen Mann erwarten, dass er sich für Politik interessiert. Ich erwarte aber von einem Kandidaten eine gewisse Allgemeinbildung. Im Vorfeld der Wahlen bekommen unsere Kandidaten einen Katalog von 250 häufig gestellten Medienfragen. Und: Unsere Kandidaten wissen alle, wo das Matterhorn steht.

Geht es denn beim Mister Schweiz nur um Schönheit?

Brülisauer: In erster Linie schon. Es wird der schönste Schweizer gewählt. Ich glaube aber, dass es immer auf das Gesamtpaket ankommt. Das Publikum will eine Persönlichkeit. Unsere Mister sind auch ein Querschnitt der Gesellschaft: Wir hatten schon alles von Arzt bis Bauer.

Dennoch belächeln viele Menschen die Schönheitswettbewerbe.

Brülisauer: Das stört mich überhaupt nicht. Die Ausgabe der «Schweizer Illustrierten» mit den Kandidaten gehört jedes Jahr zu den meistverkauften. Unsere Show wird von über einer halben Million Menschen geschaut. Und auch die Menschen, die über die Wahl lästern, haben sich offensichtlich damit beschäftigt. Es wird ja niemand dazu gezwungen.

Sie haben zwei junge Töchter. Wie werden Sie reagieren, wenn diese einmal den Wunsch äussern, Miss Schweiz zu werden?

Brülisauer: Meine Töchter haben eher kleine Eltern und würden deshalb wohl schon an der Grösse scheitern. Aber wenn das wirklich ihr Traum wäre, würde ich ihnen sicher keine Steine in den Weg legen. Interview: René Rödiger