Schatzsucherin

Vom Klang- zum Sätzeschmied Konzentrierte Stille schleicht durch die Wohnung.

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Gestaltete Sätze mit der Klarheit von Oktaven; Franz Jacobi. (Bild: Barbara Camenzind)

Gestaltete Sätze mit der Klarheit von Oktaven; Franz Jacobi. (Bild: Barbara Camenzind)

Vom Klang- zum Sätzeschmied

Konzentrierte Stille schleicht durch die Wohnung. Oktaven werden angeschlagen, nachgehört, das Klavier zeigt seine Eingeweide, dort, wo ich jeweils neben den Pedalen kauere, den Kopf fest an das Holz gepresst und lausche, wie mein Vater mit Bachs Präludien in seine liebste Welt verschwindet und mich mitnimmt, das kleine Mädchen. Das Klavier wird gestimmt, wohltemperiert.

Ein Leben voller Tasten

Noch die Erinnerungen aus dem Kopf wischend, stehe ich vor Franz Jacobi, 93, ehemaliger Geschäftsführer der Klavierbaufirma Sabel und Schreibender. Er ist etwas verwundert, dass ich mich durch einen Schatzfährtenmelder für seine Texte interessiere. Der schlanke Mann mit den klaren Augen bittet mich herein. Schon während des Kriegs ist er von Biel zur Klavierbaufirma Sabel gekommen, die etwas später dann von seinem Vater und dessen Brüder übernommen wurde. Ein Berufsleben lang hat er sich der Musik gewidmet, Klaviere verkauft, gestimmt, selber auch etwas Cello gespielt. Dann, nach dem Tod seiner Frau, begann er zu schreiben, angeregt durch Kurse, die er bei Richard Reich im Kulturhotel Laudinella im Engadin besuchte.

Klarheit der Oktave

Jacobi schreibt Aufsätze, Betrachtungen, stimmt Sätze konzentriert und knapp, wechselt schnell eine Tonart. Nichts ist zu viel an den Worten, oft kommen sie daher mit der Klarheit der Oktave: «Lärmende Vögel haben mich geweckt, Raben, Elstern, die sich stritten. Lieber lasse ich mich von Singvögeln wecken, wo diese wohl ihre Melodien herhaben. Die Konstruktion unserer Ehebetten lässt es nicht zu, einzeln verwertet zu werden, somit stehen sie seit Mariens Tod ineinandergefügt, wie eh und je.»

Oder eine leise, heitere Fragestellung in «Des Nachbarn Federvieh»: «Kann man mit Hühnern reden? Ich weiss es nicht, aber es gibt Leute, die es behaupten. So weit so gut. …Der Hahn hat so eine Eigenart: Er hängt seinem Gekrähe so etwas wie ein Echo an.»

Hommage an Kassiererinnen

Der 93-Jährige lebt allein in seinem Haus, organisiert sich selber. Seine Tochter unterstützt ihn zuweilen. Aber wichtig sind ihm seine Gänge hinunter in die Stadt, die Einkäufe beim Coop, der Arztbesuch. Er schreibt: «Alles nette Leute: Ich gehe zwei bis drei Mal in der Woche in den Coop; in meiner Einsamkeit muss ich unter die Leute, wenn sie schon nicht zu mir kommen. Beim Betreten des Ladens schweift mein Blick in Richtung Kasse, und ich freue mich!» Eine Hommage an die freundlichen Kassierinnen, das kurze Gespräch mit ihnen tut ihm gut. Dann setzt er sich auf eine Bank und schaut, macht daheim das Sehen zum Schreiben. So entstand auch eine Wertschätzung in seinem Aufsatz Mode heute: «Bei alledem bleibt mir eine ältere Dame in Erinnerung, die, wie man früher sagte, ein Jackett-Kleid in kupfer-farbigem Ton trug. Sehr elegant.»

Franz Jacobi hat mit seinen Klavieren nicht nur für schöne Klänge in der Hafenstadt gesorgt, jetzt, im Alter, beschenkt er Rorschach mit seinen Beobachtungen und geschriebenen Wertschätzungen. Das ist ein wunderbares Geschenk. Auf mein Kompliment, dass er in seinem hohen Alter wirklich noch sehr gut beieinander sei, lachen seine klaren Augen, und er schweigt. Mein Blick fällt auf eine seiner Schreibmaschinen-Seiten: Da steht: «Altersbedingte Unrast: Ich halte es mit der Musse und bin zufrieden dabei. Das Rezept: Man hat mich schon als Glückspilz bezeichnet.»

In der Tat. Danke, Herr Glückspilz!

Die aktuelle Rorschacher Schatzsuche ist auch online zu finden. Zum Blog: schatzsucher.rorschach.ch oder auch auf Facebook: «Schatzsucherin Rorschach»

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