Schlafquartier statt neues Dorf

Im Bachwiesquartier wird die letzte freie Fläche mit Mehrfamilienhäusern überbaut und der einzige Gewerbebau zu Wohnraum. Was wie ein Dorf samt Kirche oder Gemeindezentrum gedacht war, wird nun eine reine Wohnsiedlung.

Fritz Bichsel
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RORSCHACHERBERG. In diese Richtung entwickelten sich viele Quartiere. Sogar auch städtische wie angrenzend an die Bachwies Rorschach Ost, wo die meisten Geschäfte und die Post verschwunden sind. Im Bachwiesquartier ist die Entwicklung zu reinem Wohngebiet speziell, weil hier ganz anderes geplant war.

Mehr Leute, weniger Geschäfte

Das Quartier oberhalb des Hauptbahnhofs, an der Grenze zu Rorschach, ist begrenzt durch Durchgangsstrassen und Bachtobel (jenes des Burgbachs teilweise aufgeschüttet mit Kehricht). An den Strassen in der Umgebung stehen seit langer Zeit Häuser und gab es ein breites Angebot für den täglichen Bedarf: Bäckerei, Lebensmittel, Metzgerei, eine ganze Reihe Restaurants. Auf der grossen Fläche dazwischen wirkten bis vor gut fünfzig Jahren Landwirte. Dann entstanden an der neuen Bachwiesstrasse Mehrfamilienhäuser und eines der ersten Hochhäuser in der Region.

Obwohl Hunderte neue Bewohner kamen und noch Hunderte folgten – auch in ein zweites Hochhaus –, verschwanden die Geschäfte in der Umgebung, ausgenommen wenige Restaurants. Im Quartier gab es ein neues Lebensmittelgeschäft, das jetzt ebenfalls weg ist. Nebst Wohnhäusern entstand ein einziger Produktionsbau. Diesen nutzte die Jawetex und bis 2013 die Computechnic, die dann in Goldach neu baute. Nun wird das Gebäude zum Wohnen umgenutzt und zu einem Mehrfamilienhaus aufgestockt.

Keine Durchgangsstrasse

Warum kam ein einziger Fabrikbau in dieses Wohngebiet? Auslöser war der Plan der Gemeinde Rorschacherberg, eine neue Ost-West-Verbindungsstrasse zu bauen: von der Seeburg durch das Bachwiesquartier zur Langmoosstrasse in Rorschach. Umdenken bei Durchgangsverkehr in Wohngebieten bewirkte aber, dass dieses Projekt nie verwirklicht wurde. Deshalb kamen auch keine weiteren Betriebe auf die Bachwies.

Kein kirchliches Zentrum

Mit Wohnhäusern hier begann jedoch die massive Siedlungsentwicklung in der Mitte und im Osten der Gemeinde. Darauf reagierten auch die Kirchgemeinden Rorschach-Rorschacherberg. Beide kauften von Gottlieb Kündig Boden in der Bachwies. Der Rat der Katholischen Kirchgemeinde sah hier Bedarf für eine Kirche oder ein Pfarreizentrum. Später folgten Ideen für ein ökumenisches Zentrum. Doch auch das kirchliche Leben entwickelte sich anders als erwartet. Heute benötigt die Pfarrei sogar von ihren beiden bestehenden Kirchen nur noch eine. Das 1963 erworbene Bauland in der Bachwies verkaufte die Kirchgemeinde 2008 wieder. Dort entstanden Eigentumswohnungen. Die Evangelische Kirchgemeinde baute in diesem Gebiet nur ein Pfarrhaus. Eine ökumenische Begegnungsstätte entstand später weiter im Osten – klein in der bereits bestehenden Kaplanei Wilen-Wartegg.

Häuser auf der letzten Freifläche

Gottlieb Kündig hatte bei seinem Landhaus am Langmoosweg 11 000 Quadratmeter Bauland behalten. Seine Erben verkauften diese an Investoren, die nun weitere Mehrfamilienhäuser bauen. Der Aushub ist im Gang, in zwei Jahren sollen die 56 Wohnungen fertig sein. Dann wird die Bachwies voll belegt sein, durchwegs mit Wohnbauten. Auch zu den neuesten Häusern kann man nur von Norden fahren – über die Bachwiesstrasse, die eine Sackgasse bleibt.

Das Bachwiesquartier, wo nun die letzte freie Fläche überbaut wird, wurde entgegen der ursprünglichen Pläne eine reine Wohnsiedlung. (Bilder: Fritz Bichsel)

Das Bachwiesquartier, wo nun die letzte freie Fläche überbaut wird, wurde entgegen der ursprünglichen Pläne eine reine Wohnsiedlung. (Bilder: Fritz Bichsel)