Segler-Siedlung im Tröckneturm

Mauersegler sind in der Stadt auf künstliche Nistplätze angewiesen. Der Ornithologe Martin Koegler sorgt dafür, dass solche Plätze beim Abbruch alter Häuser nicht verschwinden. Und er hat im Tröckneturm ein Segler-Hotel aufgebaut.

Tobias Hänni
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Der Mann mit dem Vogel: Ornithologe Martin Koegler hält im Tröckneturm einen Mauersegler in der Hand, der dort vor kurzem geschlüpft ist. (Bild: Luca Linder)

Der Mann mit dem Vogel: Ornithologe Martin Koegler hält im Tröckneturm einen Mauersegler in der Hand, der dort vor kurzem geschlüpft ist. (Bild: Luca Linder)

Martin Koegler hält vorsichtig ein kleines, warmes Häufchen Federn in der Hand. Es ist ein Mauersegler, drei Wochen alt, aber schon recht aufgeweckt. Mit seinem winzigen Schnabel pickt er Koegler in die Hand. «Er hat Hunger», sagt der Ornithologe vom Naturschutzverein St. Gallen und Umgebung (NVS). Zusammen mit Franz Blöchlinger, ebenfalls NVS-Ornithologe, kontrolliert er die Nistkästen im Tröckneturm.

Kein Futter, kein Nachwuchs

Ganz zuoberst, in der geschlossenen Galerie, die dem Turm sein typisches Aussehen gibt, schlüpft jeden Sommer neues Leben. 48 von aussen anfliegbare Holzkisten sind an den Wänden montiert. Doch dieses Jahr wird in den wenigsten gebrütet. Kasten um Kasten kontrollieren Koegler und Blöchlinger – die meisten sind leer. «Das war ein miserabler Frühling», sagt Koegler. «Wenn's zu kalt ist, finden die Segler kein Futter. Und dann gibt's auch keinen Nachwuchs.» Trotzdem: Seit der letzten Kontrolle hat es in fünf weiteren Nistplätzen Eier oder Jungvögel drin. Die beiden Ornithologen freut's.

Vögel aus dem Nest geworfen

«In der Stadt leben etwa 800 Mauersegler», schätzt Koegler. Und wenn einer eine Schätzung zur städtischen Mauersegler-Population abgeben darf, dann er. Vor 50 Jahren verschlug es den Berliner, pensionierten Dachdecker und passionierten Umweltschützer nach St. Gallen. Seit 44 Jahren ist er beim NVS, seit vier Jahrzehnten setzt er sich in seiner Freizeit dafür ein, dass die Segler genügend Plätze zum Brüten finden. «Ich war der erste, der in der Stadt Nistkästen aufgehängt hat», erzählt der 74-Jährige.

In St. Gallen sei die Situation für die Segler damals schlecht gewesen. Dachdecker hätten bei Sanierungen die Vögel aus ihren Nestern «geschmissen» und diese versiegelt. Oder Jungtiere seien von alleine aus den zu kleinen Dachnischen gefallen. «Damals war es nicht so tragisch, wenn ein Dutzend Mauersegler gestorben ist.»

Schutz schwieriger geworden

Heute ist die Vogelart gefährdet und durch Bundesgesetz geschützt. Das heisse aber nicht, dass der Schutz der Spiere tatsächlich funktioniere, sagt Koegler. «Die Stadt müsste dafür sorgen, dass die Schutzbestimmungen umgesetzt werden.» Dass sie bislang bei gewissen Bauprojekten die Plätze im Gestaltungsplan vorgeschrieben hat (Tagblatt vom Freitag), ist für Koegler Augenwischerei. Beim Abbruch vieler alter Häuser verschwänden Nistkästen, ohne dass die Verwaltung einen Finger krumm mache.

Koegler sorgt deshalb selber dafür, dass Nistplätze, die Neubauten zum Opfer fallen, ersetzt werden. «Das ist unsere Hauptaufgabe. Am Futter und am Wetter können wir ja nicht viel ändern.» Eine Aufgabe, die schwierig geworden ist, seit der NVS auf lokaler Ebene kein Einspracherecht mehr geniesst. «Früher wurden wir über jedes Bauprojekt informiert», sagt Koegler. «Heute erfahren wir zufällig, wenn ein Haus mit Nistplätzen abgebrochen wird.»

«Die Segler kacken im Fliegen»

Ein anderer Weg zu neuen Nistplätzen: Inserate in der NVS-Broschüre. «Wir weisen die Leute darauf hin, dass wir an ihren Häusern kostenlos Kästen anbringen.» Dieses Jahr hätten etwa sieben Eigentümer das Angebot wahrgenommen. «Wir sind auf ihren Goodwill angewiesen», sagt Koegler. «Aber viele haben Angst, dass ihnen die Segler an die neue Fassade scheissen.» Das stimme aber nicht, hebt der Ornithologe hervor. «Sie essen trockenes Futter. Und kacken ohnehin im Fliegen.»

Die Nistkästen im Tröckneturm hat Koegler vor über zehn Jahren installiert. Sechs Jahre lang blieben sie leer. Erst als er eine Tonbandanlage mit dem Ruf des Mauerseglers aufstellte, kamen die Spiere. Letztes Jahr brüteten dort rund 40 Paare ihren Nachwuchs zur Welt. Zurzeit ist das Tonband auch beim Schulhaus Halden im Einsatz. Dorthin sind die Segler nicht mehr zurückgekehrt, seit bei einer Sanierung die Nistkästen vorübergehend abmontiert wurden. Koegler hat eine einfache Erklärung dafür: «Wenn es ums Finden von Nistplätzen geht, ist der Mauersegler einer der dümmsten Vögel.»