SCHULUNTERRICHT: Kontroverse um das Englisch

Ist es sinnvoll, das Fach Geschichte an der Kantonsschule auf Englisch zu unterrichten? Nein, sagt der St.Galler SP-Kantonsrat und Historiker Max Lemmenmeier. Fachleute widersprechen.

Richard Clavadetscher
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Bei der Geschichte Englands und Amerikas funktioniere die Vermittlung der Themen auf Englisch sehr gut, sagt Fachdidaktiker Thomas Christian Müller von der Universität Zürich. (Bild: Keystone)

Bei der Geschichte Englands und Amerikas funktioniere die Vermittlung der Themen auf Englisch sehr gut, sagt Fachdidaktiker Thomas Christian Müller von der Universität Zürich. (Bild: Keystone)

Richard Clavadetscher

richard.clavadetscher@tagblatt.ch

Aus der Mitte des Parlaments gibt es immer mal wieder Vorstösse, die nicht ganz einfach zu beantworten sind – auch wenn sie so heissen: einfache Anfrage. Ein Beispiel ist der Vorstoss des St.Galler Kantonsrats und SP-Kantonalpräsidenten Max Lemmenmeier. Der studierte Historiker will von der Regierung wissen, warum das Fach Geschichte an den Mittelschulen als sogenanntes Immersionsfach – als Fach also, das in einer Zweitsprache (hier: Englisch) unterrichtet wird – aufgeführt werde, obwohl nur ganz wenige Schüler anschliessend ein Studium der Geschichte aufnähmen und dieses Geschichtsstudium ja nicht primär englischsprachig ausgerichtet sei.

Aus Lemmenmeiers Anfrage liest sich unschwer heraus, dass er nicht viel davon hält. Vielmehr ist er der Meinung, dass gerade das Fach Geschichte sich bestens dafür eigne, die sprachliche Kompetenz im Deutschen zu fördern – statt Mängel in diesem Bereich mit zusätzlichen Förderinstrumenten zu therapieren.

«Vertiefte Bildung in komplexen Prozessen»

Das Fach Geschichte diene der «vertieften Bildung in komplexen historischen und politischen Prozessen», so Lemmenmeier weiter. Und er fragt die Regierung an, ob sie nicht auch der Meinung sei, dass die in diesem Fach formulierten Lernziele nur schon aufgrund der beschränkten fremdsprachlichen Fähigkeiten der Schüler gar nicht erreicht werden könnten, wenn der Unterricht auf Englisch erfolge.

Der St. Galler Historiker ist zudem der Meinung, der Unterricht in Schweizer Geschichte und insbesondere in Staatskunde müsse schon aus staatspolitischen Gründen in der Muttersprache erteilt werden, damit die Schüler auch mühelos folgen könnten. Das geschichtliche Verständnis der Schüler sei nämlich «für die Identität und die politische Entwicklung eines Landes von zentraler Bedeutung». ­Geschichtsunterricht in einer Fremdsprache, so Lemmenmeier auf unsere Nachfrage, «kann dem Verlust von kritischem Denken Vorschub leisten». Für künftige Führungskräfte eines Landes aber sei es «zentral, sich die politischen und historischen Zusammenhänge in ihrer Komplexität anzueignen und sie kritisch zu hinterfragen». «Das aber ist in der englischen Sprache, die erst schrittweise erlernt wird, nicht möglich.»

Was aber sagen Fachpersonen dazu? Teilen sie Lemmenmeiers dezidierte Haltung gegen Geschichte als Immersionsfach? Die Frage geht einerseits an Marc König, Rektor an der Kantonsschule Burggraben in St. Gallen und Präsident der Konferenz schweizerischer Gymnasialrektoren, zuvor Direktor der Schweizer Schule in Rom, anderseits an Thomas Christian Müller, Dozent für Fachdidaktik Geschichte an der Universität Zürich.

Um es vorwegzunehmen: Beide anerkennen Lemmen­meiers Bedenken, seine rigorosen Forderungen teilen sie jedoch nicht. «Die von Lemmenmeier genannten Probleme können pragmatisch gelöst werden», sagt Fachdidaktiker Müller. So könne im sonst englischsprachigen Geschichtsunterricht ja Staatskunde auf Deutsch vermittelt werden. In den Geschichtslehrplänen gebe es aber zahlreiche Themen, deren Vermittlung in Englisch sehr gut funktioniere. Müller nennt als Beispiele die Geschichte Englands und Amerikas, die Kolonial- und Globalgeschichte.

Rektor ist von Professionalität beeindruckt

Marc König wiederum ist zwar auch der Meinung, dass Mittelschüler sich in der Muttersprache grundsätzlich differenzierter äussern könnten als in einer Fremdsprache. Lemmenmeiers Ausführungen sind ihm aber gleichwohl zu absolut. «Language Aware­ness» (Sprachbewusstsein) in der Muttersprache könne nämlich durchaus in der Auseinandersetzung mit anderen Sprachen erarbeitet werden. Gerade in der Praxis beeindrucke ihn immer wieder, mit welcher Professionalität die Schüler etwa bei Projektarbeiten mit Fremdsprachen ­umgingen, so König. Im Übrigen spricht der Rektor der Kantonsschule Burggraben wie schon Fachdidaktiker Müller einer pragmatischen Herangehensweise das Wort. Im Fach Wirtschaft und Recht etwa werde an seiner Schule exakt dies praktiziert: Der wirtschaftliche Teil erfolge in Englisch, der rechtliche «ganz bewusst auf Deutsch».

Eignet sich Geschichte als Immersionsfach? Da die St. Galler Regierung bei der ­Be­antwortung der einfachen ­An­frage ­Lemmenmeiers auf ­ das muttersprachliche Deutsch ­zurückgreifen kann, wird es ihr an der nötigen Differenziertheit wohl nicht fehlen.

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