«Sex ohne Gummi ist nicht illegal»

Ärger im Sexgewerbe: Bordellbetreiber schiessen gegen einen Konkurrenten, dessen Angestellte ungeschützten Sex anbieten. Das setze andere Prostituierte unter Druck. Der Beratungsstelle für Sexarbeiterinnen sind die Hände gebunden.

Tobias Hänni
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Riskante Dienstleistung im Rotlicht: Prostituierte bieten Geschlechtsverkehr ohne Kondom an. (Archivbild: Ralph Ribi)

Riskante Dienstleistung im Rotlicht: Prostituierte bieten Geschlechtsverkehr ohne Kondom an. (Archivbild: Ralph Ribi)

Städtische Bordellbetreiber sind verärgert. Der Grund: Angestellte eines Konkurrenten an der Rorschacherstrasse würden auf Anfrage ungeschützten Geschlechtsverkehr anbieten. Einer der Clubbesitzer hat sich – ungewöhnlich für die sonst medienscheue Branche – deshalb ans Tagblatt gewandt. «Es gibt immer wieder solche Angebote. Doch im Moment ist es extrem.» Der Mann schätzt, dass 15 bis 20 Frauen in dem Club Sex ohne Kondom anbieten. «Unter ihnen ist auch eine schwangere Frau.»

Risiko für andere Frauen

Auf der Internetseite des fraglichen Etablissements wird zwar darauf hingewiesen, dass ungeschützter Koitus absolut nicht in Frage komme. Doch Einträge auf auf einem Internetforum, auf dem sich Freier über entsprechende Angebote austauschen, bestätigen die Behauptungen des Bordellbetreibers. Die riskante Dienstleistung hat seiner Ansicht nach negative Folgen für andere Anbieter käuflicher Liebe. «Solche Praktiken sind für meine Angestellten ein Gesundheitsrisiko. Denn sie bieten Oralsex ohne Kondom an.» Ein Freier, der ungeschützten Sex gehabt habe, könne sie so mit Krankheiten anstecken. Darüber hinaus würden die Frauen von den Freiern vermehrt unter Druck gesetzt. Diesen Eindruck hat auch ein zweiter Bordellbesitzer: «Vor zwei Wochen hatten wir drei Freier, die sich während dem Sex den Gummi abgezogen haben.»

Prävention als einziges Mittel

Die Bordellbesitzer haben die kantonale Fachstelle Maria Magdalena, die Prostituierte berät, über die Zustände beim Konkurrenten informiert. Doch der Fachstelle sind die Hände gebunden. «Natürlich stellt der ungeschützte Sex für die Frauen ein hohes Risiko dar», sagt Susanne Gresser, Mediensprecherin von Maria Magdalena. Verbieten könne man ihn aber nicht. «Es ist nicht illegal, ohne Gummi Geschlechtsverkehr zu haben.» Weder Maria Magdalena noch eine andere staatliche Stelle habe die Kompetenz, um solche Angebote zu unterbinden. Als einziges Mittel bleibe die Prävention.

Freier sind die Schuldigen

Laut Gresser hat die für die Stadt zuständige Mitarbeiterin von Maria Magdalena erfolglos versucht, in Kontakt mit dem Bordellbetreiber zu treten. «Sie wird nun das Gespräch mit den Frauen suchen. Und mit ihnen über die Risiken reden.» Die Schwierigkeit sei, so Susanne Gresser, «dass kaum eine von ihnen zugibt, ungeschützten Sex zu haben.» Gleich verhielten sich die Freier, die für Gresser die eigentlichen Schuldigen an der riskanten Dienstleistung sind. «Für Sex ohne Schutz zahlen sie doppelt bis dreimal so viel.» Die Freier würden die finanzielle Lage der Frauen ausnützen, regt sich Susanne Gresser auf. «Wenn dann eine aus Geldnot einwilligt, entsteht unter den Frauen ein Gruppendruck.»

Körper als Arbeitsinstrument

Den Mitarbeiterinnen von Maria Magdalena kommt immer wieder zu Ohren, dass Prostituierte auf Kondome verzichten. Trotzdem befürchtet Susanne Gresser nicht, dass dies in den Bordellen salonfähig wird. «Viele Betreiber und Betreiberinnen achten darauf, dass sich die Frauen schützen.» Sie habe auch noch nie eine Sexarbeiterin kennengelernt, die freiwillig ohne Gummi arbeiten wolle. Die allermeisten Frauen würden sehr bewusst auf ihren Körper schauen. «Er ist ihr Arbeitsinstrument, das sie nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.» Vor allem, weil von ihrem Einkommen das Wohl ihrer Kinder, ihrer Familie oder einer ganzen Sippe abhänge.