Seilziehen um Sitz im Kirchenrat

In den meisten Gemeinden sind die Kirchenbehörden seit Mitte September neu bestellt. Nicht so in Wittenbach, wo ein Kirchenverwaltungsrat die Wiederwahl knapp verpasste. Im «Gemeindepuls» wird nun auf ungewohnte Weise inseriert.

Corinne Allenspach
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WITTENBACH. Dass Wahlen in Wittenbach nicht ohne Nebengeräusche über die Bühne gehen, ist nichts Neues. Bisher kannte man das aber vor allem beim Gemeinde- oder Schulrat. Nun treibt auch die Wahl für den letzten vakanten Sitz im Kirchenverwaltungsrat der Katholiken sonderbare Blüten.

Kandidieren statt kritisieren

Was ist passiert? Mitte September bestellten die Wittenbacher Katholikinnen und Katholiken wie überall im Kanton ihre Kirchenbehörden neu. Zur Wahl stellten sich im Kirchenverwaltungsrat (KVR) alle Bisherigen. Für den vakanten Sitz kandidierte Dorfbeck Albert Gätzi. In einem ganzseitigen Inserat erklärte er Ende August im «Gemeindepuls» seine Motivation: «Nachdem ich in den vergangenen vier Jahren verschiedentlich an der Kirchbürgerversammlung angeeckt und abgeblitzt bin mit meinen Anträgen, und weil es nicht meiner Art entspricht, nur von aussen zu kritisieren, werde ich jetzt kandidieren.» Weiter schrieb Gätzi, dass leider im Hintergrund noch immer daran gearbeitet werde, das Leben im Dorf zuungunsten auch der Kirche zu verändern. «Daran ist auch ein amtierendes KVR-Mitglied offiziell beteiligt», nahm Gätzi kein Blatt vor den Mund. Er wurde Mitte September auf Anhieb gewählt, Amtsantritt ist am 1. Januar 2016. Besagtes Mitglied verpasste das absolute Mehr knapp. Es lag bei 252 Stimmen, Bruno Wahsel erhielt 248 und wurde damit nach 20 Jahren im Rat nicht wiedergewählt.

KVR-Präsidentin ist überrascht

«Ich hätte nie gedacht, dass das passieren würde», sagt Gätzi jetzt dazu. Das Inserat habe er, wie es seinem spontanen Wesen entspreche, «frei aus dem Bauch heraus gestartet». Gätzi ist überzeugt, dass für die Abwahl in erster Linie der jahrelange Rechtsstreit verantwortlich war, der zwischen Gätzis und zwei Nachbarn, darunter auch Wahsel, geführt wird. Dabei geht es unter anderem um die Verkehrssituation entlang der Dorfstrasse. Aufgrund der knapp verpassten Wiederwahl verlangte die Katholische Administration eine Nachzählung. Diese ergab, dass die Wittenbacher Stimmenzähler richtig gezählt hatten (Tagblatt vom 28. September). Da sich für den zweiten Wahlgang am 8. November aber kein Kandidat für den vakanten Sitz finden liess, wurden jetzt leere Wahlzettel gedruckt und versandt. «Bei leeren Wahlzetteln geht vermutlich kaum jemand wählen», glaubt Gätzi. «Es wäre doch viel besser, wenn wir den Kirchbürgern einen Namen präsentieren könnten.» Darum hat er auf Eigeninitiative und ohne Rücksprache mit KVR-Präsidentin Gaby Merz Mitte Oktober erneut ein Inserat im «Puls» geschaltet. Darin bittet er Interessenten für dieses Amt, sich bei ihm zu melden. Gaby Merz war «sehr überrascht», als sie das las. «Für mich stimmt das überhaupt nicht», sagt sie. «Solche eigenmächtigen Inserate sind bei uns nicht üblich.»

Seelsorgeteam meldet sich

Im aktuellen «Puls» meldet sich nun auch das Seelsorgeteam zu Wort. Eine Wahlempfehlung seinerseits sei ungewohnt, betont das Team. Mit der speziellen Konstellation nach dem ersten Wahlgang mit einem vakanten Sitz und einem zweiten Wahlgang mit leerem Wahlzettel habe man sich aber dazu entschlossen. «Wir möchten den Kirchbürgern Bruno Wahsel zur Wahl vorschlagen», schreibt das Seelsorgeteam. Und nennt auch gleich einige Gründe: Wahsels grossen Einsatz für die Kirchgemeinde, seine Hilfsbereitschaft und jahrelange Erfahrung.

Gätzi will keinen «Knatsch»

Gätzi seinerseits hat ebenfalls Interessenten, die sich bei ihm gemeldet haben, wie er sagt. «Wir werden uns diese Woche zusammensetzen und uns besprechen.» Gätzis Ziel ist es, vor den Wahlen im «Puls» noch einen Namen veröffentlichen zu können. Gaby Merz findet die ganze Situation «traurig». «Ich bin jetzt seit sechs Jahren im Amt und wir pflegten immer einen kollegialen Umgang», sagt sie. Gätzi betont, dass es ihm nicht darum gehe, «Knatsch zu machen». Dafür sei ihm die Zeit zu schade. «Aber es kann nicht sein, dass beim KVR nur alles schön und gut ist. Man muss auch Themen ansprechen, die vielleicht etwas unangenehm sind.»