Sammeln hilft, die Welt zu ordnen

In einer Serie haben wir Menschen mit Sammelleidenschaften porträtiert. Eine, die sich von Berufes wegen mit Sammeln beschäftigt, ist Museumsdirektorin Michaela Reichel. Ein Gespräch über Skurriles, Zufälle und Geschlechterunterschiede.

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Unterwegs mit der Cola-Harley: Sammlung Bruno Schmid, Abtwil. (Bild: Ralph Ribi)

Unterwegs mit der Cola-Harley: Sammlung Bruno Schmid, Abtwil. (Bild: Ralph Ribi)

Frau Reichel, Sie haben die Porträtserie zum Sammeln im Tagblatt verfolgt. Was ist Ihnen beim Lesen durch den Kopf gegangen?

Michaela Reichel: Ich habe gedacht, das ist typisch. Die Welt des Sammelns ist gross. Menschen können Dinge sammeln, die man nie vermuten würde.

Welche der Sammlungen hat Sie persönlich am meisten fasziniert?

Reichel: Die Eiersammlung von Béatrice Schläpfer aus Engelburg. Ich habe noch nie gehört, dass jemand Eier sammelt und ich finde das Thema lustig. Für mich hat Sammeln ganz viel mit Freude zu tun, es muss Spass machen.

Die meisten Männer betonen ja gerne, ihre Frau habe eine Schuh- oder Handtaschensammlung.

Reichel: Den Männern müsste man sagen, das ist keine Sammlung, sondern eine Ansammlung.

Was ist denn der Unterschied?

Reichel: In einer Sammlung gibt es einen klaren Rahmen, was jemand sammelt. Bei einer Ansammlung fehlt die Systematik. Es kauft niemand eine rote Krawatte, wenn nicht der Gedanke dahinter steht, sie zu tragen. Und jemand kann noch so gerne Schuhe haben, wenn sie kaputt sind, wirft er sie weg, weil sie den Zweck nicht mehr erfüllen.

Ihre Ausstellung im Textilmuseum «Die Welt in Schachteln» beleuchtet auch das Wesen des Sammelns. Warum sammeln Menschen?

Reichel: Es gibt nicht den Grund, sondern viele verschiedene. Richtig ist es vermutlich, zu sagen, dass es mit der Entwicklungsgeschichte zu tun hat. Ein Rest unseres Urinstinkts des Jägers und Sammlers ist geblieben. Dazu kommt die Freude am Schönen, am Austausch mit Gleichgesinnten. Sammeln hat eine starke soziale Komponente und es hat viel mit Ordnung zu tun. Der Mensch will eine geordnete Welt. Eine Sammlung hilft, die Welt in den Griff zu bekommen.

Gibt es geschlechtsspezifische Unterschiede?

Reichel: Was man sicher sagen kann: Je geordneter ein Sammelgebiet, desto männlicher. Männer sammeln bevorzugt in Bereichen, wo klare Ordnungskriterien gelten, Münzen beispielsweise. Wie viele Frauen sammeln Briefmarken? Vermutlich sehr wenige. Frauen sammeln lieber Dinge, die sie selber nach eigenen Kriterien ordnen können. Voraussetzung fürs Sammeln generell ist genug Freizeit.

Wer sammelt häufiger, Männer oder Frauen?

Reichel: Die genauen Zahlen kenne ich nicht. Was man sagen kann: Männer sammeln organisierter, sind häufiger in Vereinen und klarer als Sammler definiert. Frauen sammeln oft etwas, das stark in ihr Alltagsleben eingebunden ist. Kinderkleidung etwa oder die ersten Schulhefte. Dinge, bei denen kaum jemand von einer Sammlung sprechen würde.

Gibt es den typischen Sammler?

Reichel: Ich glaube nicht. Man muss aber sicher einen gewissen Hang zur Systematik, zur Ordnung haben. Und den Drang, sich mit einem Gebiet intensiver auseinander setzen zu wollen. Sammeln hat auch mit Wissen zu tun. Über kurz oder lang wird jeder Sammler zum Experten. Fast alle, die sammeln, möchten es auch zeigen, etwa in einer Ausstellung. Nur wenige sammeln <heimlich>.

Viele der porträtierten Sammler gaben an, zufällig zu ihrer Sammelleidenschaft gefunden zu haben.

Reichel: Das ist typisch, zu sagen, es sei Zufall. Zuerst war da ein Sammlerstück, dann zwei und später haben alle Freunde etwas dazugeschenkt. Die Sammlung wächst quasi, ohne dass man selber etwas dafür kann. Es kommt selten vor, dass ein Sammler darüber reden kann, warum er sammelt. Viele sagen, es sei die Freude am Schönen und Skurrilen.

Was ist die skurrilste Sammlung, von der Sie wissen?

Reichel: Ich kannte jemanden, der Musikmanuskripte sammelte. Da war alles dabei, vom Mozart-Autograph über Zeitungsartikel bis zu einer flüchtig hingekritzelten Notenzeile. Die Sammlung war extrem chaotisch und der Betreffende sagte immer, er wolle es ordnen nach der Pension. Leider ist er früh verstorben. Als wir die Schränke öffneten, kam uns alles entgegen und wir dachten, um Gottes willen, wie sollen wir uns da einen Überblick verschaffen.

Wo ist denn der Übergang vom Sammler zum Messie?

Reichel: Das ist schwierig zu definieren, hängt auch von den Lebensumständen ab. Selbst wenn jemand 1000 Paar Schuhe hat und sie schön versorgt und ordnet, spricht kaum jemand von einem Messie. Messie ist ein psychisches wie auch soziales Phänomen. Etwas, das massiv das Leben negativ beeinträchtigt, gar die Familie finanziell ruinieren kann. Die unterschiedlichen Formen des Sammeltums behandeln wir übrigens auch in unseren Museumsgesprächen, die am 24. Oktober mit dem Thema Messie starten.

Sammeln Menschen heute öfter oder seltener als früher?

Reichel: Sicher ist, das Sammeln hat sich verlagert. Viele bekannte Museen gehen auf Sammlungen aus dem Spätmittelalter und der Renaissance zurück. Heute stehen meist nicht die grossen, wertvollen Sammlungen im Zentrum, sondern jene von Normalbürgern. Sammeln ist heute beliebte Freizeitgestaltung.

Und was sammeln Sie?

Reichel: Mir laufen eigenartigerweise Gläser zu. Gläser um 1900, Biedermeiergläser. Ich sammle aber weder sehr systematisch noch kenntnisreich. Kollegen gegenüber betone ich jeweils, ich sammle doch nicht, aber sie bringen immer wieder neue Gläser.

Also eine rein zufällige Sammlung?

Reichel: Genau. Die Gläser laufen mir einfach nach. Ich werde quasi zwangsgesammelt.

Interview: Corinne Allenspach

Ei, Ei: Natureier-Sammlung von Béatrice Schläpfer, Engelburg. (Bild: pd)

Ei, Ei: Natureier-Sammlung von Béatrice Schläpfer, Engelburg. (Bild: pd)

Telefone mit Wählscheibe und Kabel: Cornel Lehmann, Arnegg. (Bild: Coralie Wenger)

Telefone mit Wählscheibe und Kabel: Cornel Lehmann, Arnegg. (Bild: Coralie Wenger)

Michaela Reichel Direktorin Textilmuseum St. Gallen (Bild: Quelle)

Michaela Reichel Direktorin Textilmuseum St. Gallen (Bild: Quelle)