Schneller, lauter, länger – aber nicht besser

Gibt es zu viele deutsche Professoren an Deutschschweizer Universitäten? Verbauen deutsche Ehrgeizlinge dem Schweizer Nachwuchs den Aufstieg? In dieser emotionalen Debatte bewahren an der Universität St. Gallen Deutsche wie Schweizer einen kühlen Kopf. Aber die HSG verstärkt nun, auch um Ausländer ausserhalb des deutschsprachigen Raums anzuziehen, die Angebote in englischer Sprache.

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Studium an der HSG. Ausländische Studenten bei der Information zum Eintrittstest an der Universität St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Studium an der HSG. Ausländische Studenten bei der Information zum Eintrittstest an der Universität St. Gallen. (Bild: Ralph Ribi)

Als Ulrike Landfester aus Freiburg im Breisgau nach Lehr- und Wanderjahren, die sie zuletzt auf eine Professur in Frankfurt am Main geführt hatten, an der Universität St. Gallen den Lehrstuhl für Deutsche Sprache übernahm, sei sie, wie sie sagt, heimgekehrt. «Hier will ich bleiben», sagt die deutsche Professorin, die für die Ostschweiz heimatliche Gefühle hegt. Angesichts der Diskussion um die Germanisierung von Schweizer Universitäten bekommt nun aber ihre grosse Sympathie für die starke, regionale Verwurzelung der Schweizer – ihre «Bewunderung für den Umstand, dass tiefe regionale Verbundenheit ein fixer Bestandteil ihrer persönlichen Identität ist» – eine ganz besondere Note.

Neue deutsche Welle

«Die Teutonenbombe» oder «Die neue deutsche Welle», titelten kürzlich Zeitungen. Die Schweiz ist für die Deutschen zum liebsten Auswanderungsland geworden. Sie belegen gemäss Bundesamt für Statistik unter den Einwanderern neben Italienern und Portugiesen Platz drei. Aber im Gegensatz zu anderen ausländischen Bevölkerungsgruppen arbeiten sie hier nicht in unqualifizierten, schlechtbezahlten Jobs, sondern als Ärzte, Banker, Manager, Ingenieure. Und als Universitätsprofessoren. In St. Gallen sind ein Drittel der Professoren Deutsche, von den 83 Professorenstellen sind 27 mit Deutschen besetzt. Sie bilden die grösste Gruppe ausländischer Professoren.

Eine markante Zunahme von Berufungen deutscher Professoren sei nicht auszumachen, erklärt HSG-Rektor Ernst Mohr. Der international gute Ruf erlaubt der St. Galler Hochschule schon lange, auch unter den zahlreichen Bewerbungen aus dem Ausland professorale Kompetenz auszuwählen. «Der Schweizer Stellenmarkt wird in Deutschland traditionell aufmerksam beobachtet», erklärt der Rektor, der seinen Landsleuten hier neben guten Arbeitsbedingungen auch ein Salär bieten kann, von dem sie sich gerne anlocken lassen.

Die Debatte um «das richtige Mass deutscher Professoren» brachten Studenten der Universität Zürich ins Rollen. Sie werfen deutschen Professoren Bevorzugung der eigenen Landsleute, Arroganz und eine «Diktatur des Hochdeutschen» vor. Die Zürcher Studenten fühlen sich unverstanden und schlecht gefördert. «Ich kann keine systematische Schlechterstellung der Schweizer Studenten sehen», sagt Heinz Hauser, Schweizer unter den St. Galler Professoren. «Es gibt auch nicht zu viele Deutsche hier, höchstens zu wenig nichtdeutsche Ausländer an den Schweizer Universitäten.»

Unterschiedliche Startchancen

Die Internationalisierung in der Wirtschaft führt nicht nur in Schweizer Unternehmen, sondern auch an Universitäten zu einem internationaleren Personal. Zudem ist ein Nachwuchsakademiker in Europa, der etwas aus sich machen will, einem hohen (Mobilitäts-)Druck ausgesetzt. «Die müssen sich die Beine ausreissen», sagt Ulrike Landfester. In Deutschland strömen gut 40 Prozent der jungen Leute an die Universitäten, in Frankreich liegt die Maturandenquote bei über 65 Prozent (im Kanton St. Gallen bei etwa 17 Prozent). Aber auch für Schweizer gibt es keine Garantie auf «Kindheit in Zürich, Studium in Zürich und Lehrstuhl in Zürich».

Franz Schultheis, Ordinarius für Soziologie an der Universität St. Gallen, will auch den Vorwurf der schlechten Nachwuchsförderung nicht gelten lassen. Der Professor aus dem Rheinland, der zu Beginn seiner wissenschaftlichen Karriere bei einem Schweizer Professor in Deutschland Assistent war, arbeitet seit acht Jahren beim Schweizerischen Nationalfonds zur Förderung wissenschaftlichen Forschens (SNF). «Verglichen mit Deutschland oder Frankreich wird hier der Nachwuchs sehr gut unterstützt», sagt er. Allerdings sind die Bemühungen des SNF erst in den letzten Jahren unter dem Druck der Internationalisierung der Hochschulbildung deutlich vorangetrieben worden.

