Schwanen, Rose, Eiffelturm

Sie tönen zoologisch wie «Schwanen», botanisch wie Rose, weltmännisch wie Eiffelturm. Rund 400 Häuser tragen in St. Gallen besondere Namen. Fredi Hächler ist ihnen auf der Spur.

Josef Osterwalder
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Das Haus «Zu den vier Winden» an der Webergasse dürfte der älteste nachweisbare Häusername sein. (Bild: Michel Canonica)

Das Haus «Zu den vier Winden» an der Webergasse dürfte der älteste nachweisbare Häusername sein. (Bild: Michel Canonica)

Als die Gademanns in den 1950er- Jahren an der Winkelriedstrasse eine Jugendstilvilla kauften, hielten sie eine Familienkonferenz. Gesucht war ein neuer Name für das frisch bezogene Anwesen. Die Kinder wünschten sich etwas Knalliges wie «Winnetou»; der Vater lieber etwas Diskreteres. Gefunden hat man sich in der Mitte, bei «Wigwam».

Vierhundert Häusernamen

Die Geschichte dieser Namensgebung erzählte Fredi Hächler am Donnerstagabend im Stadthaus bei seinem Vortrag über Häusernamen. Der ehemalige Mitarbeiter im Stadtarchiv ist in aufwendiger Feldforschung den vielen Namen nachgegangen, die an St. Galler Liegenschaften zu finden sind: Haus zum Pelikan, Schwanen, Strauss, goldenen Apfel oder zur Stärke, Laterne, Flasche, Waage. «Rund vierhundert Namen sind heute noch an den Häusern angebracht», sagte Hächler; «ursprünglich waren es gegen zweieinhalbtausend.»

Wie es zu den einzelnen Namen kam, sei in vielen Fällen ungewiss; nicht rätseln muss man jedoch über die Funktion, welche die blumigen oder zoologischen Bezeichnungen hatten. Sie dienten als Adresse und finden sich schon in den frühen Steuerlisten.

Lieber Namen als Nummern

Schwieriger wurde es, als St. Gallen im 19. Jahrhundert über die Altstadt hinauswuchs. Nun dienten Zahlen zur Orientierung. 1805 wurden Assekuranznummern angebracht, etwas später alle Häuser durchnumeriert; gegen Ende des Jahrhunderts endlich die heute gängige Strassennumerierung eingeführt. Im Bewusstsein der Bevölkerung aber blieben die alten Häusernamen noch lange erhalten. Nicht nur das. Die Gewohnheit, Häusern einen klingenden Namen zu geben, wurde auch beibehalten, als die modernen Nummern bereits eingeführt waren.

Oceanic, Helios, Audifax

Bei dieser neuern Welle von Namen ist die Bedeutung leichter ersichtlich. Stickereipaläste wie Pacific, Atlantic, Oceanic, Washington weisen auf die Kundschaft hin, für die produziert wurde. Nicht weniger kreativ die Namen der Villen, in denen die Stickereibarone wohnten: Rosenhof, Bellaria, Helios, Abendstern. Andere Häuser verraten die Lieblingslektüre im Jugendstil-St. Gallen: Audifax, Ekkehard, Hadwig, Walthari stammen aus Viktor von Scheffels Roman über das frühe St. Galler Kloster; ein Buch, das in Deutschland Kultstatus angenommen hatte.

Wetti, Auto, Schlinge

Gäbe es einen Plan mit allen Häusernamen, könnte man mit ihm durch die ganze Stadtgeschichte hindurchspazieren.

Das Haus «zur Wetti» erinnert am Gallusplatz an die dortige Pferdeschwemme, das Haus «zum Auto» dokumentiert an der Wassergasse die Ablösung von der vierbeinigen Pferdestärke. Das Haus «zum fürstlichen Garten» ist in St. Fiden das letzte Überbleibsel des mönchischen Naherholung-Gevierts. Vielsagend auch das Haus «zur Schlinge» an der Laimatstrasse; begreiflich, dass dieser makabre Name ersetzt wurde, zumal auf der Parzelle heute das Casino steht.