Schelb und die Gretchenfrage

Am überparteilichen Podium zur Abstimmung über das Glasfasernetz waren sich alle einig: Der Glasfaser gehört die Zukunft. Umstritten ist die Frage, wer das Netz bauen soll. Einzig die SVP ist der Meinung, auf keinen Fall der Staat.

Rafael Rohner
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Am Podium: Der St. Galler Stadtrat Fredy Brunner, Stadträtin Gaby Krapf, Moderator Stefan Harder, Leiter Stadtwerke Beat Lehmann und SVP-Parlamentarier Remo Schelb (von links). (Bild: Hanspeter Schiess)

Am Podium: Der St. Galler Stadtrat Fredy Brunner, Stadträtin Gaby Krapf, Moderator Stefan Harder, Leiter Stadtwerke Beat Lehmann und SVP-Parlamentarier Remo Schelb (von links). (Bild: Hanspeter Schiess)

Einer gegen alle. Diese Ausgangslage behagt der Gossauer SVP offensichtlich. Auch das neuste Fraktionsmitglied, Remo Schelb, findet sich in der Rolle des Aussenseiters gut zurecht. Am Dienstag an der von der FDP organisierten Podiumsdiskussion im OZ Buechenwald liess er sich jedenfalls keineswegs davon beeindrucken, dass er bei vier Teilnehmern als einziger gegen den Bau eines flächendeckenden Glasfasernetzes argumentieren sollte.

Als ihm Moderator Stefan Harder (Flig) zu Beginn die Frage stellte, ob er grundsätzlich gegen Glasfasernetze sei, fragte Schelb zurück, ob er zunächst eine Rede halten dürfe. Harder lehnte dies ab und stellte Schelb nochmals dieselbe Frage. Glasfasernetze seien die Zukunft, antwortete Schelb – und konnte seine Argumente wenig später dann doch vortragen. Er sei nicht grundsätzlich gegen Glasfasernetze, sagte der SVP-Parlamentarier. Es sei aber keine Staatsaufgabe, diese zu finanzieren. Die knapp 16 Millionen Franken würde die Stadt besser andernorts investieren. «Beispielsweise in Sportstätten.»

Zukünftiger Gewinn

Dass in einigen Jahren kein Weg mehr an Glasfasernetzen vorbeiführen wird, daran zweifelte an der Podiumsdiskussion niemand. Die Gretchenfrage aber war, wer die Infrastruktur bezahlen und betreiben soll: die öffentliche Hand oder ein privater Anbieter wie etwa die Swisscom.

Für den Bau eines städtischen Glasfasernetzes argumentierten Stadträtin Gaby Krapf (FDP) und der Leiter der Stadtwerke Beat Lehmann. Zudem hatte die FDP den St. Galler Stadtrat Fredy Brunner (FDP) eingeladen. Brunner, der wenige Stunden zuvor noch den Entscheid zur Weiterführung des Geothermieprojekts bekanntgegeben hatte, stellte gleich zu Beginn klar: Er sei nicht hier, um Werbung für das Gossauer Glasfaserprojekt zu machen. Indirekt tat er dies dann aber trotzdem. Als Liberaler sei er der Ansicht, wichtige Infrastrukturen müsse die öffentliche Hand bereitstellen, sagte Brunner. Er staune zudem über die Argumentation der Gegner, der Bau eines Glasfasernetzes belaste die Stadtkasse langfristig. «Das sticht mir als Unternehmer ins Herz.» Brunner ist überzeugt: Die Investition ist ein zukünftiger Gewinn. Jetzt applaudieren die knapp 100 Interessierten im OZ Buechenwald erstmals.

Im Vorfeld der Podiumsdiskussion hatte die SVP den Verdacht geäussert, Fredy Brunner wolle sich in den Gossauer Abstimmungskampf einmischen, weil er so der Stadt St. Gallen einen Auftrag als Lieferant eines Layers 2 verschaffen wolle. Darauf angesprochen, sagte Brunner, St. Gallen habe tatsächlich offeriert. Es sei sinnvoll, den Wirtschaftsraum St. Gallen-Gossau besser miteinander zu vernetzen. St. Gallen sei jedoch nicht auf den Auftrag aus Gossau angewiesen. «Das kann auch jemand anders machen.»

Mit deutlichen Worten reagierte der Leiter der Gossauer Stadtwerke auf Schelbs Vorwurf, die SAK würde das Netz «zu einem Bruchteil» des Preises bauen. Bei der SAK sei nie eine offizielle Anfrage der SVP eingegangen, sagte Lehmann. Die SAK nenne in solchen Fällen ohnehin keine Zahlen. Zudem habe sie in Gossau gar keine Netze und müsste – erhielte sie den Auftrag – ganze Strassen aufreissen.

Abhängigkeit vermeiden

Stadträtin Gaby Krapf betonte während der Diskussion mehrfach, wie wichtig ein flächendeckendes Glasfasernetz für die Stadt Gossau sei. Sollte ein privater Anbieter das Netz bauen, könnte dieser später die Preise diktieren und bestimmen, wer einen Anschluss erhalte und wer nicht. «Ich will diese Abhängigkeit nicht.»

In der offenen Fragerunde im Anschluss meldete sich Franz Würth zu Wort. Nicht mit einer Frage, sondern mit einem Plädoyer für ein flächendeckendes Glasfasernetz. Wenn Gossau nur noch spare, sagte er, dann müsse die Stadt wohl dereinst mit dem letzten weissen Blatt, das noch übrig bleibe, die Stadt St. Gallen um eine Fusion bitten.

Bild: RAFAEL ROHNER

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