Schlegels «unfassbare» Geschäfte

GRABS. Nach dem politischen Rücktritt von Paul Schlegel ist auch seine Firmengruppe ins Trudeln geraten. Derweil treten weitere Geschädigte an die Öffentlichkeit. Doch im Werdenberg will sich kaum jemand zum Fall äussern.

Marcel Elsener
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Zwischen Ausverkauf und Regen: Die Nationalratswahlplakate für Paul Schlegel – hier bei der Fachhochschule St. Gallen – wurden am Montag überklebt. (Bild: Paul Scheibling/Leser)

Zwischen Ausverkauf und Regen: Die Nationalratswahlplakate für Paul Schlegel – hier bei der Fachhochschule St. Gallen – wurden am Montag überklebt. (Bild: Paul Scheibling/Leser)

Paul Schlegel ist abgetaucht – verständlich. Der Fall des vor zehn Tagen gestürzten Werdenberger Politikers und Unternehmers bleibt vieldiskutiertes Thema, doch die regionale Öffentlichkeit scheint genug gehört zu haben. «Es reicht, man muss nicht noch nachtreten», lautet der Tenor. Die meisten Leserbriefe in der Lokalzeitung beziehen – teilweise rührend – Stellung für einen «tatkräftigen» Politiker, dem seine Fehler zu verzeihen seien: «Wo gehobelt wird, fallen auch Späne.» Es werden Informanten angezweifelt und die Medien für eine «Hetzkampagne» gerügt: «Hunderte von Menschen haben finanzielle Probleme im gleich kleinen Rahmen wie Paul Schlegel…»

«Liaisons noch intakt»

In eine ähnliche Kerbe schlägt der Werdenberger alt Kantonsrat Josef Dudli (CVP), der die «Fehlleistungen» Schlegels als «sehr unschön, aber nicht strafbar» bezeichnet. Dudli zeigt sich «erschüttert» von der Reaktion der FDP («innert Stunden fallengelassen») und erinnert an Fälle, die länger dauerten oder «keine Konsequenzen hatten» – etwa an jene der SVP-Nationalräte Roland Rino Büchel (Betreibungen) und Elmar Bigger (Milchverwerter-Konkurs; Bigger wurde dann allerdings vom Volk abgewählt).

Allein ein Grabser Ofenbauer legt den Finger auf die «weniger guten Seiten» Schlegels, die er vor 20 Jahren kennengelernt habe. Schlegel sei «nicht Schlegel ohne seine Liaisons», und die seien «doch sicher noch intakt», heisst es im Leserbrief, mit kritischem Blick auf die «lukrativen Aussichten» auf Mandate, die der Verein Expo 2027 eröffne.

Im Werdenberg wundert man sich weniger über die geplatzte Karriere als vielmehr über die Dauer der Vertuschung. Dass die wackligen Geschäfte des «Hansdampfs in allen Gassen» so lange unter dem Deckel gehalten wurden, können sich Beobachter nur mit der «jovialen, unglaublich kumpelhaften Art» Schlegels erklären – und mit seinem politischen Gewicht und Netzwerk als langjähriger Kantonsrat.

Das Darlehen des Angestellten

Bei allem Verständnis für den ambitioniert aufgestiegenen Arbeitersohn und viel Mitgefühl für seine Familie überwiegt bei manchen die Empörung – aufgrund persönlich erlebter Enttäuschungen. Und weil es eben nicht nur um finanzielles «Löcherstopfen» ging. Vielmehr habe Schlegel mehrfach Angestellte dermassen «unkorrekt behandelt», dass man jetzt nicht schweigen könne, sagt ein Rechtsanwalt. In seinem Fall – der Jurist will betont sachlich bleiben – ging es um einen erfahrenen Gastronomen, den Schlegel als Küchenchef und Geschäftsführer für das Grabser Restaurant Schäfli einstellte. Im Gasthof, wo die regionale (FDP-)«Prominenz» verkehrt, hatte der Unternehmer als Miteigentümer und Verwaltungsratspräsident das Sagen. Bereits bei der Anstellung 2009 bat Schlegel seinen neuen Angestellten um ein Darlehen von insgesamt 40 000 Franken. Zur Rückzahlung dieses Betrags erklärte er sich aber erst unter dem Druck einer gerichtlichen Klage vergleichsweise bereit. Diese Abmachungen hielt Schlegel erneut nicht ein; er zahlte schliesslich erst kürzlich unter dem Druck eines erneuten Vollstreckungsverfahrens.

Unwahrheiten, Diffamierungen

Moralisch schlimmer noch erscheint die nicht gewährte Auszahlung von umfangreichen Überstunden und Ferienguthaben – dies nachdem er den Küchenchef nahezu zwei Jahre lang täglich bis zu 16 Stunden und fast ohne Ruhe- und Feiertage arbeiten liess. Wegen der hohen Arbeitsbelastung erlitt der Angestellte schliesslich ein Burn-out. Als Abschiedsgeschenk gab Schlegel dem erschöpften Mann einen nicht bezahlten Hotelgutschein.

Alle Verfahren seien letztlich zugunsten seines Klienten ausgegangen, sagt der Anwalt. Und deutet an, dass auch andere Angestellte von Schlegel nur mit Klagen zu ihrem Recht kamen. Erstaunlich sei auch, wie Schlegel «in diversen Verfahren oft mit groben Unwahrheiten und Diffamierungen operiert» habe. «Zuletzt behauptete er Ende April vor Kreisgericht wider besseres Wissen, sein Rechtsgegner habe die ihm zugestellten Schreiben bei der Post nicht abgeholt. Damit versuchte er seinen früheren Angestellten in ein schlechtes Licht zu rücken.»