Die Universität St. Gallen macht Gebrauch von den Angeboten des Nationalfonds und bietet (etwa im Gegensatz zur Universität Zürich) das sogenannte «Tenure Track» an, das Nachwuchsleuten eine klar definierte Perspektive auf eine Professur eröffnet. Das Bild des Assistenten, der anstatt zu publizieren unter einem Berg von Verwaltungsarbeiten für seinen Professor erstickt, sei deshalb nicht (mehr) richtig.

Das Niveau erhöht

In St. Gallen sind von Studenten keine Klagen zu hören. Im Gegenteil. Der St. Galler Vincenz Rentsch erklärt, dass er von ausländischen Studenten profitiere. «Da sie durch die Vorselektion müssen, heben sie das Niveau der HSG, sie sind fachlich oft besser und haben häufig ehrgeizigere Ziele als Schweizer.» Rentsch verheimlicht nicht, dass er sich an den Tonfall der deutschen Studenten und an ihre direkte, forschere Art habe gewöhnen müssen, nun aber sogar einen höheren Ausländeranteil begrüssen würde. «Sie sehen die Dinge von einem anderen Standpunkt aus, das tut gut.»

Auch bei der Studentenschaft versteht man die Aufregung nicht. «Dass sich ausländische Studierende und Dozierende von Schweizer Universitäten angezogen fühlen, ist für mich Ausdruck der hohen Qualität und der guten Reputation des Bildungsplatzes Schweiz», sagt Alexander Burtscher, Präsident der Studentenschaft Universität St. Gallen. «Das sollte die Schweizer stolz machen.» Dass die hohe Qualität in ihrem kleinen Land die Schweizer mit Stolz erfüllt, ist kein Geheimnis. Es ist eine Qualität, die sich die Schweiz auch in früheren Jahren immer wieder durch den Zuzug von Ausländern sicherte. Auch im Hochschulbereich. In den Anfangsjahren wurde beispielsweise die ETH Zürich von Deutschen geprägt. Und einige der 21 Nobelpreisträger, mit denen sich die ETH heute schmücken kann, haben ihre Wurzeln in Deutschland. Internationalität ist ein Qualitätsmerkmal einer Universität, Beweglichkeit in jeder Hinsicht gerade für Spitzenakademiker Voraussetzung.

Keine Qualitätsunterschiede

Qualität an der HSG erbringen aber nicht nur die zielstrebigen und ehrgeizigen ausländischen Studenten. «Wenn ich Arbeiten korrigiere, kann ich zwischen Schweizern und Deutschen keinen Unterschied ausmachen», sagt Germanistin Landfester. Nur im mündlichen Auftritt zeigten sich Deutsche selbstbewusster. Sie sprächen schneller, lauter und länger. «Qualitativ aber nicht unbedingt besser», betont Landfester. Auch wenn die grössere rhetorische Geschicklichkeit nichts über die inhaltliche Qualität ihrer Rede aussagt, lassen sich Schweizer vielleicht doch von ihren deutschen Kommilitonen einschüchtern. Verbunkern sich Schweizer dann noch in ihrer Mundart-Trutzburg, kann der länderübergreifende Austausch schon mal unter Funkstörungen leiden.

In Konkurrenz zur Wirtschaft

Dem Schweizer HSG-Studenten Manuel Angehrn hat es die Sprache nicht verschlagen. «Da wir im deutschen Sprachraum sind, ist es nur normal, dass auch viele Deutsche in der Schweiz studieren.» Ihn interessiert an der ganzen Diskussion etwas ganz anderes. Viele Schweizer HSG-Absolventen werden nach dem Studium lieber in der Privatwirtschaft als im Hochschulwesen tätig. Der Grund ist einfach: Gerade bei konjunkturellen Schönwetterlagen wird in der Privatwirtschaft den HSG-Absolventen der rote Teppich ausgerollt – auch finanziell. «Der Schweizer Arbeitsmarkt bietet für unsere Absolventen so hervorragende Bedingungen, dass wir kaum mithalten können», sagt Rektor Mohr. «Unter den Spitzenstudenten finden wir wieder sehr viele Schweizer, aber die gehen nach dem Studium lieber nach Zürich zu einer Bank.»

Ulrike Landfester hat im Verlauf der Debatte von Kollegen aus Deutschland erstaunte Anrufe erhalten, die kaum glauben konnten, dass die Professoren hier einem Nationalitäten-Check unterzogen werden. Aus ihrer Sicht gilt das kleine Land unten im Süden als «glückliche Insel». Es sei eine Errungenschaft, beste Leute aus der ganzen Welt anziehen zu können, ein Zeichen der hervorragenden Verfassung dieses Landes.

Die HSG setzt weiterhin auf Offenheit. Bei ausländischen Studenten wird nun aber gezielter auf Diversität geachtet, auf eine gute Durchmischung von Menschen unterschiedlichster Herkunft. An der Universität St. Gallen werden gerade die Angebote in englischer Sprache ausgebaut, so dass nicht nur Ausländer aus dem deutschsprachigen Raum an die HSG kommen. Interessierte Studenten können dann die Aufnahmeprüfung in englischer Sprache auf der ganzen Welt ablegen. Karin Fagetti

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