Schlottern auf der Fernwärme-Insel

Solarwärme wird häufig vergessen Ausgabe vom 30. Oktober 2014

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Bereits zweimal wurde die Gallusstadt mit dem ehrenvollen Titel «Energiestadt St. Gallen» ausgezeichnet und mit Gold behängt. Zugegeben, das zwanzigseitige Energiekonzept macht gehörig Eindruck. Leider klafft zwischen Papier und Wirklichkeit ein Graben, wie Beispiele aus dem Zil-Quartier zeigen.

Beim Neubau des Kindergartens Oberzil wurde auf Sonnenkollektoren verzichtet. Bei der Sanierung der Gebäude der Primarschule Oberzil ist offenbar nicht einmal geprüft worden, ob der Einbau einer thermischen Solaranlage Sinn machen würde. Zwar ging es GLP-Stadtparlamentarier Thomas Brunner bei seiner Kritik nicht um den konkreten Einzelfall. Doch genau um diesen geht es den Bewohnern derjenigen Mehrfamilienhäuser im Oberzil, die als erste an die «Fernwärme-Insel Zil» angeschlossen wurden. Sie sind es nämlich, die in den vergangenen Wochen häufiger ohne Warmwasser auskommen mussten, als in den dreissig Jahren davor. Allein über das letzte Wochenende war ihre Warmwasserquelle während mehr als 40 Stunden versiegt. Die Bewohner wurden quasi zu schlotternden Fernwärme-Insulanern.

Auf meine Reklamation erhielt ich die überraschende Antwort: Die Heizungsfirma und die Stadtwerke schieben sich den schwarzen Peter gegenseitig zu. Dumm nur, dass bei diesem Spiel die Verlierer zum Voraus feststehen. Es sind die Bewohner der Mehrfamilienhäuser, die bereits mit Fernwärme versorgt werden – «primär von der Holzheizung im Schulhaus Oberzil», wie das Tagblatt am 14. Juni schrieb. Die von mir in einem Leserbrief im Mai geäusserten Bedenken, dass die Heizungsanlage im Schulhaus Oberzil wohl nicht für die Versorgung eines ganzen Quartiers ausgelegt sein dürfte, scheinen sich schneller zu bestätigen, als befürchtet. Wenn die Fernwärmeversorgung schon an milden Herbsttagen an ihre Grenzen stösst, wie sieht die Versorgungssicherheit im Winter aus? Müssen sich unsere Nachbarn und wir damit anfreunden, dass wir in Zukunft häufiger schlottern, obwohl der Begriff «Fernwärme-Insel» doch etwas ganz anderes verheisst: Ferne, Wärme, Insel – fast wie im Ferienprospekt.

René Köhl-Wapp

Zilweg 9, 9016 St. Gallen

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