Schule braucht Visionen

Stadträtin Barbara Eberhard hat vom Kanton verbindliche Vorschläge für die Entwicklung aller Schulen des Kantons erwartet. Doch der Bericht, der gestern im Kantonsrat behandelt wurde, zeige diese nicht explizit auf.

Josef Osterwalder
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Barbara Eberhard, St. Galler Stadträtin, in der gestrigen Sitzung des Kantonsrates. Sie vertritt die Anliegen der Stadt auch in der Pfalz. (Bild: Regina Kühne)

Barbara Eberhard, St. Galler Stadträtin, in der gestrigen Sitzung des Kantonsrates. Sie vertritt die Anliegen der Stadt auch in der Pfalz. (Bild: Regina Kühne)

Der Titel weckt Erwartungen, der Umfang auch. Unter der Überschrift «Die Entwicklung der st. gallischen Volksschule», legte die Regierung einen 60seitigen Bericht zu den hängigen Fragen im Schulwesen vor. Und was ist nun zu erwarten? In welche Richtung wird sich die Volksschule nun entwickeln?

«Das weiss man nach dem Lesen dieses Berichtes eben nicht», sagt Barbara Eberhard, die als St. Galler Stadträtin die Direktion Schule und Sport leitet. «Der Bericht bringt lediglich eine Beschreibung des Ist-Zustandes.»

Grosse Mängel

Ihre Kritik richtet sich auf die fehlenden Perspektiven zur Einschulung und auf den mangelnden Willen, mit der Oberstufenreform verbindlich vorwärtszu- machen.

«Der Bericht beschreibt das Heute und nicht mehr. Er enthält keine definitiven Lösungsansätze, schon gar keine Visionen.» Dazu komme, dass seit drei Jahren im Erziehungsdepartement keine gesetzgeberischen Entscheidungen gefällt wurden. Und auch der vorliegende Bericht sei zu wenig verbindlich und eher dazu geneigt, Entscheidungen offenzu- lassen statt anzugehen.

Einschulung ohne Hindernis

Vor allem in zwei konkreten Bereichen hätte die Stadt, und nicht nur sie allein, verbindlichere Hinweise erwartet.

Der eine betrifft die Einschulung. Hier wurde in umfangreichen Schulversuchen das Modell einer Basisstufe evaluiert. Es geht darum, den Weg in die erste Klasse sicherer und einfacher zu gestalten. Die Stadt selber hat in den Versuchsjahren zwar das Basismodell nicht erprobt, das Grundanliegen aber ebenfalls aufgegriffen. Dies mit dem Projekt «Kids» (vom Kindergarten in die Schule). Nach Abschluss und Auswertung der Schulversuche lässt es der regierungsrätliche Bericht nun aber zehn Jahre nach Versuchsbeginn offen, wie die Behörden in den Gemeinden entscheiden. Ob sie sich um eine reibungslose Einschulung bemühen oder nicht.

Ungelöste Oberstufe

So viel Freiwilligkeit ist Barbara Eberhard zu viel. Vor allem auch im andern schulischen Problembereich, dem die Stadt gegenübersteht, der Oberstufe: «Auch bei der Oberstufe überlässt es der Kanton den Gemeinden, wie sie die Oberstufe ausrichten wollen.»

Zwar wird das Modell einer kooperativen Oberstufe vorgestellt und empfohlen. Das Modell besteht darin, dass im gleichen Schulhaus Sekundarschüler und Realschüler unterrichtet werden. Dabei können begabte Realschüler in einzelnen Fächern die Kurse der Sekundarschüler besuchen.

In der Stadt St. Gallen gibt es jedoch nur zwei Oberstufenzentren mit Sekundar- und Realschule unter gleichem Dach. Das Modell einer kooperativen Oberstufe kann die Stadt nur teilweise einführen, ohne dass sich mit der Flade (bisher reine Sekundarschule) etwas bewegt. «Solange aber im Bereich Oberstufe alles freiwillig bleibt, gibt es in den Schulgemeinden, nicht nur in der Stadt, keine neuen Lösungen», sagt Barbara Eberhard. «Ich hätte mir vorgestellt, dass der Kanton klare Ziele vorgibt; erst das gibt den nötigen Druck, die Probleme zu lösen.»

Die Mängelliste könnte fortgesetzt werden. Barbara Eberhard weist auf die weiteren grossen Baustellen hin: die Sonderpädagogik, die Aufsicht und damit auch die Qualität der Schulen.

Auf eigenem Weg

Und das Fazit? «Wir wollen in der Stadt unsern eingeschlagenen Weg weiterverfolgen. Unser Ziel ist es, vermehrt kooperativ über alle Schultypen in <fit im Umgang mit der Vielfalt> zu unterrichten; daraufhin arbeiten unsere Schulen jetzt und in den kommenden Jahren sehr intensiv.»

Barbara Eberhard will der grossen Vision treu bleiben, mit oder ohne Kanton. Mit wäre ihr lieber.