Schwimmen wie Tarzan

Der Rorschacher Werner Kopp (1902–2000) war jahrzehntelang einer der berühmtesten Schwimmer und Wasserballer der Schweiz. Dreimal nahm er an Olympischen Spielen teil – 1924 in Paris, 1928 in Amsterdam und 1936 in Berlin.

Otmar Elsener
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Heute vor 67 Jahren: Die Schweizer Wasserball-Nationalmannschaft spielt gegen die erste Mannschaft aus Rorschach. Wasserball zog einst viele Zuschauer an. (Bild: Tagblatt-Archiv)

Heute vor 67 Jahren: Die Schweizer Wasserball-Nationalmannschaft spielt gegen die erste Mannschaft aus Rorschach. Wasserball zog einst viele Zuschauer an. (Bild: Tagblatt-Archiv)

RORSCHACH. Was hat der legendäre Rorschacher Schwimmer Werner Kopp mit Tarzan-Darsteller Johnny Weissmüller und mit dem amerikanischen Sprinter Jesse Owens gemeinsam? Annelies Fischbacher-Kopp blättert in einem Bildband, den ihr vor 14 Jahren verstorbener Vater Werner Kopp von der Olympiade 1936 aus Berlin heimgebracht hatte: «Dieses Buch hatte seinen festen Platz im Büchergestell. Es enthält die Originalautogramme aller Goldmedaillengewinner und erinnerte ihn an den Höhepunkt seiner Schwimmerkarriere. Am meisten freute ihn die Unterschrift von Jesse Owens. Berlin 1936 war für den Vater die dritte Olympiateilnahme. Zuvor hatte er die Schweiz bereits 1924 in Paris und 1928 in Amsterdam als Schwimmer und Wasserballer vertreten.»

Kein Hitlergruss

Tatsächlich findet sich im Buch die Unterschrift von Jesse Owens. Der afroamerikanische Leichtathlet aus dem US-Staat Ohio gewann in Berlin vier Goldmedaillen. Er siegte in den Schnellläufen über 100 und 200 Meter, in der 4×100-Meter-Staffel und im Weitsprung. Die ganze Welt entrüstete sich, als Adolf Hitler in seinem Rassenwahn dem erfolgreichen dunkelhäutigen Athleten seinen Handschlag verweigerte. Owen wurde weltberühmt. Die Schweizer liessen sich von der Nazi-Propaganda nicht beeindrucken, wie Kopp später stolz berichtete. Während die Teilnehmer anderer Nationen, die Arme zum Hitlergruss hochgestreckt, ins Stadion einmarschierten, blieben die Arme der Schweizer Athletinnen und Athleten unten.

100 Meter Freistil als Spezialität

An den Olympischen Spielen kämpfte Kopp als Schwimmer in den Einzeldisziplinen und in der Wasserballmannschaft, die jeweils schon nach den Vorrunden ausschied. Kopps Spezialdisziplin waren die 100 Meter Freistil. Er hatte darin 1932 den Schweizer-Meister-Titel gewonnen. Das schnelle Crawl-Schwimmen beherrschte er perfekt. Er siegte in nationalen und internationalen Wettkämpfen. Die vielen Medaillen, die Annelies Fischbacher-Kopp aufbewahrt, hat er Besuchern oft vorgezeigt, besonders stolz die offizielle Erinnerungsmedaille von Berlin 1936. Kopp schilderte in späteren Jahren, wie einmalig es war, im damals ersten olympischen Dorf zu wohnen, und wie es bei der Heimkehr in die Schweiz noch keine Empfänge gab.

Weissmüller wird Filmstar

In jenen Jahren war der Amerikaner Johnny Weissmüller der schnellste Schwimmer der Welt. Kurz vor den Olympischen Spielen in Paris war er als erster Mensch die 100 Meter in unter einer Minute geschwommen. Zum Vergleich: Der heutige Weltrekord liegt bei 46,91 Sekunden. In Paris gewann er drei Goldmedaillen, vier Jahre später in Amsterdam zwei. Hollywood wählte den nun weltbekannten und muskulösen Schwimmer als Hauptdarsteller für die Verfilmung der Tarzanbücher: Als Urwaldmensch, der es schwimmend mit Krokodilen aufnahm und seine Jane an Lianen schwingend auf Bäume rettete, wurde Weissmüller in wenigen Jahren zum Weltstar.

