Schützenswert - aber nur bis 1970

ST.GALLEN. Je rund 30 kritische und lobende Stellungnahmen zum überarbeiteten Inventar der schützenswerten Bauten ausserhalb der Altstadt sind bei der Stadt eingegangen. Architekten kritisieren, dass die Liste nur bis 1970 reicht.

René Hornung
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Eines von 526 Gebäuden auf der Liste: Das Haus an der Dianastrasse 5, fertiggestellt im Jahr 1939. (Archivbild: Reto Voneschen)

Eines von 526 Gebäuden auf der Liste: Das Haus an der Dianastrasse 5, fertiggestellt im Jahr 1939. (Archivbild: Reto Voneschen)

Das überarbeitete Inventar der schützenswerten Bauten ausserhalb der Altstadt listet 526 Gebäude auf. Es reicht vom Bauernhaus an der Ahornstrasse bis zum Mehrfamilienhaus an der Zylistrasse. Die Stadt hatte diese Liste öffentlich aufgelegt, die Stellungnahmen sind in den letzten Tagen eingetroffen. «Rund 30 Grundeigentümer möchten, dass ihr Gebäude von der Liste gestrichen wird», weiss Dominik Scheiwiller, zuständiger Jurist in der städtischen Bauverwaltung.

Einige weisen darauf hin, dass nicht mehr viel Originalsubstanz vorhanden sei, andere haben Umbaupläne oder wollen sich grundsätzlich von der Denkmalpflege keine Auflagen machen lassen. Anderseits sind etwa gleich viele positive Reaktionen und Dankesbriefe eingetroffen, dass Gebäude als «schützenswert» eingestuft wurden. In einigen Fällen wurden korrigierende oder ergänzende Informationen eingereicht.

«Auch Quartiere schützen»

Neben individuellen Stellungnahmen sind auch solche von Verbänden eingetroffen: Der Heimatschutz und der Bund Schweizer Architekten (BSA) haben kritisch Stellung genommen. Der Hausverein Schweiz hat sich weitgehend einverstanden erklärt. Der Hauseigentümerverband hat keine generelle Stellungnahme abgegeben, «was nicht heisst, dass wir mit dem Umfang der Liste einverstanden sind», erklärt HEV-Vertreter Karl Güntzel.

Der Heimatschutz will weitere Gebäude schützen, darunter auch Bauernhäuser. Er moniert, dass im Inventar nur Einzelobjekte und nicht Ensembles oder Quartiere aufgeführt sind. Den Schutz von Quartieren und Ensembles vermisst auch der aus St. Gallen stammende Kunst- und Kulturhistoriker Peter Röllin. Ihm fehlen Aussagen zu «den stadträumlichen Zusammenhängen». Generell stellt er fest, dass die 2004 nach dem «Leopard»-Bau entstandene Hoffnung auf mehr Baukultur sich zerschlagen habe. Wie schlecht es um den Schutz von Baudenkmälern stehe, illustriert er am Abbruch des städtischen Filterwerks von Robert Maillart in Goldach.

Wieso nur bis 1970?

Der Bund Schweizer Architekten (BSA) findet es falsch, dass im Inventar nur Gebäude bis 1970 erscheinen. Der BSA-Sprecher, der St. Galler Architekt Andy Senn, erinnert daran, dass man sich 1994 beim Start der Überarbeitung der Liste zum Ziel gesetzt habe, Bauten bis 1972 zu dokumentieren. Nun habe man nach sechs Jahren Arbeit nur eine Liste bis 1970 erstellt. So fehlten Bauten bekannter Architekten wie Ernest Brantschen, Otto Glaus und Heribert Stadlin, Heinrich Graf oder Danzeisen & Voser. «Diese Unvollständigkeit wirft Fragen auf», schreibt der BSA. Senn verweist auf das kürzlich bekannt gewordene Beispiel der Stadtgarage an der Teufener Strasse: Das Gebäude war zunächst als schützenswert aufgeführt, wurde dann gestrichen, weil die Swica hier ihren Regionalsitz baut. Es sei auch «symptomatisch», dass das «Union»-Gebäude, unter dem die Parkgarage Schibenertor gebaut werden soll, in keinem Inventar auftauche.

Kunsthistoriker Roland Wäspe, Direktor des Kunstmuseums, teilt diese Position. Er kritisiert, dass beim Denkmalschutz oft wirtschaftliche Interessen im Vordergrund stünden, ohne dass dies je öffentlich diskutiert würde. Dass beispielsweise Bauten von Danzeisen & Voser - etwa deren Terrassensiedlung in St. Georgen - im Inventar fehlten, sei eine gravierende Lücke.

Starre Zeitgrenze problematisch

Nott Caviezel, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Denkmalpflege (EKD), weist darauf hin, dass eine starre Zeitgrenze für die Inventarisierung stets problematisch sei. Allgemein üblich sei eine zeitliche Distanz von einer Generation - im Durchschnitt 30 Jahre. Der Bund hat im soeben revidierten nationalen Kulturgüter-Inventar die Grenze bei 1980 festgelegt. «Es ist jedoch sinnvoll, allenfalls auf separaten Listen, unbewertet auch qualitätsvolle jüngere Objekte zu führen.» Solche Übersichten seien nützlich, weil bedeutende Bauten aus den Siebzigerjahren heute etwa durch energetische Sanierungen gefährdet sein können. Der Bund hat 2009 zur Problematik «Energie und Baudenkmal» denn auch Empfehlungen herausgegeben. Wenn wie in St. Gallen eine Liste ausgedünnt werden muss, seien dafür nachvollziehbare Kriterien wichtig.

Dialog mit Eigentümern suchen

Wie die Liste nach der Vernehmlassung überarbeitet wird und wann sie der Stadtrat in Kraft setzt, sei noch offen, sagt Dominik Scheiwiller. Vor allem mit jenen Hauseigentümern, die ihre Gebäude von der Liste gestrichen haben wollten, werde man nochmals reden. Falls sie eine rechtlich verbindliche Stellungnahme zur Schutzwürdigkeit ihres Gebäudes verlangen, können sie schon heute eine «Feststellungsverfügung» verlangen. Wird dabei der Schutz von der Behörde festgestellt, kann dagegen rekurriert werden.

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