Schulnoten: Unnötiger und unverständlicher Alleingang

«Noten spalten Kanton und Stadt», Ausgabe vom 9. Februar 2017

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Im Alleingang hat die Stadt St. Gallen ein neues Notensystem eingeführt. Auf die Beurteilung der Leistung wird verzichtet, beurteilt wird das Erreichen von Lernzielen. Dafür stehen die Ziffern von 1 bis 6 zur Verfügung. Auf halbe Noten wird verzichtet. Die neue Beurteilung steht in Zusammenhang mit dem Lehrplan 21; sie wird von diesem allerdings nicht zwingend vorgeschrieben. Das neue Beurteilungsverfahren und damit die neuen Zeugnisse werden laufend eingeführt, jetzt in den untersten Primarklassen, bis ins Jahr 2023 auch in der Oberstufe.

Es stellt sich die Frage, warum die Stadt, wahrscheinlich ohne Absprache mit anderen Schulen auf dem Platz St. Gallen und ohne Koordination mit umliegenden Gemeinden, eigene Wege geht und unnötig vorprellt. Dieser neue Weg der Schüler-Beurteilung ist zwar durchaus möglich. Hingegen ist der Alleingang der Stadt unverständlich und höchst problematisch. Daraus können sich für städtische Schülerinnen und Schüler bedeutende Nachteile ergeben gegenüber Schülerinnen und Schülern aus anderen Gemeinden mit herkömmlichen Zeugnissen. Bedeutsam ist dies beispielsweise bei einem Wechsel in eine andere Schulgemeinde oder beim Übertritt in eine anschliessende Schule, sind die Zeugnisse doch oft Teil des Aufnahmeverfahrens. Gravierend ist der Nachteil insbesondere bei der Bewerbung für eine Berufslehre. Ich frage mich, ob Lehrmeister die speziellen Stadtzeugnisse lesen und im Vergleich mit den bisherigen Zeugnissen aus den umliegenden Gemeinden interpretieren können.

Schülerinnen und Schüler mit halben Noten dürften im Vorteil sein. Der Verzicht auf halbe Noten führt nämlich dazu, dass Noten von 4,5 bis 5,4 im Zeugnis auf eine 5 gerundet werden, die 5 wird zum «Normalfall». Dabei sind eine 4,5 oder eine 5,4 zwei verschiedene Paar Schuhe. Nur Ausnahmekönner bekommen eine 6, wenige eine 4, noch weit weniger eine 3. Die Zeugnisse verlieren an Aussagekraft.

Ich wende mich deshalb mit Entschiedenheit gegen das unnötige Vorprellen der Stadt. Es ist zu hoffen, dass der Kantonsrat korrigierend eingreift.

Albert Rüesch

Aetschbergstr. 24, 9014 St. Gallen