Werner Kopp gelang es dagegen nicht, in die Finalläufe vorzudringen. Es ist nicht zu eruieren, ob er auch in einem Vorlauf antrat, in dem Superstar Weissmüller schwamm. Kopps Tochter erinnert sich aber, dass er zeitlebens von Weissmüllers Schwimmstil schwärmte. Doch auch ohne Finalteilnahme und ohne Gewinn einer olympischen Medaille hatte er sich in St. Gallen und Rorschach – er war Mitglied beider Schwimmclubs – dank der gleichzeitigen Olympiateilnahme von Johnny Weissmüller für sein ganzes Leben den Ruf erworben, so schnell wie Tarzan schwimmen zu können.

Direkt am See aufgewachsen

In den Jugendjahren von Werner Kopp – er wurde am 25. August 1902 geboren – gab es in Rorschach noch kein Strandbad. Nichtschwimmer gab es daher häufig und man bewunderte gute Schwimmer. Die heutige Badeanstalt wurde erst 1924 eröffnet, das Strandbad 1933. Kopp wuchs auf in einer Villa, die sein Vater Alfred auf dem Gelände Neuseeland gebaut hatte. Der See lag vor Werners Haustür und wurde zu seinem liebstem Element. Seine Schuljahre verbrachte er im nahen Knabeninstitut, wo er sicher durch seine Schwimmkünste auffiel. Der Sport wurde zur Leidenschaft, denn später als Schüler an der Kantonsschule Trogen war er mit Pickel und Schaufel tätig beim Bau eines Schwimmbades. Nach einer Banklehre und Ausbildungsjahren in Paris trat er ins Unternehmen seines Vaters ein. Die Textilwerke Kopp lagen auf dem westlichen Neuseeland direkt am See wie sein Haus der Jugendzeit. Kopp begann täglich, sommers und winters, bei Sonne wie Regen, im See zu schwimmen, etwas, das er zeitlebens nie mehr aufgab. Er begeisterte sich auch für andere Sportarten, so war er 1932 einer der Mitbegründer des Tennisclubs Rorschach. Ab 1942 wohnte er im neuen Postgebäude in Rorschach, bis er ein eigenes Haus auf Neuseeland, wiederum in nächster Nähe zum See erstellen liess.

Populärer Wasserball

Wasserball war eine der ersten Mannschaft-Sportarten der Olympischen Spiele. Der Sport wurde rasch populär und muss Werner Kopp früh begeistert haben. Schon 1920 gewann er mit dem einstigen Schwimmclub Rorschach einen Meisterpokal und 1922 wurde er erstmals in die Nationalmannschaft aufgeboten. Kopp spielte sowohl für den Schwimmclub St. Gallen als auch für die Rorschacher.

Bewundert wurde er wegen seiner Schnelligkeit beim Anschwimmen, wenn es galt, als Erster den vom Schiedsrichter ins Wasser geworfenen Ball für die eigene Mannschaft zu erobern. Dank Kopp stiegen die Rorschacher 1941 in die Nationalliga auf und Wasserball machte in der Stadt Fussball und Handball Konkurrenz. Die Spiele im See vor dem Kornhausquai zogen in den Vierzigerjahren viele Zuschauer an.

Kopp spielte noch weit über die heute üblichen Altersgrenzen hinaus und wurde so auch einer jüngeren Generation bekannt, die seine Olympiateilnahmen nicht erlebt hatte. Weissmüller und Owens sind heute Weltlegenden – Kopp bleibt es auf lokaler Ebene.

Die Rorschacher Wasserballer 1940; Werner Kopp steht ganz rechts. (Bild: Privatarchiv Kopp)

Die Rorschacher Wasserballer 1940; Werner Kopp steht ganz rechts. (Bild: Privatarchiv Kopp)

Werner Kopp in seinem Element. (Bild: Privatarchiv Kopp)

Werner Kopp in seinem Element. (Bild: Privatarchiv Kopp)

Einige von Kopps Medaillen, meistens mit Schwimmfiguren geprägt. (Bild: Otmar Elsener)

Einige von Kopps Medaillen, meistens mit Schwimmfiguren geprägt. (Bild: Otmar Elsener)

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