Schwacher Euro, starker Gallus

Der Schweizer Tourismus kriselt. In der Stadt St. Gallen stellt man bei den Hotels aber nur einen leichten Rückgang fest. Ausserdem ist die Gallusstadt als Ausflugsziel beliebter als im Vorjahr. Darauf hat auch das Gallusjubiläum Einfluss.

Sebastian Schneider
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Die Gallusstadt hat im Jubiläumsjahr mehr Touristen angelockt als im Vorjahr. Dies zeigt sich bei den Stadtführungen und in der Stiftsbibliothek. (Bild: ky/Martin Ruetschi)

Die Gallusstadt hat im Jubiläumsjahr mehr Touristen angelockt als im Vorjahr. Dies zeigt sich bei den Stadtführungen und in der Stiftsbibliothek. (Bild: ky/Martin Ruetschi)

Mieses Wetter und ein starker Franken: Das sollen die Hauptgründe sein, weshalb in Schweizer Hotels viele Betten leer, respektive kalt, bleiben. Gegenüber dem Jahr 2011 vermelden Schweizer Hotels im Zeitraum zwischen Januar und Juni einen Rückgang von 3,7 Prozent. Wie sieht es aber in der Gallusstadt aus, wo gegenwärtig das 1400-Jahr-Jubiläum gefeiert wird?

Anzahl Logiernächte trügerisch

Die Anzahl Logiernächte ist im ersten Halbjahr auch in St. Gallen geschrumpft: «In der Stadt haben wir bei den Hotelübernachtungen gegenüber dem Vorjahr einen Rückgang von 2,3 Prozent», sagt Tourismusdirektor Boris Tschirky. Allerdings müsse mit der «Kennzahl Logiernächte» vorsichtig umgegangen werden. «Die Stadt ist für diese Erhebung ein relativ kleines Gebiet», sagt Tschirky. Wenn ein grosses Hotel zum Beispiel wegen Umbauarbeiten geschlossen bleibt, lasse das die Zahl relativ markant sinken. Im Jahr 2011 wurden in der Stadt rund 170 000 Übernachtungen gezählt. Wäre das Kurhaus Obere Waid offen gewesen, hätten nochmals knapp 20 000 dazukommen können.

Die Kennzahl muss aus einem weiteren Grund relativiert werden: «In St. Gallen machen 80 Prozent der Übernachtungen Business-Touristen aus.» So sei die Anzahl Logiernächte auch von den hier stattfindenden Kongressen und Seminaren abhängig. Und darauf habe das Gallusjubiläum keinen Einfluss.

Wochenende beleben

St. Gallen wird aber auch als Ausflugs- oder Kulturstadt besucht. In diesen Bereichen leiste das Gallusjubiläum einen Beitrag. «Denn um Freizeitgäste anzulocken, muss das Wochenende noch mehr belebt werden», sagt Tschirky. Das war zum Beispiel mit dem Gauklerfest in der südlichen Altstadt der Fall.

Dass das Gallusjubiläum mehr Ausflügler in die Stadt lockt, zeigt sich bei den Stadtführungen: «Bis jetzt wurden 10 Prozent mehr Stadtführungen besucht», sagt Tschirky. Insgesamt waren es 787 Führungen, 132 mehr als im ersten Halbjahr 2011.

Stiftsbibliothek zufrieden

Auch die Stiftsbibliothek verzeichnet einen Zuwachs bei den Eintritten. Im ersten Halbjahr seien in etwa fünf Prozent mehr Gäste gekommen, heisst es dort auf Anfrage. Damit sei man zufrieden.

Beim Historischen- und Völkerkundemuseum, wo seit dem Start des Jubiläumsjahres am 20. April eine Gallusausstellung gezeigt wird, ist man vom grossen Interesse überrascht: «Es kamen viele Besucher. Auch von ausserhalb der Stadt. Zudem haben das Tessiner sowie das Vorarlberger Fernsehen darüber berichtet», sagt Kuratorin Monika Mähr. Bis jetzt hätten bereits 4675 Besucher die Ausstellung gesehen. Dies sei eine «sehr gute Zahl».

Beim Naturmuseum, wo eine Ausstellung über Bären zu sehen ist, spürt man vom Jubiläumsfest nicht viel. Die Ausstellung sei zwar gut besucht, doch könne dies auch darauf zurückzuführen sein, dass Bären im Moment in den nationalen Medien sehr präsent seien.

Verantwortliche warten ab

Zurückhaltend mit Einschätzungen gibt sich die Arbeitsgemeinschaft Gallusjubiläum 2012: «Wir werden erst nach Ablauf des Gallusjahres Ende Oktober eine Auswertung machen», sagt Iwan Köppel, Gesamtprojektleiter des Gallusjubiläums.

Ausserdem betont Köppel, dass das Jubiläum nicht in erster Linie ein Tourismusprojekt ist. Das Gallusjahr habe mehr zum Zweck, St. Galler Identität zu thematisieren. «Unsere Zielgruppe sind vor allem die Einwohner des Kantons St. Gallen», sagt Köppel.

St. Gallen im Wachstumstrend

Aus Sicht von Professor Pietro Beritelli vom Forschungszentrum Tourismus und Transport der HSG ist St. Gallen bezüglich Tourismus so oder so im Aufwärtstrend. Allerdings gebe es punkto Infrastruktur und Marketing immer noch vieles aufzuholen. Man spüre aber positive Signale. Wichtig ist aus Beritellis Sicht auch das Selbstverständnis der Bevölkerung als Tourismusstadt. Ein Punkt, für den das Gallusjubiläum zumindest offiziell besorgt ist.