Der Fall zeigt exemplarisch, was andere Fälle bestätigen: Wer sich nicht mit einem Rechtsvertreter wehrte, hatte einen schweren Stand. Dass längst nicht alle auf ihr Recht pochten, hatte einen guten Grund: Kantonsrat Schlegel galt als einflussreicher und gut vernetzter Mann.

Unbewohnbare Mietwohnung

Nach eigenen Worten «eine unfassbare Geschichte» mit Schlegel erlebte auch ein zugezogener Gewerbetreibender. Diese trug sich vor einigen Jahren zu, doch sei ihm «jetzt alles wieder hochgekommen, was mich damals lange plagte». Schlegel habe ihm in Grabs in einer Notsituation eiligst ein altes Haus zur Miete angedreht, das sich bereits nach wenigen Tagen als unbewohnbar herausstellte. So funktionierten die sanitären Anlagen nur zum Teil, drohten Gipsdecken einzustürzen und hingen Stromkabel gefährlich lose aus dem Gemäuer. Als der Mieter die sofortige Annullation des Mietvertrags verlangte, machte ihn Schlegel auf den ungefragt für zwei Jahre abgeschlossenen Mietvertrag aufmerksam und verlangte 20 000 Franken Mietzinsen. Zusätzlich zur Kaution von 4500 Franken, die der Zuzüger für drei Monatszinsen geleistet hatte.

Auch dieser Fall endete vor der Schlichtungsstelle, wobei die Anwesenden «auf Seiten Schlegels» waren, wie sich der Mieter erinnert: «Obwohl ich diese beschriebenen Mängel mit Fotos dokumentieren konnte.» Schlegel habe auf diese Weise eine «Schuldanerkennung» von 10 000 Franken erzwungen und in der Folge eine Betreibung eingeleitet. «Ich konnte seinen Kopf nicht mehr sehen, dabei war er ständig in der Zeitung», sagt der Mann und lacht fassungslos.

Schlegels Wirken – vom Golfplatz bis zum Behindertenheim – mag der Region manchen Segen gebracht haben. Wohl ein Grund, warum die meisten Machtträger seinen Fall nur hinter vorgehaltener Hand kommentieren. Dass er Teil eines «geradezu mafiosen Systems» sei, wie manche argwöhnen, wird von Insidern aber verneint.

Einzelfall oder typisch FDP?

Hingegen müsse von einem fragwürdigen Klientelismus gesprochen werden, genährt von gegenseitigen Begünstigungen. Wer da, etwa bei der Werdenberger Industrie- und Gewerbeausstellung (Wiga) in Buchs, nicht mitmachte, wurde in der Folge geschnitten.

Den «freisinnigen Filz» will offiziell niemand benennen. Der Grabser Pferdehalter Christian Bicker, früherer SVP-Kantonsratskollege Schlegels, sagt zum Fall «lieber nichts». Und fügt knapp an, dass Schlegel «selber wissen musste, was er machte, und das auch selber ausfressen muss». Die Grabser SP-Präsidentin Hildegard Fässler kennt die Hintergründe «zu wenig», wie sie sagt. Jedoch sei Schlegel über Parteigrenzen hinweg «einfach überall dabei» gewesen. Die ehemalige Nationalrätin erinnert mit Blick auf enge Machtzirkel im Werdenberg an die Misswirtschaft bei der Kreditanstalt Grabs: «Das war typisch FDP.» Die über 100jährige Dorfbank war nach einer Intervention der Bankenkommission 1996 von der Raiffeisenbank übernommen und knapp vor dem Konkurs bewahrt worden. Dadurch konnten zwar die Spargelder, nicht aber die Einlagen von über 1000 Kleinaktionären gerettet werden.

Offene Fragen

Zum Fall Schlegel bleiben derzeit Fragen offen. Beispielsweise, wie und mit welchen Mitarbeitern seine mehr oder weniger erfolglosen Firmen wie die Versicherungsmakler-Vereinigung ABA Brokers oder Swiss Immo Pool künftig arbeiten.

Auch stellt sich die Frage, ob Schlegel Messeleiter und Vizepräsident der von ihm mitgeprägten Wiga bleibt. Sein Buchser Parteikollege Urs Lufi antwortet als Verwaltungsratspräsident der Wigab AG, es gebe keinen Grund für einen Rücktritt. Schlegel habe als Messeleiter stets «tadellose Arbeit» geleistet. Und die Wigab sei als eigenständige Gesellschaft mit Schlegels Unternehmen in keiner Weise verflochten und habe ihre finanziellen Verpflichtungen immer vollumfänglich erfüllt, betont der frühere Bankkadermann.

Schliesslich kann man sich fragen, ob der Kanton St. Gallen die exorbitante Spesenrechnung des Kantonsratspräsidenten 2014/15 unter die Lupe nimmt. Schlegel habe zwar überbordet, aber nicht gegen das Reglement verstossen, sagt Staatssekretär Canisius Braun dazu; es gehe im Herbst darum, die Grundlagen zu ändern. Er könne sich nicht vorstellen, dass der Kantonsrat eine Prüfung von Schlegels Abrechnung einfordere, so Braun. «Es wäre unverhältnismässig.»

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